New Orleans hat mich gefunden

Meine Zeit im Oktober und November 2011 in New Orleans war eine wertvolle Erfahrung. Wie geht es New Orleans heute, sechs Jahre nach Hurrikan Katrina? Woher hat die Stadt die Kraft zum wieder Aufstehen, die Resilienzfähigkeit? Welche Rolle spielt die Musik, die viele Live-Musik in der Stadt des „big easy“?

In den OÖN habe ich meine Erfahrungen unter dem Titel „Gang durch New Orleans“ zusammengefasst.

In Vorträgen stelle ich meine Erfahrungen anhand von Bildern und selbst gemachten Videos zur Verfügung. Der gesellschaftspolitische und praktische Bezug zu uns in Europa und Oberösterreich steht dabei im Mittelpunkt. Viele konkrete Menschen in der Stadt haben mir „ihre Stadt“ gezeigt. Nicht internationale Konzerne oder große Hilfsprogramme lassen die Stadt aufstehen, sondern die vielen einzelnen Menschen und Communities hauchen der Stadt neues Leben ein.

Es ist Zeit, wieder neu anzufangen

Nicht nur das alte Jahr ist mittlerweil alt. Auch mein berufliches Umfeld vom vorigen Jahr habe ich im alten Jahr gelassen, in die Geschichte gestellt, bescheiden und ambivalent. Eingestiegen bin ich vor einem Jahr „in das Partei übergreifende Zukunft-Denken“. Dieses Denken und Tun hat als inneres Prinzip „Suprise Factors“ gehabt. Das Aufmerksamkeitsradar für eine offenen Zukunftsgestaltung war nicht begrenzt. „Quer und frei“ stand über dem Horizont. Die Ideen und Erkenntnisse international anerkannter ExpertInnen treffen auf politisch Verantwortliche und EntscheidungsträgerInnen. Partizipativ und involvierend werden die Ideen mit der Bevölkerung gemischt, bis ein konkretes „to do“ sichtbar und realisierbar ist.

Da kam Lust auf, mitzumachen, mitzugestalten und mitzugehen.  Alles Neue „verzaubert irgendwie“. Gleichzeitig fliegt eine Last mit, dass doch alles ganz anders werden kann als am Anfang gedacht. Herausforderungen (oder landläufig Probleme) werden anders, wenn sie in einen anderen Rahmen gestellt werden. Das birgt Überraschungen. Eine interessante Erfahrung. Als Person bin ich in einem anderen Rahmen gelandet, der zu Beginn noch kein Rahmen war. So war es auch gedacht. Der neue Kontext schafft neue Spuren. Neue Personen, neue Ideen, neue Arbeitsweisen, neue Zielsetzungen, neue Werthaltungen treffen auf einen sozial- kirchlich-basis-orientierten Theologen und Kommunikationslotsen. Der war ich. Die neuen Spuren treffen bald auf alte eingegangene Pfade. Schwerkraft dorthin macht sich breit. Ich habe es solange als spannend empfunden, bis einige der großen anfänglichen Leuchtfeuer am Horizont schwächer wurden: unabhängig – quer – surprise – involvierend. Die Spurensuche auf das Neue, das Überraschende, das tiefer Liegende wurde schwerer. Schon viel befahrene Straßen mit noch höherer Geschwindigkeit befahren war die „Ablenkung“.

New Orleans im Herbst hat mir ganz deutlich gezeigt, dass ich mich mit dieser Aufgabe bei Academia nicht auf „meinem Weg“ befinde.  Immer wieder erhob sich in mir der Satz eines Franziskus-Gebetes: „Gib mir das Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen Auftrag erfülle, den du mir in Wahrheit gegeben hast.“ Diese Weisheit kam nicht fromm daher. Von Woche zu Woche wurde mir immer klarer, dass dieser Job nicht meine Aufgabe und mein Auftrag ist. Veränderte Rahmenbedingungen forderten mich klar heraus. Wo ist mein Weg? Wo liegen meine Stärken und Fähigkeiten? Schmerzlich war in diesem Zusammenhang die Erfahrung, dass der „konkrete Mensch“ in der (Partei)Politik keine Rolle spielt. Auch der Großteil der ExpertInnen arbeitet „mit und an Systemen“. Die Menschen kommen indirekt nur über Studien und Umfragen vor, nicht aber in seiner „ganzheitlich-haptischen Einzigartigket“. Und so kam die Zeit, „die Geschäfte gut weiterzugeben“ und dem „Unternehmen AS“ alles Gute und Erfolg zu wünschen.

Mein Blick zurück ist gehalten von einem dankbaren Herzen. Offene Augen und Ohren rechnen mit einer neuen „Zumutung“ als meinen konkreten Beitrag zu einer solidarischeren und gerechteren Zukunft. Solidarität und Gerechtigkeit habe ich genauso selten gehört so wie Empathie und „WIR„. Die Hochleistungs-Elite hat keine Zeit mehr zum Philosophieren. Das begründet schließlich unsere postdemokratischen Verhältnisse.
Unsere Eltern haben mir Gott sei Dank drei „Dinge“ gelernt bzw. vorgelebt:
1. Eine eigene Meinung bilden, dazu aufrecht stehen und ins Gemeinsam einbringen.
2. Die Schwächeren und Benachteiligten nie aus den Augen verlieren und für sie da sein.
3. Der gängigen Mehrheitsmeinung mit einer Portion Misstrauen begegnen.

Ein gesunder Hausverstand erspart unnötige Kosten und Mühen. Die tiefe persönliche Intuition zeigt uns den Weg. Die Lösungen liegen in den wertschätzenden, sinnstiftenden Begegnungen und Tätigkeiten. Der Mensch wird in einem „guten WIR auf Augenhöhe“ das Leben am besten meistern. In dieser „Gegend“ will ich weitergehen.

 

Im Kraftvollen wie im Verletzlichen

„Gott wird in mir und uns geboren – im Kraftvollen genauso wie im Verletzlichen“, so lese ich es in der Weihnachtsnummer des Publik Forums. Es spricht mich an, weil diese Weisheit das ganze Leben in den Blick nimmt. Wenn ich rund um mich schaue, erlebe ich beides: das Kraftvolle und das Verletzte. An diesen etwas nachdenklicheren Tagen öffnen sich Augen, Ohren und alle Sinne für einen breiteren Blick. Ich bin dankbar, dass mich weder Hektik noch ein unbestimmtes „Müssen“ erfasst hat. Loslassen und hineinlassen in Menschen und Situationen, die uns in die Mitte führen.

Helmut Renöckl hat dieser Tage am Telefon gemeint, dass es eine „Koalition der Nachdenklichen“ braucht. Unsere Eltern haben uns drei Dinge gelernt, gelehrt – nein: vorgelebt: 1. Eine eigene Meinung bilden und dazu stehen. 2. Die Schwächeren nie aus den Augen verlieren und für sie einstehen. 3. Der gerade gängigen Meinung gesund misstrauen.

Wenn das alles mit einem guten Gemeinschaftsleben verbunden ist, führt es mich direkt zur Krippe, zum Kind, weit draußen. Alle hochtrabenden Zeremonien rund um das „Fest“ sind mir suspekt. Einfachheit, eine stille, singende Verbundenheit richtet auf. Ich weiß, dass viele auf der spirituellen Ebene so verbunden sind und einander aufrichten. Ich lese weiter. „Ich ahne, dass sich die Geburt Gottes in der Seele in der Hingabe an das Leben ereignen könnte.“  – nicht könnte, sondern wird: kraftvoll und verletzlich!

Eine gesegnete Zeit!

Wie wird der Mensch widerstandsfähiger (resilienter)?

Was sind Faktoren für die Steigerung der Resilienz-Fähigkeit? Was macht resilienter? – widerstandsfähiger?

1. Soziale Kompetenz und Netzwerke:

  • Sich nicht nur für sich selber interessieren – empathischer Dialog auf Augenhöhe mit unterschiedlichsten Menschen (Alter, Beruf, Region, Religion, Sprachen,…)
  • Schwächen zugeben und Hilfe annehmen können
  • Freundschaften, die wirklich gepflegt werden

2. Kontrollsinn („Steuersinn“):

  • Wofür gebe ich das Budget aus, das mir zur Verfügung steht?
  • Wie und wann schlafe ich?
  • Sich nicht als Opfer definieren, sondern als Gestalter meiner Möglichkeiten agieren!
  • Entdecken und Ausnutzen des Spielraumes, der in jeder Situation steckt!

3. Richtungssinn („Wohin geht die Reise!“):

  • Wer das Ziel kennt, geht leichter.
  • In jeder Situation Sinn entdecken können („Was ist der Anstoss für mein Leben aus dieser (fatalen) Situation?“)
  • Das Positive am Querschlag sehen können
  • Urvertrauen: Es ist gut – es wird gut – ich bin wertvoll

 

GEHEN und PILGERN

Ein buddhistisches Sprichwort meint: „Es wird im Gehen gelöst“. In der Bibel ist nachzulesen: „Und Jesus ging auf einen Berg.“ Das ganz einfaches und bewusstes Gehen über weite Strecken ermöglicht Erlebnisse, die Spiegelbild unseres Lebens sind: › Wo liegt unser Ziel? › Was nehmen wir mit? › Wie gehen wir mit Schwierigkeiten um? Die Natur ist die beste Therapeutin. Sie kommt uns jeder Minute und mit jedem Schritt entgegen. Naturbilder sind im Gegensatz zu technischen und digitalen Bildern „warmherzige Begegnungen“. Schon das Erzählen von solchen Erfahrungen (Vorträge vom Assisi-Gehen 2009, der Österreichdurchquerung 2004 oder New Orleans 2011) lässt Menschen durchatmen und die Sehnsucht nach dieser Bewegung erwachen. Gelassenheit ist die Folge. Nicht ich baue das Leben, sondern das Leben kommt mir entgegen. Für Pilger wird im Laufe des Weges immer klarer woher. Das Leben ist ein Geschenk, das Geschenk Gottes an mich, an uns. Glück, Erfüllung und Dankbarkeit sind die Folge. Dankbarkeit bleibt.

„Als Vagabund in New Orleans“ – am 30. Dezember 2011 in Kirchschlag

Viele Menschen sind neugierig, wie ich meinem vierwöchigen Aufenthalt im Oktober und November 2011 in New Orleans erlebt habe. Was habe ich mitgenommen von diesen vier Wochen? Meine Aufenthalt war geprägt von drei Wahrnehmungsfeldern:
1. Rebuilding after Katrina 2005 (Wie weit ist der Wiederaufbau?)
2.  What’s about the music an musicians in this city (Welche Rolle spielt die Musik?)
3. The power of Resilience after individual and collektive desasters (Woher kommt die Widerstandsfähigkeit bei Schicksalsschlägen?)

Aus den Erlebnissen und Begegnungen leite ich viele Anregungen für uns hier in Oberösterreich und das Leben in den Dörfern und Städten ab. „Prüft alles und behaltet das Gute“, so steht es in der Bibel. In vielen Bereichen sind wir „sozialer und gemeinschaftlicher aufgestellt“. In anderen Bereichen habe ich Anregungen eingepackt.

Mein erstes Erzählen wird in Kirchschlag so angekündigt:

Ferdinand Kaineder erzählt anhand von Bildern von seinem vierwöchigen Aufenthalt in New Orleans, der Weltstadt des Jazz und Blues, sechs Jahre nach der Katastrophe durch Hurrikan Katrina, der 80% der Stadt unter Wasser gesetzt hat. Wie leben die Menschen in der Stadt am Mississippi? Wie schaffen sie den Wiederaufbau? Lebensfreude und Fröhlichkeit kennzeichnet die Stadt des „Big Easy“. Welche Rolle spielen dabei die vielen Musikerinnen und Musiker? Neue Formen des Gemeinschaftslebens sind im Entstehen. Durch die vielen Begegnungen mit Menschen „von unten“ entsteht ein anregendes Bild dieser Stadt am Mississippi. Kaineder hat nicht nur Erinnerungen in den Rucksack gepackt, sondern auch Anregungen für ein neues Leben hier in Europa, in Oberösterreich.

FR 30. Dezember 2011

um 19.30 Uhr

St. Anna Pfarrzentrum Kirchschlag

Serviert wird an diesem Abend auch ein typisch kreolisches Gericht („Jambalaya“)

Eintritt: „Freiwillige Gifts“

Alle sind herzlich eingeladen – von Nah und Fern!

Schlusspunkt zu New Orleans 2011: „You’r wellcome!“

Bei jeder Gelegenheit, wo wir  in Österreich „Danke“, „Gerne“ oder „Bitte“ sagen, höre ich hier „You’r wellcome“. Das wird mir fehlen. Es ist ein Ausspruch, der so viel Gehalt hat und die tiefe Haltung der Menschen hier charakterisiert: Jeder und jede ist herzlich willkommen. Diese positive Zugehen aufeinander, ist „unique“, wie eine Mitbewohnerin aus New York gerade neben mir betont. Dort erlebt sie die Schwarzen im Ghetto, hier sind alle durchmischt „and so friendly“.  Ich kann ihr an meinem letzten Tag hier in New Orleans nur rechtgeben. So habe ich diese Stadt erlebt. Die Musik macht mit den Menschen so viel Positives, „vibrations with energy“. Alles ist langsamer, nicht so ernst, nicht so tragisch. In mein Tagebuch habe ich vor Tagen im Blick auf Europa und die technisierte Welt geschrieben: Der Mensch hat die Chance, am eigenen Egoismus  zugrunde zu gehen. Gestern abends überreichen mir zwei Frauen einfach so ein „Thanksgiving“.

Nochmals die Plätze der „Eintagestouristen“ aufsuchen

Am vorletzten Tag  meines Aufenthaltes habe ich einen Versuch  unternommen. Ich habe mir vorgestellt, dass ich einen ganzen vollen Tag zur Verfügung habe und die touristischen Highlights besuche: Street Car Canal Street, Street Car St. Charles Ave mit Garden District, Jackson Square, einen Kaffee im Du Monde, Kathedrale, mit der Fähre ans andere Ufer des Mississippi  Algiers Point und retour, Royal Street Galerien, Coop’s Place Abendessen, Frenchman Street (Music Cafes) und durch die Bourbon Street („Ballermann mit einzelnen Ausnahmen“) zurück zur Canal Street. Viele verlassen so die Stadt und nehmen ganz sicher positive Eindrücke mit und haben die Stimmung aufgenommen. Sie haben viel Musik gehört, weil auch auf den Straßen viel hochqualitative Musik gemacht wird. Am Abend in der Straßenbahn ins Hostel bin ich mir ganz sicher: Gut, dass ich länger Zeit hatte, in diese Stadt einzutauchen.

Der letzte Tag gehört den Plätzen meiner emotionalsten Begegnungen

Ich habe Vicki und ihre Freundin Leila kennengelernt. Mit Vicki  treffe ich mich um 8am zum Frühstück. Sie ist eine herzenswarme Frau und arbeitet bei „Entergy“. Sie erzählt, dass sie gerade einem 10-jährigen Buben Heimat gibt und ihm anbietet, ganz bei ihr zu wohnen und Familienmitglied zu werden. Die Adoptiveltern haben ihn im Stich gelassen.  Gastfreundschaft, konkret helfen, so viel Freundlichkeit und Vertrauen in das Leben. Danke für solche Menschen.  Dann gehe ich durch den French Quarter (Royal Street) zum Royal Postoffice (gebe die letzten Karten auf) und hinauf zum Amstrong Park. Dort verweile ich lasse mein so zahlreichen musikalischen Emotionen freien Raum. Der „Homeless shelter“ ist meine nächste Station. Ich möchte einfach dort sitzen und mit den Leuten auf das Leben warten. Ich führe das eine oder andere Gespräch und bin wieder erfüllt von dieser „respektvollen helfenden Atmosphäre“. Here is Jesus. Um 12.15 besuche ich die Mittagsmesse in St. Joseph am Tag der heiligen Cäcilia. Die Messe ich nicht in der großen Kirche, sondern in der kleinen Kapelle und vorne hängt das Franziskuskreuz mit der Botschaft in Assisi: „Bau meine Kirche auf.“ Ich spreche nachher lange mit dem Priester. Er hat in seiner kurzen Predigt zum Evangelium, dass keine Stein auf dem anderen bleiben wird, das dauernde „Beben rund um die Kirche wegen der Baustellen“ und die Flut erwähnt und uns mitgeben: „All wie need is a little faith.“ Dann brauchen wir nicht verzweifeln.  Wie recht er doch hat! Dann telefoniere ich ein letztes Mal mit Gerlinde über Skype, setze mich mit den gewonnen Freunden hier Hostel zusammen.

Was nehme ich mit? – „Gratefullness – tiefe Dankbarkeit“


Natürlich steigt mit Blick auf die Heimreise die „Spannung“, ob alles wieder gut geht. Reisen ist immer davon geprägt, „den Anschluss zu finden“. Flughäfen sind besondere Orte für Anschluss-Suchende. Das werde ich sein. Ich freue mich schon sehr darauf. Ich war auch in dieser Stadt ein „Anschluss-Suchender“ und wurde sehr reich beschenkt.  Einen kleinen Einblick habe ich mit dem Blog versucht zu geben. Geteilte Erfahrung ist doppelte Freude. Wenn ich zurückblicke, dann kann ich meine innere Stimmung nicht anders beschreiben als damit, dass ich von großer „gratefullness“ erfüllt bin. So viele Menschen auf Augenhöhe kennengelernt zu haben, das hat auch bei mir Spuren hinterlassen. Ich bin gekommen, um sechs Jahre nach Katrina den Wiederaufbau zu sehen, die Musik zu hören und zu „studieren“, was sie mit den Menschen „macht“ und die „Resilienzfähigkeit“ einzuordnen.  In allen drei Punkten bin ich für mich „fündig“ geworden. Diese Erfahrungen nehme ich auch neue Kompetenz mit.  Dass vieles als einem besonderen „Commons-Geist“ erwächst (neighborhood, music, gardening, rebuilding,…) führt mich dazu, mich mehr im „Commons-Empowerment“ zu engagieren.

Weil viele Ideen, Energie und Resilienz  (Widerstandskraft) aus dem  „empathischen, aktivierenden Dialog mit den lokalen Menschen und Gegebenheiten“ kommt, überlege ich, mich als „local detective“  zu verstehen. Beides erfüllt mich mit tiefen Emotionen und eben mit großer Dankbarkeit.  You’r wellcome!

Danke allen, die mitgelesen, mitgelebt, mitgetragen und mitgebetet haben. Ich fühlte mich immer getragen von einer tiefen gemeinsamen Kraft. Seid alle behütet. Und – ich freue mich auf daheim.

Gehört die Stadt den Autos, wird sie gesichtslos wie Baton Rouge

Schon der Ausspruch eines Freundes „Geh nicht nach Amerika – geh nach New Orleans“ hat mich heute früh veranlasst,  die Stadt zu verlassen, um einen „Vergleich“ zu haben. Darüber werden jetzt natürlich alle Amerikabegeisterten und Amerikarundreisenden herzhaft lachen.  Da fährt er einen Tag in die Bundeshauptstadt von Lousiana, Baton Rouge, und glaubt, etwas über Amerika sagen zu können. Wir werden sehen.

Die Sümpfe charakterisieren diesen Bundesstaat

Die Fahrt mit dem „Swift-Bus“ in die ca. 130 km (80 Meilen) entfernte Hauptstadt des Bundesstaates Baton Rouge ist beeindruckend. Gehört habe ich, dass der Amerikaner alles dem Auto „darbringt“, vor allem breite Straßen. Wir fahren allerding sicher 1/3 der Strecke auf Brücken über die Sümpfe des Mississippi. Der Mensch hat sich hier den Sumpf konkret etwa 6 Meter untertan gemacht, damit er mit seinem Auto „frei“ ist. Die Sümpfe sind wirklich beeindruckend. Darum ist „Seafood“ das wirklich lokale – und schmeckt auch ausgezeichnet. Der Bus ist halbvoll und die Hin- und Rückfahrt kostet 10 $ – eigentlich ein Geschenk. Genutzt wird er eher von Schwarzen, von Älteren und Ärmeren. Auch der Greyhound-Bus (so erzählen Mitbewohner) ist vorwiegend von „Vagabundierenden und Ärmeren“ benutzt. Die Identität einer amerikanischen Seele wird definitiv durch eine Auto und ein Flugticket bestimmt – entweder im Haben oder in der Sehnsucht danach.

Die gesichtslose Stadt Baton Rouge

Wer einen Tag Zeit hat, kann natürlich nicht durch die ganze Stadt wandern. Es geht schnurstracks ins Zentrum. Dort stehen riesige Gebäude. Dazwischen sind breite Straßen und unglaublich viel Parkplatz. Die unteren Etagen sind für das Auto bestimmt. Nirgends finde ich kleine Geschäfte und erst im Shaw-Center hat ein Restaurant offen. In New Oleans undenkbar. Dort gehört das Erdgeschoss den kleinen unzähligen Cafes und Geschäften.  Christoph Chorherr hat in seinem Buch „Verändert!“ das auch beschrieben. Wo das Erdgeschoss dem Auto gehört (Garagen etc.),  dort wird eine Stadt oder ein Stadtviertel „gesichtslos“. Und genauso erlebe ich heute die Hauptstadt im Zentrum: ausgestorben und autofrei. Ich bin ganz fest überzeugt, dass wir dem Auto wieder Platz und Rang ablaufen müssen. Das Fahrrad ist eigentlich „das“ Verkehrsmittel des urbanen Menschen und die Füße sollten wir auch nicht unterschätzen, wie weit und gesund sie uns tragen. Den Besucht gerettet hat die Aussicht  (trotz Nebel) vom Regierungsgebäude, der Park und der Besuch des Gottesdienstes in der St. Joseph Church. Diese Kirche ist sein 50 Jahren Bischofssitz. Alles erinnert mich an die Zeit in der Dompfarre Linz, auch das Pfarrcafe. Die Kirche ist halbvoll und der Chor singt in liturgischen Gewändern. Es sind verhältnismäßig viele junge Paare, die „verliebt“ in den Bänken sitzen und sehr aufmerksam mitfeiern. Die Diözese Baton Rouge hat nach Katrina die Erzdiözese New Orleans mit Infrastruktur und Personal tatkräftig unterstützt.

Nebel und Nachdenklichkeit in New Orleans

Ich steige aus dem Bus am Abend wieder aus und ein schwüler Dunst schlägt mir entgegen. Die Thanksgiving-Beleuchtung ist seit gestern schon überall angebracht. Der feiner Nebel legt eine ganz bestimmte, nachdenkliche Stimmung über die Stadt. Wie ich mit der Straßenbahn zurückfahre, muss ich an Canny denken. Es war damals im November noch kein Strom da und alles war finster. Das muss wirklich „enterisch“ gewesen sein.  Ich selber bin ob meines bevorstehenden Abschieds auch ein wenig wehmütig, aber zugleich auch freudig auf Daheim. Dieses aufmerksame Vagabundendasein auf der unteren Stufe einer Stadt hat mich sehr verlangsamt, dem Wesentlichen angenähert und dankbar gemacht. Wer sich mit großer Offenheit auf die Menschen und diese Stadt zubewegt, der wird gefunden – von der Stadt. Es ist etwas ganz anderes, einem Homeless ins Gesicht zu schauen, mit ihm zu reden und zu essen, als Studien, Statistiken und Berichte über ihn zu machen. Jede Begegnung hat mich genährt, ganz gleich mit wem. Ich bin heute schon dankbar für diese Zeit hier, weil sie mich sehr ehrlich und ungeschminkt in und hinter das hiesige Leben geführt hat. Auch für die Ideen und Anregungen, die ich nun mit nach Hause nehme und noch „ordnen und strukturieren“ werde, bin ich dankbar. Diese Stadt hat ein „Gesicht, hat viele Gesichter“, die stolz sind auf ihre Stadt. Die Musik, die Kunst begründen eine gewisse „Ausgelassenheit“. Diese Menschen denken das Leben trotz des harten Schicksalschlages „leicht“ (easy), das strahlen sie aus und das bekommen sie wieder zurück. Diese „Leichtigkeit“ ist in einem tiefen Vertrauten und oft auch Glauben begründet und wird in den verschiedensten „Communities“ gepflegt. Sie nehmen nicht alles so ernst, legen nicht alles auf die Waagschale, rechnen auch damit, dass etwas schief gehen kann. Selbst die Rauferei (die erste, die ich erlebt habe) gestern in der Street Car war sofort bereinigt und ein Schwarzer hat schon wieder seinen Spaß gemacht. Hier werden die Probleme nicht vertieft oder gepflegt, sondern das gute, leichte Leben in den Mittelpunkt gestellt. Take it easy – das nehme ich in jedem Fall mit. Und gibt es da nicht ohnehin eine Weisheit, das Unveränderbare vom Veränderbaren zu unterscheiden? In den Lebensweisheiten wachsen.