Kaineder News

11IMG_0953Eigentlich wollte ich im Hochgebirge unterwegs sein. Es kommt dann doch manchmal anders als man sich das ausdenkt. Die Grunderfahrung des Weitgehens taucht auf: Das Leben kommt dir entgegen. Was tun nach der Unterbrechung? „Benediktweg“ klang schon oft an meinen Ohren. Drei Tage hatte ich Zeit. Es war so, als wollte sich der Benediktweg unter mein Fußsohlen schieben. Gut so. Aufbruch um sechs Uhr im Bergdorf mit Bus, umsteigen auf den Zug nach Spital am Pyhrn und ankommen um 8.20 Uhr. Dort beginnt der Weg, von dort weg ist er in der Karte eingezeichnet. Um neun Uhr starte ich von der ehemaligen Stiftskirche weg. Erst am Weg wird sich die erste grüne Markierung  mit dem rot-weißen Flächen zeigen. Das Wetter scheint gut. Und wird es auch.

Vogelgesang in Form von Wasserfällen

12IMG_0975Der erste Tag führt mich durch die Vogelgesang-Klamm hinauf Richtung Bosruckhütte und Rohrauerhaus zum Pyhrgasgatterl hinüber in die Steiermark. Meine tägliche Buttermilch nehme ich aber in der Ochsenwaldalm zu mir. Zwei Leute bewirtschaften die Alm mit den Tieren und sind gastfreundlich zu den BesucherInnen. „Na, heuer sind weniger unterwegs als sonst. Es ist halt mal ein Jahr so und mal so.“ Gelassene Worte eines Senners und einer Sennerin, denen ich doch mehr BesucherInnen wünschte. Aber es stimmt: Ich habe auch den Eindruck, dass wenig Bergwanderer unterwegs sind. Die heurigen Wettervorhersagen sind Wasser auf die „Bequemlichkeitsmühlen“. Dabei sind Bewegung und Natur die Chance, dem Leben auf die Spur zu kommen. Über das Pyhrgasgatterl bin ich schon mehrmals mit Schiern im Winter gegangen. Heute geht es hinunter über die Alm und hinaus im Tal nach Hall hinüber nach Admont. Dort peile ich das Stift an, ohne mich irgendwie angemeldet oder angekündigt zu haben. 13IMG_1002„Gibt es im Stift für Benediktpilger eine einfache Unterkunft?“, war meine Frage an der Pforte beim Museum. „Warten Sie, ich rufe P. Ulrich, den Gastpater.“ Er gibt mir ein Zimmer im Haus Karfarnaum, lädt mich ein zu den Gebets- und zu den  Mahlzeiten und lässt mir Freiraum. Ich erkunde das Stift, die wunderschönen Höfe, die Blumen, die Kirche und die Benedictus-Kapelle. Die Abendsonne verbringe ich am Teich mit Blick auf die Kirchtürme, die Bergkette und dem Treiben auf dem Wasser. „Stundenlang könnte ich da sitzen“, sagte ich mir ohne anzuhängen, „wenn ich es nur könnte“. Die Sonne im Gesicht, die Natur vor Augen und die sieben Stunden Gehen in den Füssen lassen mich einfach „ausatmen“. Das tiefe Danke macht sich breit.

Dem fließenden Wasser entgegen

16IMG_102115IMG_1042Am Weg zur Konventmesse um 7 Uhr regnet es noch. Der Himmel ist verhangen. Alles in satte Feuchtigkeit getaucht durch den nächtlichen Starkregen. Beim Frühstück ergeben sich intensive Gespräche mit Bekannten, die auch „zufällig da sind“. Der Regen hat aufgehört und ich vertraue darauf, dass ich heute trocken bleibe. Und so war es auch. Der Weg vom Stift hinaus Richtung Kaiserau hinauf geht zuerst auf der Straße und dann biege ich ein zum langen Aufstieg entlang des steil in Stufen herunterfließenden Lichtmessbaches. So gehe ich an die 600 Höhenmeter dem Wasser entgegen. Über längere Zeit habe ich beim Aufsteigen und Schwitzen das Gefühl, ich werde abgewaschen, vieles wird weggewaschen und vom hinunterfließenden Wasser mitgenommen. Befreiend. Oben angekommen geht es – wie das Leben mal so ist – auf der anderen Seite wieder hinunter nach Trieben, um von dort wieder aufzusteigen bis ganz hinten in das Triebental. In Trieben mache ich Mittagspause, Suppe und Buttermilch, besuche die Kirche und betrachte die Außenfassade des Rathauses. Bergbau und Magnesit haben diese Stadt geprägt. Der Triebenbach kommt mir beim Auftieg wieder entgegen, auf der anderen Seite des Baches die Straße nach Hohentauern.14IMG_1023 Sie ist heute durch Serpentinen entschärft. Wir haben in Jugendjahren das Fahrrad noch auf der steilen Straße hinaufgeschoben, um nach Venedig zu kommen. Erinnerungen werden wach. In der Beschreibung des Benediktweges wird geraten, die heutige Etappe im Gasthaus Braun zu beenden. Ich frage dort. „Leider, kein Zimmer frei. Soll ich sie zur „Bergerhube“ fahren?“. Fahren? Ich gehe. Pilgern mit den Füssen. So gehe ich – wegen des schönen Wetter trödle ich – ganz ans Ende des Triebentales die fünf Kilometer weiter und bleibe in der Bergerhube, einem Bauern- und Gasthaus. Noch weiter draußen ein Telefonat, weil ich vermutet habe: Dort ist Offline-Area. Kein Empfang. Nichts. Und wir kommen untereinander ins Gespräch. Erzählen, scherzen, tauschen uns aus. Und früher das Bett aufsuchen schadet auch nicht. Ich empfehle diese Etappe bis dorthin zu gehen. Es sind so etwa 7-8 Stunden Gehzeit. Das bringt für die morgige Etappe in die Abtei Seckau, die mit 35 km angegeben ist, einen direkten Startvorteil. Was du gestern kannst besorgen, brauchst du heute nicht zu gehen.

Feuchte Gegend

17IMG_1114Der dritte Tag soll lang werden – und doch wieder nicht. Nach dem Frühstück steige ich auf zum Kettentörl (1.865m). Zuerst auf einem Weg noch weiter zurück ins Tal, dann steil bergauf und weiter zum Törl. Nach 1 1/2 Stunden habe ich die etwas 700 Höhenmeter geschafft. Wunderschöner Ausblick. Zurück, woher ich komme, und voraus, wohin ich gehe. Ein leichter  warmer Morgenwind und gute Sicht lassen mich verweilen, laut jubeln und ruhig werden. Ich könnte die Welt umarmen und muss doch dabei an die denken, die diese Welt ausbeuten und zerquetschen, herausholen, was geht und den Menschen dabei als Ware, als Sklaven benutzen. Die Gedanken gehen in so einem Moment weit herum. Das befreit. Der Abstieg ist über weite Strecken nass. Es ist ein sumpfiges und feuchtes Gelände. Spätestens am Ingering-See (1.221m) ist mir klar, dass hier viel Wasser am Werk ist. Die Schuhe sind auch innen feucht geworden, wweil viele Schritte in den feuchten, nassen Moorboden gesetzt werden müssen. 18IMG_1153Aber es gibt Schlimmeres. Am Weg hinunter begegnen mir viele Schwammerlsucher. Am Gingering-See hat das Stift Heiligenkreuz, denen das Tal seit über 100 Jahren mit dem Schloss Wasserberg gehört, eine neu Klementi-Kapelle erreichtet. Ich sitze drinnen mit dem Blick auf den See. Ich merke gar nicht, dass es regnet. Zwei Ordensfrauen aus Bayern suchen Unterschlupf und sie meinen: „Der Regen dauert nicht lange.“  So war es auch. Ich genieße noch diese Perle in der Natur, den See und die Gegend. Dann stelle ich mich mental auf drei Stunden Forstweg ein, die mich aus dem Tal hinausführen nach Gaal und dann eine weitere Stunde hinüber nach Seckau. Schon fast am Ende des Tales angelangt, fängt es an zu regnen. Ich setze den Rucksack ab. Ein Auto kommt mir entgegen, dreht hinter mir um, bleibt neben mir stehen, Fenster herunter: „Wollen’s mitfahren?“ Ich: „Wohin fahren sie?“ „Nach Knittelfeld.“ „Zum Bahnhof?“ „Ja.“ Spontaner Entschluss. Mitfahren. Es ist nämlich nicht leicht, morgen mit Öffis von Seckau ins Bergdorf zu kommen. Heute ganz anders. Ich werde am Bahnhof abgeliefert. Der Zug hat Verspätung und nimmt mich deshalb noch mit. Der Anschlusszug nach Selztal wartet. Schienenersatz. Zug nach Linz und Bus ins Bergdorf. Es war eine Fügung, dass ich so in 3 1/2 Stunden von dort nach da gekommen bin. Am nächsten Tag hätte es über 5 Stunden gedauert. Die Abtei Seckau wird als Ausgangspunkt für das Weiterschnuppern Richtung Süden ins Stift St. Paul im Lavanttal und hinunter durch Slowenien dienen.

1000_kirche_IMG_0904Wenn ein Mensch überraschend stirbt, folgen daraus immer besondere Momente. In jeder Hinsicht. In den letzten Tagen durfte ich etwas näher am Abschiednehmen von Susanne Schießer, die bei allen die „Susi“ war, teilhaben. Mit der Familie gestalteten wir das „Nachtwachen“ am Vortag des Begräbnisses am 13. August 2016 in Kirchschlag. Susi war in jeder Hinsicht eine beeindruckende, schillernde, empathische und immer ermutigende Frau, Mutter, Oma und vor allem Hebamme. Sie war begnadet darin, dem Leben ins Leben zu helfen. Deshalb waren beim Begräbnis auch so viele verschiedene Menschen. Es war Vielfalt, lebendiges Leben, Behutsamkeit und Tiefe. Neues und Gewohntes.

Loslasssen können

1000_freidhof_grIMG_0914Florian hat beim Nachtwachen die Gitarre gespielt. Wir haben gesungen. Trauer und Fröhlichkeit lagen ganz nebeneinander. Susi hatte immer Humor. Gleichzeitig hat sie ganz tief in die Seelen hinein gesehen, gespürt und dort Hoffnung geschürt, ungewohntes Denken eingepflanzt, schräge Perspektiven eröffnet, Gewohntes relativiert, Scheitern zugelassen, Neues immer freudig begrüßt. Das war auch der Grund, warum sie mit großer Freude die Vernetzung via Facebook genutzt hat. Sie war mir auch darin eine anregende Freundin. Bei ihr war das Oben auf einmal unten und die, die sich ganz unten fühlten, hat sie aufgehoben, mental und wirklich aufgerichtet. Sie war für mich eine begnadete Frau, die eine Meisterin des Loslassens war. Florian hat den Text gelesen, der mich selber in dieser Situation tief erfasst hat:

„Es geht darum, loslassen zu können.
Geburt ist loslassen können.
Wachsen ist loslassen können.
Altwerden ist loslassen können.
Sterben ist loslassen können.
Leben ist loslassen können.
Lieben heißt loslassen können.“

1000_fliessen_IMG_0903Susi war nicht perfekt. Das wollte sie auch nie. Wer in Zeiten des Festhaltens, der Berechnungen lebt, hat es nie leicht. Susi wurde von ihren Hebammenkolleginnen als Querdenkerin geschildert. Man sah in der vollen Kirche, dass hier alle äußerlich und innerlich nickten. Auch in ihrem Lebenslauf kam heraus, dass nicht alles gelang. Aber sie hat es versucht, mit Energie und ihrer ganzen Existenz. Sie hat selbst ihr Leben „losgelassen“, damit andere zum Leben kommen. Berechnungen und Kalkül waren ihr komplett fremd. Da ich selber auch überzeugt bin, dass wir in gewisser Weise gefangen sind in der „Excel-Zelle“, hat sie auch das gemieden. Loslassen kann nicht festhalten. Loslassen kann nicht berechnen. Loslassen lässt sein. Wir haben das Mantra „Fließen fließen“ gesungen, gesummt, gehört. Liebe geht hinein ins Mehr.

Seifenblasen statt Böller

1000_friedhof_IMG_0910Als wir am Waldfriedhof angekommen sind, begleitet von der „Schwere“ der bei einem Begräbnis üblichen Musik, kramten viele in ihren Taschen. Die Familie hat eingeladen, Seifenblasen mitzunehmen. Der ebenfalls streng gebetete und schwere Ritus am Grab hat den hinuntergelassen Sarg begleitet. Doch. Die Menschen haben in diesem Moment die Seifenblasen abgeschickt in Richtung Himmel. Am und über dem Friedhof lag in diesem Moment auf einmal eine „Leichtigkeit“, direkt Fröhlichkeit. Die Gesichter – auch die der Töchter – richteten sich zum Himmel. Auferstehung ist doch aufstehen, hinaufsteigen, hinübergleiten, ankommen im „Mehr“. Ich erinnere mich in diesem Moment an die Böllerschüsse als Kind. Damals war es Angst einflößend. Und wenn die Rede war vom „Nächsten, der aus unseren Reihen heimgerufen wird“, dann spürte ich Beklemmung und am Boden festgenagelte Trauer. Bei diesem Begräbnis war das anders. Ganz anders. Nicht theoretisch, sondern  ganz praktisch. In diesem Moment. Da war ein Lächeln in den Gesichtern, Freude, Hoffnung und ein Stück Zuversicht, dass mit der Geburt (sprich in diesem Fall Tod) nicht alles aus ist, sondern sich das Leben in ganz neue Dimensionen ergießt, erfüllt, vollendet, neu beginnt. Die Seifenblasen haben uns das „gezeigt“. Seifenblasen werden nicht bei jedem Verstorbenen passen, aber ich sehe darin den Anfang eines neuen Rituals, um die Auferstehung spürbar zu machen. Danke Susi. Und: Maria Himmelfahrt ist irgendwie auch so gemeint: ganz aufgenommen.

 

900_PaloschiGreenpeace postet dieser Tage: „1,2 Millionen Menschen haben weltweit gegen den Bau eines Megastaudammes im Amazonasgebiet im Olympialand Brasilien unterschrieben und nun stoppt die brasilianische Umweltbehörde den Genehmigungsprozess. Mit dem Staudamm wäre ein Stausee fast doppelt so groß wie Wien entstanden. Etwa 2.600 km² Regenwald wären durch direkte und indirekte Waldrodungen verloren gewesen. Außerdem hätten viele Munduruku ihre Heimat verloren und über 1.000 Tierarten, die am Tapajós-Fluss leben, wären vom zerstörerischen Vorhaben bedroht.“ Das ist erfreulich, wenn ich mit meiner winzig kleinen Unterschrift etwas beitragen durfte. Erzbischof Paloschi aus Brasilien hat ebenfalls auf die enorme Bedrohung der indigenen Völker hingewiesen. Er hat die Probleme beim Namen genannt und gleichzeitig die Problemlöser: die indigenen Völker selber. Ihre Lebenspraxis zeigt den Lebensstil der Zukunft: naturverbunden, einfach, achtsam, gemeinschaftlich. Morgen ist der 9. August, der Tag der indigenen Völker und ebenso der Gedenktag an Franz Jägerstätter.

Widerstand

900_JägerstätterAngleichen, mitmachen, ruhig bleiben,  Gott ergeben sind Haltungen, die Christinnen und Christen über lange Zeit geprägt haben. Kirchliche Pädagogik war „Ergebenheit und Hingabe“. Gemeint war dabei oft das etablierte Herrschaftssystem, das bis Gott hin verlängert wurde. „Wer sich nicht anpasst, geht unter“, sagen auch Genetiker. Anpassungsfähigkeit ist eine Lebensvoraussetzung. Glaube wurde oft als Anpassungsmaßnahme an bestehende Verhältnisse gesehen, gebraucht. Die Mächtigen halten sich die Kirche als „Stabilisator“. Siehe Österreich. Und anderswo. Anders in Brasilien, wo Bischof Erwin Kräutler und jetzt sein Nachfolger Roque Paloschi Paloschisich durch Widerstand „auszeichnen“. Sie sind Ermutigier zum Widerstand. Sie organisieren Widerstand mit. Widerstand gegen ein politisches und wirtschaftliches System, „das ausbeutet und mordet“. Dass der Gedenktag der indigenen Völker und der Gedenktag an Franz Jägerstätter zusammenfallen, ist ein schöner „Zufall“. Christenleben ist ein Leben in Gottverbundenheit, das uns freispielt, tiefgreifenden Widerstand zu leisten gegen das Tödliche, das Vernichtende, das Verachtende, das Nivellierende, das Gewalttätige. Der Staudamm in Brasilien ist ein gutes Beispiel, wie Widerstandskraft und Einsatz für das Leben „zusammengehen“. Möge der Widerstand gegen den Damm langfristig von Erfolg gekrönt sein und kein Menschenleben fordern. Dem dreifachen Familienvater Franz Jägerstätter wurde 1943 wegen seiner Gewissensentscheidung, dem Menschen verachtenden NS-System nicht dienen zu wollen, der Kopf abgeschlagen. Dasselbe Schicksal erleiden Menschen in Amazonien. Die Rücknahme des Staudammbaues lässt Hoffnung aufkommen. Es braucht auch unseren Widerstand.

700_IMG_0615Der in Lustenau geborene Fredmund Malik hat auf die Frage – Glauben Sie, sind Führungskräfte mutig genug für neue Ansätze? – im Kurier folgende Antwort gegeben: „Viele sind es nicht, aber es dürfen viele ja auch Ängste haben. Von den Mutigen genügt eine kritische Zahl. Wir brauchen 5 bis 15 Prozent der Führungskräfte in einer Pionierrolle. Und ich denke, so viele gibt es auch. Die Problematik ist: Pioniere wissen, was zu tun ist. Aber sie wissen nicht, wie sie gegen die Widerstände des Systems antreten müssen. Konzerne haben ein unglaubliches Beharrungsvermögen. Man muss Tausende Menschen in Konzernen bewegen, um etwas zu verändern. Und es gibt dabei natürlich Opfer.“ Hier spricht einer, der weltweit Management geprägt hat und prägt. In jedem Fall braucht es Pioniere, um den Wandel, die Transformation, die Veränderung zu schaffen. Nicht, um der Veränderung willen, sondern weil wir spüren und sehen, dass einiges aus den Fugen gerät. Ein praktisches Beispiel hat mir letzte Woche Erich Stekovics gezeigt.

300.000 Sorten zu 5

1000_IMG_0547Erich, den ich schon seit meiner Zeit als Ausbildungsleiter für Theologiestudierende als meinen burgenländischen Kollegen kennen und schätzen gelernt habe, hat sich international mit seinen „Sorten“ einen Namen gemacht. „Paradeiser-Kaiser“ ist immer wieder zu lesen, zu hören, zu sehen. Seine Leidenschaft gilt dem Geschmack, der Vielfalt des Geschmacks. Den Himmel stellt er sich als „vielfältige Geschmackswelt“ vor. Ist das der Grund, warum viele Menschen  nicht mehr an den Himmel glauben können, weil internationale Konzerne aus den 300.000 Sorten von Paradeiser weltweit 5 hybride Sorten gemacht und die Produktion von Tomaten für Lebensmittelketten auf diese „fünf Geschmäcker“ reduziert haben? Spaß beiseite, aber: Es ist eine bodenlose Geschmacklosigkeit, die da entwickelt wurde. Pioniere der Geschmacklosigkeit haben in Konzernen in den letzten Jahrzehnten Strukturen und technokratische Plausibilitäten geschaffen, denen alle nachgelaufen sind, sich an diesem Verbrechen beteiligt haben, „der Welt den Geschmack zu nehmen“. Aber wie geht jetzt der Wandel, die Transformation in die Vielfalt, in eine neue Form der Wahrnehmung der Verantwortung. Was Malik unternimmt, kenne ich nicht persönlich, sondern vom „Hörensagen“. Was die KSÖ seit Jahrzehnten in diesem Bereich anbietet, habe ich selber beim Drei-Monats-Kurs 1978 in Salzburg kennen lernen dürfen. Es waren sicherlich die intensivsten und fruchtbarsten drei „Lernmonate“ meines Lebens. Wandel, Change, Transformation sind immer Begriffe der Gegenwart. Nach dem Kurs bin ich 1978 Erzieher am Kollegium Petrinum geworden, während des Theologiestudiums. Ich habe mich gestärkt gefühlt, mit den Schülern und oft gegen die Vorgesetzten „Partizipation, Involvierung und Eigenverantwortung“ zu praktizieren. Bis heute begleitet mich dieser „Pionier-Mut“ und die Art der Ideen- und Handlungsfindung aus dieser Zeit. Wenn die KSÖ heute den Lehrgang „Soziale Verantwortung“ anbietet, würde ich zugreifen. Denn eines weiß ich ganz bestimmt: Da wird Mut zu Gestaltung gelehrt, gepflegt, geschürt. Was brauchen wir heute notwendiger als Pioniere des Wandels?

Rückholaktionen in die Erde der Vielfalt

1000_IMG_0554Erich Stekovics erzählt bei meinem Besuch von seinen Erfahrungen mit seinem Knoblauch. Seine 250 Tonnen Knoblauch werden nach der Ernte nicht gewaschen oder von der Erde gereinigt, sondern nur getrocknet. „Wir putzen unseren Knoblauch nicht zu Tode.“ Die Knoblauch-Zöpfe werden gerade unter dem Nussbaum im Hof von HelferInnen geflochten. Sie halten „luftig aufgehängt“ beim Konsumenten über ein Jahr in der Küche oder Garage. Der natürliche Schutz wird nicht zerstört. Bei der Markt-Einführung bei Spar kam gleich am ersten Tag ein Beschwerdebrief der Behörde, „dass der Knoblauch mit dem Dreck dran nicht verkauft werden darf“. Erich: „Da ist kein Dreck dran, sondern Erde. Im Dreck von heute würde der Knoblauch nämlich nicht wachsen.“ Nach vielem Hin und Her, dem hilfreichen Posting von Lukas Resetarits auf Facebook, das 250.00 Mal geliked und 12.000 mal geteilt wurde, wird heute der Knoblauch im blickdichten Papiersackerl angeboten. „40 % der Knoblauchproduktion haben wir so von China wieder zurück nach Österreich geholt.“ Und Stekovics bastelt mit Zwiebeln schon an weiteren „Rückholaktionen in die erdige Welt der Vielfalt“ in Österreich. Mut und Liebe, Wissen und lange Beobachtung machen Mut, diese eigenen Schritte zu setzen. Es ist klar: Wir brauchen mutige Pioniere der Vielfalt.

11_PanoIMG_0446Wir hatten vor, einen gemütlichen Tag zu verbringen. Und doch wollten wir uns einer Herausforderung stellen. Nein, nicht stellen, sondern eine Herausforderung gehen. Bei uns in Oberösterreich heißt es etwas, wenn einer oder eine sagt: „Ich war am Traunstein.“ Dieser Berg steht ganz massiv und mächtig im Voralpenland. Er ist weit nicht der höchste Berg, aber er hat ein Alleinstellungsmerkmal: Er steht alleine als erster Berg vor der Alpenkette. Dahinter sind höhere Berge und doch redet man vom Traunstein (1.691m). Er ist viel begangen und die Gedenktafeln der Verunglückten werden immer mehr. 1.200 Höhenmeter im steilen Gelände unterschätzen viele. Aber wir wollen es heute gemütlicher angehen. Also rundherum.

Gegen den Uhrzeiger

1Moralm_IMG_0428Der Blick auf die Uhr zeigt am Umkehrparkplatz am Ende der Ostuferstraße, dass wir nicht zu nachtschlafener Stunde aufgestanden sind. 9 Uhr. Los geht es Richtung Moaralm. Nach einer Stunde ständig ansteigender Forststrasse sind wir da, wo ich noch nie war. Der „leichtere Abstieg“ vom Traunstein geht über die „Moaralm“ und doch kommt man daran nicht vorbei, weil sie nicht direkt am Weg ins Tal zum See liegt. Heute  kommen wir von der anderen Seite und setzen uns auf eine Buttermilch vor die Hütte. Wunderbar. Buttermilch ist aus meiner Erfahrung ein tolles Getränk für Geher und Wanderer. Da ist vieles, alles drinnen, was uns „Ergänzungsnahrungsmittel“ – oder wie man das nennt – versprechen. Ganz natürlich, so wie hier. Einige sind schon da an diesem Samstagvormittag. Die Hütte ist urig und äußerst liebevoll gepflegt. Es geht weiter. Der Katzenstein (1.379m) ist schon im Blick. Auch wenn es ein Rundherum ist, so wollen wir diesen Gipfel „mitmachen“. Beim Aufstieg auf die Hohe Scharte hinüber zum Laudachsee  verlieren wir ihn wieder aus den Augen, den markanten Katzenstein. Er wird unser höchster Punkt und gleichzeitig der schönste Blick auf den, den wir umrunden, den Traunstein. Spaziergang ist es keiner auf den Gipfel, der von der Laudachsee-Seite als fast unbesteigbar erscheint. 2FensterIMG_0436Vorbei am berühmten „Laudachseefenster“ geht es steil bergauf. Oben angekommen, sehen wir lauter entspannte und fröhliche Gesichter. Diese Aussicht sucht ihresgleichen. Der Traunstein vor uns, der Laudachsee gleich unter den Zehen, wenn man sich ganz nach vorne wagt, Seen rundherherum und die Getreidefelder im Voralpenland angelegt wie ein kreatives Schachbrett. Die GipfelgeherInnen helfen sich gegenseitig beim Gipfelfoto aus. Es ist wieder so eine Erkenntnis: Auf den Bergen habe ich noch nie wirkliche Ungustl getroffen. Den Abstieg bis hinunter zum Laudachsee nehmen wir sehr vorsichtig. Es ist ab der Scharte die Nordseite des Berges und daher immer feucht unter den Bergschuhen. Der Steig ist aber gut gesichert und 2013 saniert worden. Die Ramsaualm am Laudachsee erwartet uns mit dem Gastgarten mit Panorama-Rückblick auf das, was wir schon geschafft haben, den Katzenstein. Der gespritzte Most ist wirklich sauer. Das Essen dafür schneller da, als die Bauchspeicheldrüsen als Vorbereitungszeit dafür bräuchten.

Der Gschliefgraben zeigt die Naturgewalten

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Aktiver -Gschliefgraben

0_Pano_IMG_0469Von jetzt geht es bergab. Zuerst hinüber Richtung Gründberg. Eine Wegmarkierung weist den Weg „Ostufer – Hoisn“. Der Gschliefgraben wurde durch die Rutschungen international bekannt. Den gilt es hinunterzugehen. Und zu unserer Überraschung: Er rutscht noch immer. Oben sehen wir die in den Graben aufgrund von Dauerrutschungen hineingefallenen Bäume. Wir haben das Gefühl: Der Mensch will einen Berg stoppen, der durch Wasser angetrieben, sein Material in Richtung See abschiebt. Werden die aufwändig gemachten Entlastungsgerinne die nächsten 1.000 Jahre halten. Der Berg wird schieben und der Mensch sich dagegen wehren. Persönlich glaube ich, dass es der Machbarkeitswahn des technokratisch denkenden Menschen ist, „gegen die Natur in diesen Dimensionen“ vorgehen zu können. Wir haben investiert, alle Technik eingesetzt, politisch Verantwortung übernommen. Der Berg wird es nicht hören. Vernünftiger wäre es gewesen, wegzugehen von der Bedrohung, einen neuen Ort mit den Menschen zu suchen und „den Berg einfach zu lassen“. Ich meditiere im steilen Hinuntergehen diese Grundfrage, die den Verantwortlichen nicht oft genug gestellt werden kann: Warum agiert ihr gegen die Natur? Warum schafft ihr so wenige Strukturen, die der Natur und dem biotischen Prinzip erwachsen? Die Fachtagung Weltkirche hat 2016 das Thema: „Schöpfung in Gefahr! Aufstehen gegen Raubbau und Gier!„. Der Gschliefgraben zeigt etwas von dem „nicht wahrhaben wollen der Kräfte der Natur“. Warum baut der Mensch Häuser dorthin, wo die Natur keine haben will? Der flache Querweg führt uns zurück zum Umkehrparkplatz. Um 17 Uhr schwimmen wir im See. Spätestens im Wasser spüren wir: Es war ein gemütlicher Tag und die Gewitter haben gewartet, bis wir beim Hois’nWirt unter dem Schirm Platz genommen haben. Ein Rundgang mit Gipfel, den wir weiterempfehlen.

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Am Katzenstein

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Beim Hois’n Wirt

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Florian Klenk (Facebook)

Manche meinen, #SocialMedia sei Schrott. Ausschließlich. Dass das nicht immer der Fall ist, zeigt diese auf Facebook geteilte „alte“ Geschichte von Sokrates.

„He, Sokrates, hast du das gehört, was dein Freund getan hat? Das muss ich dir gleich erzählen.“ „Moment mal“, unterbrach ihn der Weise. „hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?“  „Drei Siebe?“ „Ja, mein Lieber, drei Siebe. Lass sehen, ob das, was du mir zu sagen hast, durch die drei Siebe hindurchgeht. Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?“ „Nein, ich hörte es irgendwo und . . .“ „So, so! Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft. Es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst – wenn es schon nicht als wahr erwiesen ist -, so doch wenigstens gut?“ Zögernd sagte der andere: „Nein, das nicht, im Gegenteil . . .“  „Ach so!“, unterbrach Sokrates. „So lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden und fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich erregt?“ „Nun, notwendig gerade nicht . . .“ „Also“, lächelte der Weise, „wenn das, was du mir erzählen willst, weder wahr, noch gut, noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit!“

Auch ein guter Maßstab für das Posten auf Facebook: „Ist es wahr? Ist es gut? Ist es notwendig?“

1IMG_0243Es ist ja nicht so, dass ich beim #Profitreff des PRVA DAS Wundermittel gehört hätte, wie heute angesichts der Digitalisierung die JournalistInnen leichter erreicht werden können. Nachdem ich doch über einen längeren Zeitraum in der Medienbranche tätig bin und sich Erfahrungen angesammelt haben, habe ich fast den Eindruck: Der persönliche Kontakt, die persönliche Beziehung, das persönliche Kennen ist das Kontinuum durch alle medialen Veränderungen und Tools, die jeweils gerade benutzt werden. Das braucht Zeit. Und das ist aus meiner Wahrnehmung beruhigend. Auch JournalistInnen, die in der Info-Flut fast untergehen, brauchen zum Einsortieren eine „face to face“ Begegnung davor, als Basis, als „Priorisierungslatte“. Und da geht es um Sympathie, Vertrauen und Einschätzungshilfe. „Email funktioniert nicht mehr“, meint etwa Corinna Milborn von Puls4 angesichts der Menge an Presseaussendungen und Zusendungen per Email. Es gibt allerdings keinen Email-Ersatz. Genau deshalb sind die „haptischen Begegnungen“ kurz und bündig so wichtig. Deshalb sitze ich auch hier – sogar in der ersten Reihe. Aber das war beim Ankommen so wie in der Kirche: Vorne frei.

Was zählt?

Unternberg im Lungau

Unternberg im Lungau

Es werden Basics ausgeführt: „Wer tut etwas? Wer trägt etwas zur Lösung bei? Gibt es bei der Geschichte ein Augenzwinkern?“. Das sieht Milborn als ihren Zugang für das Fernsehen. Natürlich: Relevanz, medientaugliche Personen als ExpertInnen oder ProtagonistInnen sind der Stoff, aus dem bewegte Bilder werden. „Eine Geschichte muss wirklich gut sein, damit wir ein Kamerateam rausschicken können.“ Der Luxus, auf Verdacht zu drehen, kostet einfach zu viel. Die Chefredakteurin des Branchenmagazins „Horizont“ stellt ihre Wahrnehmungen und Tipps so zur Verfügung: Wirklich gut teasern, alles personalisieren und eine große Zielgruppengenauigkeit entwickeln ist wesentlich. „Basteln sie einen medienspezifischen Zugang zu einzelnen JournalistInnen und Medien.“ Es erinnert mich an unsere Serie „viel mehr wesentlich weniger„. Es wird klar: Nicht viel ist entscheidend, sondern das Wenige soll wesentlich sein. Auch in der Presse- und Medienarbeit. Die Kommunikationschefin der DiBa-Bank Andrea Hansal hat sich zum Ziel gesetzt: „Ich will nicht nerven.“ Daher vorher klar fragen: Was ist überhaupt eine Geschichte? Wem gebe ich etwas? Wir sind wieder bei der Zielgenauigkeit. Und: „Es ist alles kleinteiliger, aber auch spannender geworden.“ Sie weiß von den „Frustfaktoren“ der Medienschaffenden: Zeitmangel, Relevanzmangel und keine Bilder und Grafiken zur Verfügung. Aber bitte nicht an das Email anhängen. Im Web abrufbar machen. Nichts Neues, aber wieder einmal gut, es so auf den Punkt gebracht zu hören. Und dann hören wir ein wenig aus der aktuellen Einschätzung: „Das, was ganz tot ist, ist die Pressekonferenz.“ Außer es ist ein ganz mächtiges Thema. Aber Relevanz lässt sich damit nicht steigern. „Jeder ist auf der Suche nach DEM Punkt und deshalb sind spezielle Treffen oder Hintergrundgespräche hoch im Kurs.“ Neuerdings boomen auch „informelle Treffen“. Aus meiner Sicht entsteht dort Involvierung und Neugierde wird geschürt. Wir sind am Punkt: Was macht JournalistInnen neugierig? Ganz einfach: Eine persönlich spannend erzählte „Geschichte“. Das wird auch in 100 Jahren noch so sein. Beruhigend und herausfordernd zugleich.

 

13566960_10205191490065667_1004887474450508558_nViel zu selten nehme ich mir Zeit, mit meinem befreundeten Asylwerber „Kami“ Zeit zu verbringen, hochdeutsch einander Geschichten zu erzählen, dort und da unter die Arme zu greifen, Mut zuzusprechen. Da soll einer – was ohnehin die meisten wissen aber nicht wahrhaben wollen – mit 165.- EUR auskommen. Da ist dann das Busticket mit 77.- EUR, dort der Kursbeitrag, da eine ärztliche Bestätigung, dort die Anerkennung des persischen Führerscheins inklusive der vorgeschriebenen Fahrschulstunden mit 520.- EUR. Diesen Betrag werde ich jetzt „zusammensuchen“. Ich frage mich da immer: Wäre Kami als Tourist gekommen und hätte ein Leihauto genommen, wäre doch sein persischer Führerschein akzeptiert worden, oder? Und bei all dem bleibt er im Grunde positiv gestimmt, obwohl er Vater, Mutter und Schwester in Teheran sehr vermisst. Wir verabschieden einander. In diesem Moment kommt sein Freund und Zimmerkollege dazu. Er steigt mit mir in den Bus ein. Wir fahren gemeinsame sieben Minuten „hinüber ins Bergdorf“ – er bis nach Linz. Auch er kommt aus Persien und sein Frau mit den beiden Kindern, zwei und sechs Jahre, sind noch dort. Er nimmt sein Smartphone heraus und zeigt mir die Kinder. Seine Hand geht zum Herz und klopft drauf. Er schaut sie fest an und irgendwie werden sein Augen nass. Der ausgebildete Tischler hat sie mehr als ein Jahr nicht mehr gespürt, umarmt, geherzt. Ich werde auch ganz still und es ist, wie wenn es mir das Herz zerreißt. Er erzählt in gutem Deutsch, das er innerhalb eines Jahres gelernt hat, von seiner Familie. Ich könnte laut schreien. Er hilft mir, indem er in seinen Fotos „weiterblättert“. Er zeigt mir seine Tischlerarbeiten, die er in Persien gemacht hat. Wunderschön. Ich muss aussteigen. Sieben Minuten vergehen schnell und ich spüre, dass sie mit dem Aussteigen nicht zu Ende sind.