Kaineder News

Diese Woche durfte ich an der mehrtägigen Tagung der Höheren Oberinnen in Vöcklabruck teilnehmen. Im Studienteil ging es um „Krise“ und was diese Krise noch verschärft: Die Verweigerung, sich der Wirklichkeit zu stellen. Daher meine immerwährende Empfehlung: Ungeschminkt hinschauen. Wir wissen die Schlagworte: Überalterung, Nachwuchsmangel, Relevanzverlust und schwindende Vitalität. Papst Franziskus spricht die Situation immer wieder direkt an. Wir haben es bei den meisten Ordensgemeinschaften nicht mit Start-Ups zu tun, sondern mit verantwortungsvollen Trägerinnen und Träger großer sozialer und spiritueller Ideen aus der Vergangenheit, die sich ins Jetzt, Heute und Morgen transformieren und bewähren müssen. Da sind Werke wie Spitäler, Schulen, soziale Einrichtungen, Kultur- und Wirtschaftsbetriebe herausgewachsen, die tausenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Wertschätzung, sinnvolle Beschäftigung und eine Zugehörigkeit geben. Arbeit mit Lebenssinn. Gelingt das nicht, stirbt viel. Wer die Geschichte des Mönchtums und der Orden etwas nachschauen will, dem empfehle ich dieses „leichte und kurze Video“.

Die Welt offen halten für die Ohnmacht

Heute lese ich auf FB bei der VP OÖ aus Freude über die neuesten positiven Umfragen: „Gekommen um Vollgas zu geben …“ und „Es kann nur eine Nummer 1 geben“. Das sind Ansagen, die mögen ihre Wirkung im politischen Bereich entfalten. Diese „Sieger-Spreche“ ist motivierend, aber genauso entlarvend. Wer Vollgas fährt, kann keine Kurve mehr machen. Geschweige denn umdrehen, wenn es etwa in die falsche Richtung geht. Vollgas heißt, linear beschleunigen wollen. Und Geschwindigkeit nimmt das größte Stück Wirklichkeit aus dem „Rennen“. Jene Wirklichkeit, die kein Rennen, keine Meisterschaft, keine Sieger, kein Fortkommen kennt: die Ohnmacht. Die Wirklichkeit der Orden ist auch in gewisser Weise ein Stück Ohnmacht. Der Beitrag „Ohnmachtserfahrungen als provokante Antwort“ hat mir selbst in der Erstellung ein Stück „Ohnmachtserfahrung“ eingebracht. Wie diese tiefe Erfahrung von Ohnmacht zur Sprache bringen in einer Welt des dahinrasenden Stillstands?

Gott ist in der Ohnmacht

Ein Kranker, eine Arbeitslose oder ein Bettlägriger kann mit Vollgas tatsächlich wenig anfangen. Es ist das tiefe Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefert-Seins oder der Nutzlosigkeit. Der einzige Wunsch, der solche Menschen begleitet: Macht die Welt ein Stück langsamer, aufmerksamer für die Wirklichkeit, dass dann und wann jemand mit mir ein Stück meines schweren Weges gehen kann, ohne dass er oder sie den Anschluss zu verlieren. Es hat mich wieder erinnert, dass der Dienst der (Ordens-)Christinnen und -christen nicht an den Siegerstraßen gefragt ist, sondern in den Ohnmachtsgegenden. Dort haben die Orden begonnen. Von dort weg ist natürlich die Stimme zu erheben gegen die strukturelle Sünde der Sieger. Im Gespräch miteinander wird man sich klarer, worauf es ankommt: Dieses Aushalten in der Liebe in den Ohnmachtssituationen mit den Menschen ist die Kreuzerfahrung. Das Kreuz, die Ohnmacht ist so unsere Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit braucht ihren Platz, ihre Wahrnehmung, den Respekt und jede „Aufrichtung“. Christsein heißt daher nicht, sich mit Gott einzurichten, sondern sich an Gott auszurichten. Und Gott selbst war in der Ohnmacht – am Kreuz. Die Fastenzeit kann uns das bewusster machen. Es geht weniger um Verzicht, sondern um Liebe in diesen Gegenden. Den Verzicht ist keine Tugend an sich, sondern die Folge der Liebe.

Es war eine kurze Frage, die uns damals vor mehr als 15 Jahren in der „Bergdorf-Pfarre“ Kirchschlag nahe gegangen ist: „Wollen wir, dass in 50 Jahren der christliche Glaube das Leben hier im Bergdorf mitprägt?“. Wir hatten keinen Pfarrer am Ort. Wir wurden „mitbetreut“ und der kirchenrechtliche „Provisor“ hat Wohlwollen und Freiraum hereingebracht: „Tut.“ Ich durfte als PGR-Obmann und Theologe mitwirken. Bei der damaligen Pfarrgemeinderatsklausur fragten wir reihum und direkt von jeder und jedem ausgesprochen kamen 16 „Ja sicher“ und ein „Bin mir nicht sicher“. Das war der Samen für die Entwicklung, die die Pfarrgemeinschaft genommen hat. Sichtbarer Ausdruck ist ein neues Pfarrzentrum, das 2008 eröffnet und das heute von mehr als 100 Schlüssel „verwaltet“ wird. Nein, gestaltet und mitgetragen. Noch nie hat es „etwas gegeben“, wie so viele vermuten. Schlüssel ist Verantwortung. Seit ich in Wien bin, bin ich nicht mehr dabei. Die Grundüberzeugung war: Wenn Pfarre lebendig sein will, dann müssen wir Getauften in unserer Verantwortung aufstehen, gestalten, lebendig halten. Wir können nicht auf den Klerus warten, den uns niemand schicken kann. Und klar war: Es gab dafür breiteste Zustimmung. Aber 100 % waren es nicht.

Katastrophale Situation

Heute lese ich in der Kathpress vom Präsidenten der Deutschen Katholiken Thomas Sternberg diese Aussagen. Ganz klar, deutlich, zukunftsweisend, ungeschminkt.“ Wir werden künftig zu ganz anderen Gemeindestrukturen kommen müssen.“ Es sei nötig, vom Versorgungsmodell wegzukommen. Es werde darauf ankommen, „dass Laien selbstbewusst und eigenständig ihre Dinge in die Hand nehmen“. Man solle sich hüten „davon auszugehen, dass die Kirche nur dann Kirche ist, wenn die Gemeinschaft auch voll und ganz in allen Positionen theologisch gebildet, liturgisch gebildet auf der Höchstform der Religiosität steht“.  Anlass von Sternbergs Äußerungen ist das in diesen Tagen erscheinende Buch „Aus, Amen, Ende?“ des Münsteraner Pfarrers Thomas Frings, dessen Schritt ins Kloster für Schlagzeilen gesorgt hatte. Er wollte sich eine Auszeit nehmen, nachdem er die Service-Erwartungen an seine Person als zu hoch und die Kontakte in der Großpfarre als zu unpersönlich empfunden hatte. Seit September 2016 lebt der 56-Jährige als sogenannter Postulant im Kloster. Frings: „Wir haben einen Nachwuchsmangel, der so eklatant geworden ist, dass selbst dieses ganze fusionierte Modell der Diözese so schon nicht mehr funktionieren wird.“ Er spricht vom Klerus und glaubt, dass es allein auf ihn ankomme. Aber: Es kommt auf die Getauften an, die einen ganz besonderen und lokal verorteten Magnetismus auslösen können. Wenn man ihnen so wie uns im Bergdorf auch die Ressourcen dafür „zurückgibt“. Der Kirchenbeitrag wurde gut angelegt. Zukunftsträchtig. Denn: „Die Kirche gehört den Getauften vor Ort.“

Trägerinnen und Träger einer „einfachen, gemeinschaftlichen und wachen Lebenshaltung“

Aber: Frings hat etwas erkannt, was viele ohnehin wissen. Das „versorgende Klerus-System“ ist alt, brüchig und deshalb oft weit weg von den Menschen. Der Personal-Strudelteig wird mittels „Diözesanprozessen“ noch gezogen. Löcher werden zugedeckt, weil Menschen Kirche mit diesem Klerus identifizieren. Schein vor Sein. Pfarre ist der Pfarrer. Für mich war und ist Pfarre immer die Pfarrgemeinschaft. Aus dieser Pfarrgemeinschaft lebend habe ich Menschen begleitet, Zusammenhalt gestiftet, den Rand als Ort Gottes zugänglich gehalten, das Gerücht von einem liebenden Gott immer wieder erzählt, angedeutet. Aus diesem Grunde habe ich Gottesdienste gefeiert, Kinder getauft, Menschen auf den Friedhof geleitet oder Verliebte gesegnet in ihrer Hoffnung auf Treue hin. Immer habe ich andere Menschen ermutigt und gesagt, dass sie das auch genauso können, sollen. Ich habe auch immer gespürt, dass Jesus im Brot in unserer Mitte ist, uns begleitet, als Stärkung sich geben will. Auch in den Wortgottesdiensten mit Kommunionfeier. Das alles war auf Stärkung angelegt oder sollten „Quellen der Kraft“ sein. Bei den Orden haben wir Themenflächen als „Wahrnehmungsflächen“ ausgemacht. Die tragende Idee dazu ist das Modell Leben im Orden. Und das bedeutet: einfach. gemeinsam. wach. Das ist der „Input heute in diese Gesellschaft. Das einfache, gemeinsame und hellwache Leben. Das deckt sich aus meiner Sicht auf weiten Fläche mit der Bereitschaft zur PGR-Wahl: ICH BIN DA.FÜR. Dieser Partizipations- und Involvierungsvorgang der PGR-Wahl am 19. März ist doch nichts anderes als die Ermutigung: Ja, wir tun es. Beauftragt, „gewählt“ vom Volk Gottes. Und ich bin ganz fest überzeugt: Jesus hat eine Freude mit solchen Christinnen und Christen, die tun. Und so wird für die Menschen sichtbar, spürbar, erlebbar: Pfarre sind wir, bin ich. Ich sehe eine gute Zukunft darin, die einfach, gemeinsam und hellwach gestaltet wird. Im Sinne Jesu.

Weitwandern auf dem Marienweg in Rumänien von DO 24. August bis SA 2. September 2017″ steht in der Ausschreibung von Weltanschauen. War es vor zwei Jahren der Barbaraweg in der Slowakei, so wird es heuer der Marienweg in Rumänien sein, den wir als „Weltanschauen-Gruppe“ begehen.

Zum Weg heißt es: „Der Weg führt durch die wunderschöne siebenbürgische Mittelgebirgslandschaft, durch kleine Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben scheint und die Feldarbeit großteils noch ohne Traktor erledigt wird, durch einsame Wälder und über Hochalmen, wo man stundenlang auf keine menschlichen Behausungen trifft. Wahrscheinlicher ist da schon die Begegnung mit einer Schafherde und den dazugehörigen Hunden oder mit viel Glück auch die Begegnung mit einem Braunbären, von denen es in den Karpaten noch sehr viele gibt. Die beiden letztgenannten Tatsachen sind auch der Grund, warum die Pilgerwanderung in diesem Jahr erstmals zusätzlich mit einheimischen Begleitern gemacht wird. Und die Sprache: denn viele Menschen in diese abgelegenen Region sprechen einfach nur ungarisch und rumänisch. Mit unseren Begleitern können wir auch ins Gespräch kommen über die aktuelle Lebenssituation im Land und erfahren mehr über Land und Leute.“

Weltanschauen heißt für mich: hinschauen, hinhören, hineinfühlen in die Gegend und die Menschen, die dort wohnen. So lernt sich jede und jeder selber besser kennen, so entdecken, stärken, ermutigen und erfreuen wir einander auch in der Gruppe. Ich lade einfach wieder ein zum Mitgehen auf diesem Weg, der uns sicherlich viel Neues eröffnen wird, dort und da, hier und jetzt. Die Rucksäcke tragen wir selber. Der Weg kommt uns wie das Leben entgegen. Ich freue mich schon darauf.

Anmeldung hier

Diese Woche war ich in Salzburg einen Tag lang beim Treffen der Ordensschulverantwortlichen dabei. Sie haben sich mit „Resonanzpädagogik“ auseinandergesetzt. Wolfgang Endres war der Impulsgeber (siehe Video). Ich habe ihm einige Fragen gestellt, die meine neue Kollegin Magdalena in dieses Video zusammengepackt hat. Klar wurde: Bildung ist kein Echo-Vorgang, sondern ein Klangraum-, ein Resonanzraum-Geschehen. Oder es ist, so meine Ansicht, keine Bildung. Ich denke mit vielen anderen, dass wir zu viele „Echo-Prüfungen“ haben und zu wenig „Resonanzraum-Wahrnehmungen“. Pisa ist zum Beispiel ein einziges Echo-Geschehen.

 

Drei Dinge sind bei mir hängen geblieben, haben Raum, Klangraum, Resonanzraum genommen, sind in Schwingung gekommen, haben Assoziationen, Erfahrungen ausgelöst.

Zusammengeräumte Partituren

Nicht zusammengeräumt

Da ist erstens das Bild von der Partitur eines großen Musikwerkes. Wer ChorsängerIn ist, hat das Bild genau vor Augen. Noten anhand von Linien über eine Doppelseite „verstreut“, die beim Singen, Musizieren den Klang ergeben, den wir kennen, den wir sogar hören. Jetzt. Noten können aber auch als Noten gesehen werden. Nur Noten. Der Referent Endres hat dann ein Bild gezeigt, wo diese Noten der großen Partitur „zusammengeräumt“ sind. Auf kleinstem Platz haben die Halben-, Viertel- oder Achtelnoten Platz. Es sind diesselben Noten, keine ist verloren gegangen, und sie finden doch keinen Resonanzraum mehr. Ich habe mir vorgestellt, wir singen als Chor diese „zusammengeräumten“ Noten. Eine kurze und fade Angelegenheit. Meine Assoziation: Die Gesellschaft räumt gerade zusammen. In der Bildung, in der Medizin, in der Wirtschaft, vielleicht auch in den Diözesen bei den Pfarrzusammenlegungen. Resonanzen, Klänge, Räume verschwinden. Alles ist effizient ausgerichtet. Eben: zusammengeräumt.

Den Schulweg gehen

Das hat mich zweitens an meinen Schulweg erinnert. Wir mussten eine Stunde lang in die Schule gehen. Gehen. Bei jedem Wetter. Und genau das war unser Resonanzraum: die Natur. Begegnete sie uns freundlich, hat unser Heimweg oft lange gedauert, weil wir Platz genommen haben in ihr: der Natur. War damals ordentlich Winter, dann war das für uns auch oft der Raum des Scheiterns. Wir haben es nicht bis in die Schule geschafft. Wir haben gekämpft, ermutigt von den Älteren, und mussten doch entweder schon beim „Kapfer“ (erste große Schneeverwehungsfläche) oder auf der „Hoadaebn“ aufgeben. Es blieb uns aufgrund des Windes der Atem weg. Wir drehten um und gingen heimwärts. Da war aber niemand, der in Angst war, dass wir etwas versäumen. Wir durften scheitern. Der Naturraum hat uns unsere Grenzen gezeigt und wir sind gereift „in diesem Resonanzraum“. Dafür bin ich heute dankbar. Denn: Natur ist von sich aus Resonanzraum und nicht Echo. Das hätte uns die Schule niemals so intensiv, erlebnisorientiert und praktisch lernen können. Deshalb finde ich es schade, dass der Resonanzraum Natur für heutige SchülerInnen sich auf das Ein- und Aussteigen beim Schulbus beschränkt. Meine These: 45 Minuten Schulweg würde einen unglaublich wertvollen Resonanzraum eröffnen. Mehr am Land als in der Stadt. Aber selbst in der Stadt ist mehr möglich als vermutet.

Echoraum Handy

Ein Direktor einer Schule machte mich bei einem Gespräch, wo ich kritisch auf die digitalen Räume Bezug genommen habe, aufmerksam: bitte kein allgemeines Digital-Bashing. Stimmt. Wir nehmen viele Algorithmus basierte Vorteile in Anspruch. Die digitale Welt hat uns sehr dabei unterstützt, die Welt zu ordnen, aufzuräumen. Ich denke da noch gar nicht an die Partitur von oben. Es ist auch viel Schlamperei, Mutwilligkeit und Nicht-Kooperationswille da. Solche „Systeme“ helfen zum Beispiel in der Logistik, Dinge pünktlich und punktgenau voranzubringen. Und doch wehre ich mich gegen diese jetzige „Digitalisierungs-Offensive“ allerorts. Wir sind dabei, Klang- und Resonanzräume „aufzuräumen“. Die Wirtschaft geht in ihrer neoliberalen Haltung voran. Nutzen, was mir nutzt und Profit erhöht. Die Krankenpflegerin hat keine Zeit mehr zum Reden, zum Zuhören. Laptops und iPads sollen die SchülerInnen effizienter beim Lernen unterstützen. Das Handy hält mich dauernd – wenn ich will 24 Stunden – am Laufenden. Besser: am Laufen. Das alles zusammen verhindert derzeit das Aufmachen von „zweckfreien und herzlichen Räumen, Resonanzräumen, Klängen“. Ich weiß jederzeit alles und könnte zum Weltgeschehen ein tolles aktuelles Echo abliefern. Aber braucht es  noch mehr hallendes Echo basierend auf den Algorithmus der digitalen Möglichkeiten oder doch mehr Klangräume, Resonanzräume, Freiräume, einfach: haptische Lebensräume? – Und warum steht da jetzt ein Fragezeichen? Ist doch klar.

Man stelle sich vor, dass bei einem Bauvorhaben von den Firmen und Gewerken ein Plan A und ein Plan B gleichzeitig verwendet werden. Dann stelle man sich vor, nachdem die Pläne in ihrer Grundausrichtung in vielen Bereichen in gegensätzliche Richtung weisen (zB Gerechtigkeit  und Leistung), dass anhand der vorgelegten Pläne Kompromisse gesucht werden. Man mag sich noch vorstellen, dass versucht wird, die Pläne tatsächlich „zusammenzuzeichnen“. Allein in den letzten Jahren war die Vorstellung dazu größer als die Fakten. Nichts ging mehr zusammen in dieser Koalition. Jetzt wurden von Kanzler Kern und von Finanzminister Schelling die je eigenen Pläne nochmals „vertieft“, sprich profilierter an der eigenen „Sichtweise der Realitäten“ ausgerichtet. Ich nehme das Beispiel Robotisierung und Wertschöpfung. Es ist Fakt, dass durch die Digitalisierung und Robotisierung die bisherige Form der Arbeit und Wertschöpfung sich massiv verschiebt. Der Plan A sieht das und will aus diesen neuen Prozessen „Wert abschöpfen“, um damit ein gerechtes „Solidarwesen“ zu ermöglichen. Derzeit arbeitet ein Mensch und zahlt Steuern. Nicht wenig. Arbeitet ein Roboter, ist er nicht in dieser Form steuerpflichtig. Ich weiß, dass ist unscharf. Aber im großen Blick werden robotisierte Arbeitsprozesse, wenn, wie die VP nach Plan B immer sagt, keine neuen Formen der Solidarabgabe sprich Steuern eingeführt werden, den Reichen und Etablierten helfen. Gestern ging wieder einmal die Meldung durch die Medien: Die acht reichsten Männer (!!) besitzen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Das liegt weniger an der Leistung der Hälfte als an der DNA von robotisierten, digitalisierten Prozessen mit einem hohen Ungerechtigkeitsfaktor. Es wird also bald Wahlen geben (müssen), um die Blickrichtung zu klären. Gilt jetzt Plan A oder Plan B? Wenn sie gleichzeitig angewendet werden, gewinnt der Ungerechtigkeitsfaktor.

Es ist ja nicht so, dass mir der Lesestoff ausgeht. Aber dieser Tage ist mir das Buch von August Thalhamer wieder entgegengekommen. „Der Heilungsweg des Schamanen“ im Lichte westlicher Psychotherapie und christlicher Überlieferung. Bei Ennsthaler erschienen. Eine schöne Geschichte ist auf Seite 88 zur Wahrheit zu finden: „Gott und Teufel gehen spazieren. Da fällt dem lieben Gott ein Stückchen Wahrheit auf die Erde. Verwundert fragt Gott, ob er – der Teufel – denn nicht verhindern wolle, dass ein Mensch  das Stückchen Wahrheit finde. Darauf der Teufel: Nein, das lasse ich liegen. Denn der es aufhebt, wird es für die ganze Wahrheit halten und andere damit drangsalieren.“ Die Kirche selbst hat dieses Drangsalieren durch einen Wahrheits-Bischof über die Medien erleiden müssen. Der Hashtag wäre damals #Krenn gewesen. Und heute geht das in vielen gesellschaftlichen Bereichen weiter.

Das größte gemeinsame Vielfache

Wer heute Zeit für die #ZIB2 hatte, hat dort das Thema Kopftuchverbot des Sebastian Kurz miterlebt. Die Präsidentin der Frauenorden hat aus ihrer Erfahrung am Schulzentrum Friesgasse klar gesprochen. Nein, das Kopftuchverbot hält sie für falsch. Selbst Armin Wolf hat den Papst zitiert, der ebenso gegen ein Kopftuchverbot ist. Die Wahrheitsfrage ist hier nicht eine verbale, sondern eine der Lebenspraxis und Lebenshaltung. Warum fällt der ÖVP die Toleranz so schwer, die sie von Jesus als christlich-soziale Partei irgendwie mit auf den Weg bekommen hat? Es ist Kalkül für Wählerstimmen. Ich habe den Eindruck, dass sich Kurz als beliebterer Politiker ganz bewusst auf die FP „draufsetzt“, um denen die Stimmen abspenstig zu machen. In Bayern hat es unter Strauß geheißen: „Rechts von der CSU ist kein Milimeter frei.“ Dort steuert Kurz hin. Und ich lese im Buch weiter, um auf Seite 216 auf einen Absatz zu stoßen, der Gott, Teufel und Wahrheit neu aufmischt: „Die schlimmsten Verbrechen in der Geschichte  wurden nicht von den ‚Bösen‘ verübt, sondern von den ‚Guten‘, die die Vollkommenheit vor Augen hatten und die Reinheit der Lehre, Rasse oder Ähnliches durchsetzen wollten. Der ‚Böse‘ ist da meist verständnisvoller, er weiß ja um die eigene Unvollkommenheit.“ Und C.G. Jung meinte: „Das Leben bedarf zu seiner Vollendung nicht der Vollkommenheit, sondern der Vollständigkeit.“ Und genau deshalb gehören hier alle Formen und Wahrheiten des menschlichen Lebens und Ausdruckes her. Entscheidend ist die Liebe, die Toleranz auf Augenhöhe und der Friede. Jedes Zeichen ist willkommen, das Vielfalt und Frieden stiftet, Ausdruck von Gewaltfreiheit ist. Es geht um das „größte gemeinsame Vielfache“ in unserer Gesellschaft.

Drei Tage geht nun 2017 schon mit mir. Wir haben schon allerhand erlebt. Das wollen wir hier nicht ausbreiten. Die ersten Stunden, die wir miteinander gegangen sind, hatten mehr mit Virus zu tun und weniger mit Knallerei. Aber das war vorgestern. Alles durch. Jetzt gehen wir frohen Mutes. Dabei brauchen wir nicht hasten. Die Welt ist in den Ferien und die Arbeit fühlt sich langsamer und irgendwie neben den Schienen an. Das ermöglicht, den auf die Seite gelegten Bücherturm abzubauen. Und der Turm hat ein paar Schmankerl in sich. Ziemlich weit unten, aus der späten November-Zeit, kommt mir ein Büchlein (meint die äußere Größe) entgegen: „wahrnehmen – verweilen – begegnen“. Drinnen steckt der handgeschriebene Brief vom Autor Franz Schmidsberger. Er arbeitet als Theologe in Linz und Steyr und macht da wie dort gute, tiefschürfende, spirituell nährende Arbeit.

Sich freuen über das Glück zu leben

warum lernst du nicht
von den möwen
die immer zur gleichen stunde
artistisch-knapp über dem wasser
flussaufwärts fliegen
dann elegant aufsetzen
und sich wieder hinabtreiben lassen
so als wäre das leben ein spiel
eine einzige freude

warum lernst du nicht
vom alten ordensmann
der in der krypta
seiner arbeit nachgeht
singend die welken blumen
gegen neue tauscht
und seine augen glänzen
beim nachsinnen
über die zeit

warum lernst du nicht
von den kindern
und ihrer neugier
den geheimnissen
auf die spur zu kommen
von ihrer art
sich wirklich und ungetrübt
freuen zu können
über das glück zu leben

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Ich kann zwar nicht fliegen wie eine Möwe, aber ich habe eine gute Vorstellung von den glänzenden Augen des alten Ordensmannes durch meine Arbeit bei den Ordensgemeinschaften. Durch meine zwei Enkerl ist der dritte Absatz pure Realität. Es ist mir eine unglaublich Freude, ein Glück, diese Neugier und diese ungetrübte Freude dieser Kinder so direkt zu erleben. Gerade sie lernen auch dem Opa oft ganz hautnah (nicht nur beim Einschlafen) , dass er sich freuen kann, soll, darf über das Glück zu leben. Merci.

Der Bogen 2016 neigt sich zu Boden. 2017 deutet sich schon an. Der Zug heute am 28. Dezember nach Wien ist dünn besiedelt. Die Feiertage von Weihnachten sind vorüber. Das Wort Silvester lässt Hunde zusammenzucken. Menschen finden wir zwischen Besinnlichkeit und Knallerei. Zweiteres könnten wir leicht den Brotlosen als Brot servieren. Irgendwie sind Zwischenräume, Übergänge und Neuanfänge im Blickfeld. Die EU sucht europaweit die Wahrheit. SocialMedia haben ihre Unschuld verloren. Fakes sind nicht neu, werden digital allerdings uferlos, unbegrenzt, entgrenzt. Sie bombardieren das Vertrauen unter den Menschen ähnlich wie die Häuser in Alleppo. Der Mensch wird heimatlos, seelisch obdachlos, zittert vor seelischer Kälte. Wem vertrauen? Wem noch glauben? Was stimmt jetzt wirklich?

Der Mensch im Zwischenraum

Es wird – so meine Vorahnung – im Jahr 2017 noch viel öfter das Wort „Sicherheit“ fallen. Gestern habe ich vor meinem Gespräch mit Landeshauptmann Pühringer im Cafe Traxlmayr in Linz vom Bus am OK-Platz kommend über die Landstraße zur Promenade erstmals in Linz drei Polizisten mit Maschinengewehren auf Patroulle unter den Einkaufsmenschen gesehen. Dem Terror wird mit dem Maschinengewehr begegnet. Nein. Der Angst vor dem Terror wird mit militärischer Präsenz getrotzt. Scheinbar. Es ist eine Scheinsicherheit. Jetzt wissen wir, dass Sicherheitsfirmen unglaubliche Umsätze machen, damit Häuser und Wohnungen „gesichert“ werden. So werden die öffentlichen Flächen, die Zwischenräume immer dünner „besiedelt“. Die Angst treibt die Menschen in ihre Höhlen. Dort fühlen sie sich sicher und lassen sich allerdings drinnen über Medien – nicht alle – ihre „Angst vor draußen“ weiter vergrößern. Das leert die Zwischenräume weiter. Dabei sind genau diese Zwischenräume jene Räume, wo Neues entstehen, Platz finden kann. Ich finde es wunderbar, wie Menschen auf „Zusammenhelfen“ oder ähnlichen Plattformen schildern, was ihnen hier in der Flüchtlingsbegegnung Wertvolles und Neues entgegenkommt. Die Basis dafür ist Vertrauen. Und genau das erwarte ich mir von der Politik, dass diese Zwischenräume mit Vertrauen, mit Aufeinanderzugehen und Hinhören gefüllt werden. Das hilft wirklich. Polizisten (es waren drei Männer) brauchen bei uns keine Maschinengewehre tragen. Ihre Präsenz alleine gibt mir jene Sicherheit, die ich in öffentlichen Räumen bei uns in Österreich so schätze. Lasst Zwischenräume weiterhin offen, damit gemeinsames Leben in Vertrauen aufeinander wachsen kann. Das wünsche ich mir von 2017: Lasst uns vertrauensvoll in die Zwischenräume gehen und uns gegenseitig in Begegnungen für das Neue offen halten. Für das, was auf uns zukommt, und das, was wir mitgestalten.

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