Andreas Geiger vom kbw der Diözese St. Pölten hat mir für das Magazin „Antenne“ einige Fragen zum Weitgehen, Pilgern und die Hoffnung für die Menschen in Europa gestellt. Er hat mir sehr gut zugehört. Deshalb möchte ich das Gespräch hier zugänglich machen.

 

Andreas Geiger: In unserer Diözese werden die Angebote fürs Pilgern immer mehr und sie werden auch sehr gut angenommen, die Teilnehmerzahlen steigen – man hat den Eindruck: „Pilgern boomt“. Woran liegt das?

Kaineder Ferdinand: Pilgern trifft auf eine Ursehnsucht des Menschen. Aus meiner Erfahrung macht „weit gehen“ etwas mit dem Menschen und zwar auf drei Ebenen: Erstens körperlich – der Körper darf das tun, wozu er gemacht ist – er darf sich bewegen. Das zweite ist eine mentale Ebene – die Menschen spüren, dass wir einerseits sehr stabil leben, fast wie in einem Gefängnis gleichzeitig fast uferlos in den digitalen Räumen. Beim Gehen kommen einem dagegen richtig nährende Bilder entgegen, die einen herausholen aus dem, was sich verfestigt hat. Wir Menschen leben eher elliptisch – kreisen immer irgendwie um zwei Brennpunkte. In diesem Fall das Feste, fast Kristalline und auf der anderen Seite das Fluide. Auf ein Ziel hingehen bewirkt mentale Zufriedenheit und Gehen ist die Geschwindigkeit der Seele. Das alles bewirkt mentales Wohlbefinden. Die dritte Ebene, die eine Rolle spielt, ist die spirituelle Ebene. Das Pilgern, das Gehen öffnet den Menschen. Man steigt aus der Haltung des produktiven Tun und Machens aus und nimmt eine Haltung der Dankbarkeit für alles, das einem entgegenkommt, ein. Das ist ein zutiefst spiritueller Akt!

 

A: Bleiben wir gleich beim Spirituellen. Ist Pilgern eine Antwort auf das Bedürfnis nach Spiritualität, das durch traditionelle kirchliche Angebote oft nicht erfüllt werden kann?

K: Viele Menschen verbinden mit Kirche oft sehr negative Erfahrungen und Bilder. Sie verstehen sich oft auch als nicht religiöse Menschen. Hingegen klingt der Begriff „spirituell“ sehr viel mehr nach Freiheit und Offenheit. Hier liegt die Chance übers Pilgern mehr den Atem der Freiheit zu ermöglichen. Das gelingt nur, wenn sehr wenig „Programm“ gemacht wird, und dafür viel Raum zum „leer werden“ geboten wird.

 

A: Wodurch unterscheidet sich  Pilgern von Weitwandern, wo in erster Linie das Outdoorerlebnis ohne spirituellen Anspruch im Mittelpunkt steht?

K: Hier kommt es darauf an, wie man Spiritualität versteht. Das Anliegen des Papstes in „Laudato si“ ist kurz zusammen gefasst, dass wir von einem technokratischen zu einem sozial, ökologisch, spirituellen Menschenbild kommen. Das heißt, dass wir von einer viel größeren Dimension umgeben sind. Ich kenne „Hardcore-Wissenschafter“, die nach mehrwöchigem unterwegs sein, gesagt haben: Dieses technokratische Weltbild hat es mir am meisten zerbröselt. Und das ist die Voraussetzung, dass einem Gott wirklich begegnen kann. Das Fremde, das einem begegnet, ist der Nährboden für eine Gottesbeziehung.

 

A: Und da kommt es nur auf die Haltung an oder sollte ich da auch was dazu tun?

K: Das einfachste ist „nur gehen“ – ohne messen und ohne allzu viel planen. Ich verzichte nach Möglichkeit auf alle elektronischen Unterstützungshilfen. Das ist vor allem beim Alleine-Gehen möglich. Vieles kommt einem entgegen, wenn man geöffnet ist und wenn man sich bewegt – das gilt auch für Organisationen, die oft auf der Stelle treten.

 

A: Wo liegen die Unterschiede: Alleine oder mit anderen pilgern?

K: Ich kenne alle Varianten, allein, zu zweit oder in der Gruppe. Alleine ist sicher am anspruchvollsten. Ich bin voll auf mich zurück geworfen. „Wer bist du, wenn du mit dir alleine bist.“ So steht es auf einem Plakat, das in meinem Büro hängt. Zu zweit kommt es sehr auf das gegenseitig Abgleichen und Synchronisieren an. In der Gruppe ist mir wichtig, dass alle in ihrem Tempo unterwegs sind, dass uns aber ein unsichtbares Gummiband zusammenhält, dass zumeist ab dem dritten Tag richtig spürbar wird. Da öffnen sich die TeilnehmerInnen untereinander und wir sind in immer unterschiedlichen Kombinationen unterwegs.

 

A: Was ist förderlich beim Pilgern bzw. was sollte man vermeiden?

K: Wenig einpacken, sehr einfach und funktionell. Wenn ein technisches Gerät mit ist (z.B. Handy), dann nur als Sicherheit. Sonst ausschalten und wegpacken. Ganz wahrnehmen, was ist ohne Ablenkung. Nicht alles planen. Alles was Druck erzeugt vermeiden. Singen ist immer förderlich – entweder allein oder in der Gruppe. Sein Tempo gehen. Man braucht Ziele aber der Gedanke an Leistung ist schädlich. Wenn möglich: mindestens drei Wochen am Stück unterwegs sein. Ein Tag ist besser als nichts. Mehrere Tage braucht der Körper für die Umstellung, nach 10-14 Tagen beginnt sich auch mental etwas zu verändern.

 

A: Worauf sollte man achten, wenn man mit einer Gruppe als PilgerbegleiterIn unterwegs ist.

K: Dass man weiß, wo der Weg ist! (lacht) – ist mir erst letztes Mal mit einer Gruppe zweimal passiert, dass wir kurz den Weg verfehlt haben.

A: Das kann ein Bergführer auch – wo ist der Unterschied zwischen PilgerbegleiterIn und BergführerIn?

K: Kein wesentlicher. Als Begleiter sehe ich mich als „Hebamme“. Die größte Gefahr ist ein Zuviel – auch bei spirituellen Punkten. Das „Gummiband“ ist etwas Wesentliches. Gemeinsame Pausen und dazwischen gehen. Gemeinsam essen. Ich lese keine Texte mehr vor. Eventuell nehme ich einen Begriff für den Tag, den ich in den Raum stelle, mitgebe. Bewusstes innehalten ist etwas zutiefst Menschliches. Am Abend einen gemeinsamen Abschluss, wo je nach Situation ein Austausch Platz hat oder auch gemeinsames Singen. Schweigen. Hohe Qualität hat, wenn gemeinschaftliches Erleben spürbar wird und wenn TeilnehmerInnen eine tiefe Zufriedenheit spüren können.

 

A: Was waren nachhaltige Erlebnisse beim Pilgern

K: Man hat als Pilger offensichtlich eine Aura um sich, die auf andere wirkt. Ich war in Padua in der Messe. Schon während der Messe hat mich ein Mann immer wieder angesehen. Nach der Messe geht er auf mich zu und umarmt mich. Er erzählt mir, dass er seine Frau verloren hat und keinen Sinn für sein Leben findet. Ich hab ihm versprochen sein Anliegen mit nach Assisi zu nehmen.
2012 kam ich auf dem Weg nach Volkenroda dort ins evangelisch-ökumenische Kloster, das um 1989 halb verfallen war. Mein Ziel. Es war Ostermontag und es wurde gerade Gottesdienst gefeiert. Ich betrat die Kirche unter lautem Quietschen der Tür. Alle Blicke waren auf mich gerichtet – und dann begann Chor und Orchester mit wunderschöner Musik. Tränen über meine Wangen.

 

A: Was kann ich vom Pilgern ins Leben mitnehmen?

K: Ich habe mir vor allem die tiefe Haltung der Dankbarkeit und Gelassenheit mitgenommen. Die Aufmerksamkeit dafür, dass mir Lösungen oft entgegenkommen und ich nicht immer tun und machen muss. Und ganz wesentlich ist, das Ziel zu imaginieren – auch wenn es noch weit weg ist wie die 52 Tage nach Assisi. Und die Orientierungsfähigkeit – wieder nicht nur fürs Gehen, sondern das „Mapping“, das heißt die Dinge des Alltags in größeren Zusammenhängen sehen. Ich bin nicht nur der kleine Steineklopfer, sondern der Mitbauer an der Kathedrale.

 

A: Für unsere Jahrestagung haben wir als Thema geplant:  Hoffnungen für die Menschen in Europa  – hat Pilgern nur persönliche Relevanz oder liegt da auch eine Chance für die Gesellschaft drin?

K: Ich nehme wieder das Bild der Ellipse her: Gesellschaftlich liegt der Focus sehr auf den (eigenen) Wurzeln. Dabei wird der Anschluss an Anderes, das verbindende Denken, die Synapsen vernachlässigt. Durchs Pilgern wird die Anschlussfähigkeit gestärkt und man lernt den Reichtum des Fremden neu zu schätzen. Insofern sind diese Pilgerwege eine einzige Einladung für das „Aufeinander zugehen“. Und natürlich haben diese Wege auch einen christlichen Hintergrund. Und im Christentum ist immer im Fokus, dass es um das möglichst gute Leben für ALLE und nicht nur für einige wenige geht. Ich kenne niemand, der unterwegs war, der nicht von vielen positiven Erfahrungen berichten kann. Ich kenne aber viele, die Haus gebaut haben, am liebsten einen meterhohen Zaun um ihr Leben errichten wollen und erfüllt sind von Angst vor allem Fremden. Ich erlebe beim Gehen sehr oft eine enge Verbindung mit Menschen, die gar nicht körperlich anwesend sind. Ich schreibe dann oft am Ende eines Tages Briefe an Menschen, die mich im Geist an diesem Tag begleitet haben.

Der Ostermontag lässt Vieles „nachschwingen“. Am Karsamstag habe ich zusammen mit meinem ältesten Enkerl erstmals einen Berg, einen richtigen Berg, den Sonnstein erklommen. Die wunderbaren und lebendigen Osterliturgien in der Pfarre St. Markus mit dem inneren Erleben – Aufbruch, es geht weiter – waren wirklich nährend. Das Halleluja wollte dort nicht nur gesungen, sondern auch gestampft, getanzt, geklatscht und bewegt werden. Ein Pfarrassistent, dem bei Singen des Oster-Evangliums die Stimme brüchig wird, weil ihn das Geschehene selbst „bis in Herz hinein“ erfasst.  Es ist im ganzen Kirchenraum zu spüren, dass hier am Ostersonntag ganz Wesentliches gesagt wird, eine andere neue Welt „anklopft“. Der Tote lebt. Der Auferweckte begegnet den Jüngerinnen und Jüngern. In der Reihenfolge. Sie suchen. Und manche finden. Aber ganz haben sie noch nicht verstanden, was da mit Jesus in den letzten Tagen „abgegangen“ ist. Deshalb gehen zwei von ihnen zurück über Emmaus, heim, den Kopf hängend und alle Erkenntniskraft – so scheint es – verbraucht. Und dieses Emmaus wird der Begegnungs-Ort, der Erkenntnis-Ort, beim Brotbrechen, beim dankbaren Gebet davor, bei der Erinnerung an das Mahl. Jetzt haben wir verstanden. Unglaubliche Freude, die sofort aufbricht und zurückläuft, um auch andere in ihrem Frust, Skepsis oder Zweifel aufzurichten. Da passt es immer gut, wenn wir uns als Familie und auch als Großfamilie, als Sippe am Ostersonntag treffen. Wunderbare Begegnungen, die das Leben austauschen mit dem Ziel der Ermutigung. Irgendwie immer geprägt von österlichen Grundton:  Er ist da, geht mit uns. Ob wir es sehen oder nicht. #wach sein und #wach bleiben hilft zu sehen. Ostern geht über Emmaus.

Am Karfreitag suche ich die Stille. Ich gehe zur Karfreitagsliturgie in die Kirche. Das Leiden und Sterben Jesu. Damals wie heute. Immer besuche ich die Erinnerungsstätte für Franz und Franziska Jägerstätter in der St. Anna Kirche in Kirchschlag. Und daheim verziehe ich mich auch in den Herrgottswinkel. Warum?

Franziska und Franz Jägerstätter

Kurz vor der Seligsprechung von Franz Jägerstätter 2007 im Linzer Dom habe ich damals vom Pfarrer von St. Radegund als „Danke“ für meine Mitarbeit zwei Reliquien-Knochensplitter bekommen. Ich bewahre sie in einer Kapsel auf, wo normalerweise das heilige Brot zu den Kranken gebracht wird. Die vielgebrauchte Kapsel habe ich auch damals von Dompfarrer Johann Bergsmann dafür bekommen, der selbst beim Seligsprechungsprozess unglaublich viel getan hat. Heute schaue ich die verbrannten Knochen-Splitter an. Einmal im Jahr. Ein ganz tiefer Respekt vor dem Ehepaar Jägerstätter erfüllt mich. Für mich ist er der „Gewissens-Heilige“, der mit seinem Leben bezahlt hat, was uns nie wieder passieren darf. Und Franziska hat geduldig und sogar immer freudig „mit bezahlt“. Es darf uns nicht mehr passieren, einfach Ja zu sagen zu etwas, was „anschmiegsam und plausibel daherschleicht“ und doch im Inneren voller Mimesis in der Konkurrenz, voller Sündenbock-Denken, getränkt mit offener und subtiler Gewalt ist. „Sag nein, wenn alles ja sagt.“

Dafür und deswegen ist Jesus gestorben. Und ganz viele Frauen und Männer sind in seiner Spur seither und heute mit-gestorben, sterben heute mit. Das verlangt von uns, von mir ein ganz tiefes #wach im Jetzt. Und bei allem unserem Tun und Orientierung suchen hilft immer die ganz einfache Frage:

Kommt damit mehr Liebe in die Welt?

Leben ist Liebe. Das feiern wir heute, in Erinnerung und als Auftrag, als Tun und als Geschenk Gottes an uns.

Liebe Dorfbewohnerinnen und Bewohner, liebe Gäste des Bergdorfes!

Ich schreibe euch heute erstmals und ein letztes Mal. Ich war die Linde vor dem wunderbaren St. Anna Pfarrzentrum in Kirchschlag bei Linz, Österreich und Mitteleuropa, von der Sonne aus betrachtet auf der Erde. Mehr als 50 Jahre lang durfte ich dort wachsen. Jahr für Jahr habe ich dem Wetter, den Anforderungen rund herum getrotzt und mein jährliches Wachstum erleben dürfen. Manche, die mich aus der Nähe angeschaut haben, habe ich sagen hören: „Schau, das wird vielleicht einmal die Stifter-Linde hier bei der Kirche. Das wird aber noch Jahrzehnte wenn nicht Jahrhunderte dauern.“ Solche Bemerkungen haben mich ermutigt, weiterzuwachsen, weil ich doch im Bergdorf eine große Linde als Vorbild hatte. Damals wurde ich im Zentrum des Ortes und bei der St. Anna Kirche von einem Herrn Benesch eingepflanzt.

Nun war der Winter 2018/19 wieder einmal ein besonders schnee- und eisreicher. Ich kann mich noch an meine jungen Jahre erinnern, Ende 60er- und 70er-Jahre, wo es auch so war. Deshalb hatten wir damals eine Stütze bekommen. Dazu war der Sommer 2018 ein so trockener, dass ich immer wieder nach Wasser lechzte. Aber ich habe das alle doch recht gut überstanden. Es hat mich innerlich sogar gestärkt. Ja, ein paar Äste sind mir unter dem Eis abgebrochen. Sie hingen traurig an mir herum. Und dann kommen heutzutage Menschen, die von Ferne gleich rufen: „Gefährlich. Da muss gleich was unternommen werden.“ Ich denke mir da immer: Warum sind die Menschen heute alle so aufgeregt? Sie brauchen sich doch nicht unter mich stellen. Genug Platz rundherum. Und nach dem Winter habe ich jene Menschen erwartet, die mich sorgenvoll aber wohlwollend wieder „ausschneiden“. Die abgebrochenen Äste kann man einfach abschneiden und als Lindenbaum wachse ich wieder ungehindert weiter. Selbst einen großen Ast ersetze ich mit der Zeit wieder und bilde eine schöne Krone. Übrigens: Für die schöne Krone haben mich die Leute immer gelobt. „Du bist so schön anzuschauen. Du gibst uns einen Schatten. Du bist sogar auf dem Logo. Gut, dass wir hier etwas oder uns anlehnen können.“ Ja, das Schatten spenden ist  meine Lieblingsbeschäftigung. Und die Baumkrone in das Ensemble der Kirche, des Pfarrzentrums und des Ortsplatzes halten. Das hätte mich direkt ein bisschen stolz gemacht.

Am 9. April 2019 wurde es etwas lauter am ganzen Ortsplatz. Motorsägen waren zu hören. Der Winter wurde „zusammengeräumt“. Neben mir wuchsen gegenüber auf der Straße mindestens so lange wie ich Kastanienbäume. Da war das Gasthaus Liedl noch, wo die gestanden sind. Gut, sie haben selber erzählt, dass sie an einer „innerer Faul-Krankheit“ leiden und sie es nicht mehr lange machen werden. Ich habe sie immer wieder ermutigt, sich vom „Baum-Pfleger“ anschauen und richten zu lassen. Da gibt es Spezialisten. Und wir sind hier am Ortsplatz wichtig. Es ist bei den Bäumen wie bei den Menschen selber. Da sind auch alte Frauen und Männer dabei, die hier vorbeikommen und etwas humpeln. Bei den Bäumen setzt der Mensch in so einem Fall die Motorsäge unten an. Weg ist er. Erde drüber. So geschah es mit meinen Baumnachbarn. Schon lagen sie da am Boden. Ich musste weinen, weil ich doch viel mit ihnen ausgetauscht hatte, auch erlebt habe. Ich selber war ja gesund und stark. Dann kamen sie zu mir. Die Menschen beobachteten mich. Die Augen strahlten einen vorwurfsvollen Blick aus. Meine abgebrochenen Äste machten ihnen Sorgen. „Wie bekommen wir sie runter?“, hörte ich sie sagen. Sie holten einen Hebe-Korb und näherten sich. Aber ich bin schon ein großer Baum und so konnten sie meine gebrochenen Äste oben nicht bequem erreichen. Dann war es still. Ich spürte: Sie überlegen, beratschlagen, fragen irgendwo nach. Ich dachte, sie holen eine lange Leiter oder etwas Ähnliches. Ich wollte sie noch ermutigen und ihnen zurufen, dass es sich lohnt, heraufzuklettern und die Äste abzuschneiden. Ich hätte auch versprochen, dass sich meine Krone wieder „verwachsen“ wird, damit alle Menschen hier in Kirchschlag stolz sein können auf meinen Anblick und ich wieder gut Schatten spende.

Aber dann hörte ich wieder die Motorsäge. Laut war sie und ganz direkt unter mir. An der Rinde spürte ich, wie sie direkt an meinen Zehen und an der Ferse (das ist dort, wo ich aus der Erde wachse) herumschneiden. Zuerst kitzelt es und dann tut es aber voll weh. Und die Motorsäge gab Vollgas und ich spürte ihr Schwert durch meinen Stamm schneiden. „Jetzt geht es dahin“, ging mir durch Wurzel, Stamm und Krone. Hätte ich schon Blätter gehabt, sie hätten gezittert. Mit einem einzigen großen Schrei stürzte ich um. Stille. Ein kurzer Moment Stille. Ich bilde mir ein, sie spürten, dass sie da etwas gemacht haben, was nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Krone, Ansehen und Schatten liegen am Boden. Sie haben mich beseitigt als einen Teil von ihnen. Ich gehörte genauso zu den Festen wie die Musik. Und da gäbe es jetzt viel Momente, die ich schildern könnte, wo ich immer dabei war. Für manche, die nicht spüren oder eingeschränkte Wahrnehmung haben, war ich zu selbstverständlich. Ich war nicht außergewöhnlich, wie man das heute gerne hat. Aber ich hätte euch gerne weiter „den Baum auf dem Kirchenplatz gemacht“.

Und sofort begannen sie mich „aufzuarbeiten“. So nennen das die Menschen, wenn sie einen Baum umschneiden, zersägen und häckseln.

Mit diesen Zeilen, die ich so an euch richte, möchte ich niemand verurteilen. Eher möchte ich ermutigen, mit uns, euren Mitgeschöpfen der Natur, der Schöpfung behutsam umzugehen. Wir sind genauso besondere Lebewesen, sonst hätte euer Papst Franziskus in #LaudatoSi nicht diese wunderbare Weisheit gesagt: Alles ist mit allem verbunden. Schade, dass ich nicht mehr unter euch stehen darf. Ich bleibe in eurer Erinnerung.

Euer ehemaliger Lindenbaum am Kirchenplatz

Nicht immer lese ich „brand eins“. Meist im Vorbeigehen, in einer Zwischenzeit am Bahnhof blättere ich darin. Diesmal bin ich direkt in einen gewissen Schockzustand gefallen: „31 % der jungen Leute können sich eine direkte Verbindung von einem Körperteil mit dem Netz vorstellen.“ Konkret: Sie würden sich die Funktionen des Smartphone als Chip implantieren lassen.

Freiwillig an die digitale Leine

„Facebook ist Stasi auf freiwilliger Basis“, hat schon Micheal Niavarani vor fast 10 Jahren in seinem Kabarett-Programm verlautbart. Das Programm haben Leute gesehen, die Facebook nicht gekannt haben. Und sie mussten aus ganzem Herzen lachen. Ich habe das in meinen Social Media Vorträgen verwendet. Auch immer ein Schmunzeln. Damals war schon die Rede davon, dass das Handy und Smartphone nur ein „Übergang“ sein wird. Diese Technologie lässt sich auf einen kleinen Chip zusammenführen und implantieren. Jetzt ist es soweit. Und ein Drittel der Jungen und sicher genauso hoch ist der Prozentsatz bei der übrigen Bevölkerung kann sich das gut vorstellen. „Das wäre bequem“, hat dieser Tage ein junger Mann gemeint. Das ist genau der Punkt. Die Bequemlichkeit führt direkt ins Gefängnis der Abhängigkeit. Unter dem Anschein der neuen Autonomie und Bequemlichkeit verlernen wir gerade lebenswichtige Dinge wie beispielsweise den Orientierungssinn oder das natürliche Empfinden, was mir, meinem Geist, meinem Körper gut tut oder nicht. „Mein Handy weiß mehr als ich selber über mich.“ Fakt.

Stopp und zuerst nachdenken

Ich sehe das ungeschminkt. Die überall gepriesene und mit viel Forschungsgeld versehene Künstliche Intelligenz (KI) wird das natürlich nicht gelten lassen. Dort liegen nämlich für die Technokraten die wirklichen Zukunftspotentiale. Wir  gehen sehenden Auges in das digitale Gefängnis der Bequemlichkeit. Der Mensch wird nach einer gewissen Zeit nicht mehr wissen, wie die selbst verantwortete Freiheit geschmeckt hat. Manche meinen, wir sind schon viel zu weit gegangen. Jetzt kann ich das Handy noch weglegen und mich #offline bewegen. Es wird vielleicht nicht mehr lange dauern, und das Handy will mich suchen. Ich bin auch ein schwer digitaler Mensch und doch stelle ich mir oft am Tag ein Stopp auf, damit ich nachdenken kann, wer mich an der Leine hat. Freiwillig gehe ich in keinem Fall ins Gefängnis.

Aus: Der Falter

Es ist kein großes Outing, dass ich bei Christlich geht anders für die Ordensgemeinschaften und meinem persönlichen Gewissen „verpflichtet“ nach Möglichkeiten und Kräften mitwirke. Wer die letzten Monate mit mir in den „sozialen Medien“ unterwegs war, hat meine tiefe Skepsis der jetzigen Regierung gegenüber ganz offen gesehen. Es wird von Tag zu Tag unerträglicher, wie auf dem Altar der Macht in einer dubiosen Koalition mit dem Beifall der Boulevard-Medien das Christliche im Sinne von Jesus von Nazareth geopfert wird. Viele der christlich-sozialen VPlerInnen sind still geworden wie ich auch bei  manchen Vorgängen der Amtskirche sehr still wurde, weil sie nicht kongruent zum Gründungsauftrag waren. Das Hindreschen auf „die Ausländer“, die tägliche Kreation der Sündenböcke für das eigene Versagen, das zynische Empowerment im neoliberalen kapitalistischen Spiel der Kräfte bis hin zum Sparen im System der Anderen und dafür das eigene System Regierungssprecher mit 120 Personen extra „auffetten“ (siehe Aufstellung aus dem Falter). Es läuft in die falsche Richtung und es ist gut, dass sich die Geschwindigkeit in  den letzten Wochen wegen tiefgehender Verwerfungen der koalitionär gebügelten Piste verlangsamt hat. „Identitäre“ ist der letzte Krater, den es „um der Macht willen“ zu überbrücken gilt, wenn der Altar der Macht nicht wackeln soll. Und Kurz hat das von Anfang an gewusst und kalkuliert. Das ist aus meiner Sicht das Obszöne dem Christlichen gegenüber. Das Soziale fußt im Christlichen, das anders geht, als es gerade interpretiert wird.

Orientierung

Das hat uns von den Ordensgemeinschaften und der ksoe, die letzten Freitag 60 Jahre gefeiert hat, ermutigt, herausgefordert, gekitzelt, eine Orientierung aus der Katholischen Soziallehre anzubieten. Die Bischofskonferenz hat dazu keine Unterstützung zusammengebracht und so haben wir uns mit „low budget“ und dem Können der beiden Magdalena’s (Holztrattner und Schauer) ans Werk gemacht. Und die Idee, so in den letzten Tagen die Rückmeldungen, ist aufgegangen. Viele haben diese sieben Videos schon gesehen und positives Feedback gegeben. „Sie sind eine gute Orientierung in einer turbulenten Zeit.“
Hier der Link zu den 3-minütigen Einzel-Videos (Playlist).

 

Hier der Gesamtfilm aus allen sieben Einzel-Videos zusammengefügt.

Ich lade hier einfach ein: Schauen Sie sich das an!

„Die digitalen Köchlöffel gezielt weglegen“ – so lautet das Motto einer Weiterentwicklung des Wanderns ohne Anbindung an die große weite digitale Welt. Digitale Distanz ist nicht einfach und hilft doch, die Dinge des Lebens, des Arbeitens und der inneren Entwicklung in ein gutes, lebensförderliches „Verhältnis“ zu bringen. Nimm Abstand und es geht wieder. Das Gehen, die Bewegung in der Natur hilft dabei, diese Distanz zusammen mit anderen zu wagen. Magdalena Holztrattner und Hermann Signitzer laden ein, mit ihnen drei Tage lang OHNE jegliches digitales Gerät zu gehen. Einfach #offline_gehen_02

DO 4. April 2019 bis SO 7. April 2019

TeilnehmerInnen: max. 12 Personen
Es gehen ohne Ausnahme keinerlei digitale Geräte mit. Sie bleiben daheim bei den Liebsten.
Für Übernachtungen mit Frühstück kalkulieren Sie bitte € 185,00. Als Beitrag für Organisation und Gestaltung von #OFFLINE _GEHEN_02 bitten wir um eine Spende, Richtwert 65.-.

• Am Donnerstag, 4. April starten wir um 10.45 Uhr am Marktplatz in Mattsee (Salzburger Flachgau).
Individuelle Anreise mit dem Bus Linie 120 (ab Salzurg Hbf: 9.50 Uhr).
An drei Seen des Salzburger Seenlandes (Mattsee, Obertrumersee und Grabensee) vorbei gelangen wir ins benachbarte Innviertel und erreichen auf Wegen und Nebenstraßen das malerische Kirchdorf bei Mattighofen.
Tagesziel: Hildegard Naturhaus der Familie Hönegger. Dort erfahren wir bei Interesse mehr über die Hildegard Medizin, haben Einblicke in den Kräutergarten und übernachten dort.
Tagesstrecke: 11 km, Bus Salzburg-Mattsee € 5,80

• Am Freitag, 5. April starten wir von Kirchberg aus durch die von Wäldern durchzogene sanfte Hügellandschaft des südlichen Innviertels und stoßen bei Moosdorf auf den Pilgerweg VIA NOVA. Die großartige Moorlandschaft des Ibmer Moors ist Etappenziel dieser Tageswanderung. Im Moorhotel in Ibm klingt unser Tag aus.
Tagesstrecke ca. 20 km

• Am Samstag, 6. April wandern wir am Südrand des Weilharter Forstes entlang bis wir in St. Radegund ankommen. Dort wird uns die Geschichte und das Erbe von Franz und Franziska Jägerstätters beschäftigen.
Tagesziel: Entenwirt in Tarsdorf
Tagesstrecke: 17 -22 km

• Am Sonntag, 7. April gibt’s nach dem Frühstück einen gemeinsamen Abschluss.
Ein Shuttle bringt uns zur Lokalbahn nach Trimmelkam (Abfahrt um 9.47 Uhr, Ankunft in Salzburg 10.44 Uhr).

Unser gemeinsames #offline_gehen_02 wird von Magdalena Holztrattner und Hermann Signitzer begleitet. Das Gehen und die Natur selber sind die kräftigsten Lehrmeister. Gemeinsam verweilen, kurze Impulse und das gemeinsame Essen und Austauschen werden eine anregende Verbindung schaffen.
Wir laden Sie / Dich herzlich ein mit uns am VIA NOVA #OFFLINE zu gehen.

Magdalena Holztrattner und Hermann Signitzer
+43 699 1066 2109 / +43 676 8746 2064
tourismusreferat@seelsorge.kirchen.net

Ganz bewusst war hier Pause auf meinem Blog. Wenn man innen drinnen spürt, dass Dinge und Aufgaben zu Ende gehen, dann werde ich immer ruhiger. Das war in den letzten Monaten der Fall. Nun die Neuigkeit. Mit 31. Aug 2019 werde ich meine Dienste in Wien im Bereich Kommunikation und Medien für die Vereinigung der Frauenorden und die Superiorenkonferenz der Männerorden beenden. Die Ordensgemeinschaften Österreich werden kommunikativ und medial  neu belebt.

Sieben Jahre

Um ersten Vermutungen den Boden zu entziehen:  Ich gehe nicht in Pension, sondern öffne mich neu für ein Projekt, eine Aufgabe für die nächsten sieben Jahre – so Gott will. Reduzierter und vor allem wieder kontinuierlich näher bei meiner Frau Gerlinde und der ganzen Familie. Fragt mich heute  nicht gleich, was das genau sein wird. Ich werde mich wieder ganz öffnen und mich erinnern, was mir das heilsame Gehen und Pilgern immer wieder gelehrt hat: Das Leben kommt dir entgegen. Irgendwie spüre ich, dass da draußen noch eine Aufgabe auf mich wartet. Ich durfte so viel lernen und so viele Erfahrungen machen, dass ich fast überfließe. Das möchte in zur Verfügung stellen. Und: Mit 70 möchte ich auf den Großvenediger gehen. Das wäre dann in etwa sieben Jahren. Der Sieben-Jahres-Rhythmus hat mich ohnehin in meinem Leben begleitet. Immer begann das Neue irgendwie nach sieben Jahren.

Schlusspunkt setzen

Die Arbeit an der Ausgabe der ON Ordensnachrichten zum Thema „Schlusspunkt setzen“ im Oktober vorigen Jahres hat mich persönlich erfasst. Das #wach-Jahr bei den Orden hat mich selbst wacher, hellhöriger gemacht. Das Video vom Feierabend mit den LALÀ’s im ORF habe ich mehrmals angeschaut und dort ist von der „inneren Stimme“ die Rede. Das Gespräch mit Matthias Strolz einen Abend lang hat auch diese „innere Stimme“ thematisiert. Und so habe ich hineingehört und gespürt: Beziehung und Familie sind unersetzbar. Auch Freunde habe ich durch das siebenjährige „Vagabundieren an der Westbahnstrecke“ – wie ich meine Identität immer beschreibe  –  aus den Augen verloren. Unglaublich schön finde ich, dass mir und uns die Familie mit den drei Enkerln ein tragendes Netz geworden ist. Ein echtes Geschenk. Und das möchte ich nicht liegen lassen, weil ich dauernd unterwegs bin. Und ich bin gerne unterwegs. Keine Frage.

Loslassen

Als besonderes Geschenk sehe ich heute, dass mich damals 2012 nach all den Wirren rund um 2009 die Ordensgemeinschaften „gefunden“ haben. Dass ich nach Wien gehe, hätte ich mir nie gedacht. Dass ich dort so viel Gestaltungsraum für meine Ideen und mein Können bekomme, kommt mir heute noch wie ein Wunder vor. Wir haben das, was ich bei den Orden von Beginn an gespürt habe, über längere Zeit „Freiraum für Gott und die Welt“ genannt. In diesen Freiraum durfte ich „hineinwerken, säen und ermutigen“. Mein ganzes Herzblut, meine Energie und „Zukunfts-und Quer-Denkerei“ habe ich dort zur Verfügung gestellt. Es ist uns gemeinsam in diesen sieben Jahren viel gelungen, es hat sich viel entwickelt und Neues hat Gestalt angenommen. Jetzt ist es Zeit, den Ideen weiten Raum zu geben, mit dem Loslassen ernst zu machen, damit ich diesem Weiter-Wachsen nicht im Wege stehe. Weiter begleiten werden mich thematische Ansätze wie „viel mehr wesentlich weniger“, „gottverbunden freigespielt“, das Klimapilgern oder die Themenflächen auf 5vor12.at wie #BeziehungHeilt über #GerechtigkeitGeht bis hin zu #LoslassenBefreit und #GemenschaftHält. Gerade das inhaltliche Konzept der Ordensgemeinschaften für diese nächsten drei Jahre nehme ich in meinen neuen Lebensabschnitt mit. #EinfachGemeinsamWach ist genau das, was mein persönliches Leben und die Gesellschaft auf der Erdkugel heute braucht.

„Hold me“ singen die LALA’s und sind dabei in Taiwan unterwegs. Hier das wunderbare Video zum Song. Jeder Mensch ist getragen vom Wunsch nach Anerkennung, Sinn und Dazugehören.  Immer wieder darf ich mich getragen fühlen in dieser tiefen „Gewissheit“: Gott geht unsere Wege mit. #Danke.

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