Wenn ich heute aus dem Zugfenster hier in Kärnten hinaus in die Steiermark und weiter nach Oberösterreich schaue, dann habe ich drei Wochen lang in ein und demselben Bett geschlafen. Seit zwei Jahren war das nicht mehr so. Damals war ich auf Kur in Bad Gastein. Jetzt werde ich die Frage – Wo warst du so lange? – ganz ähnlich beantworten: auf Kur in Kärnten. War es vor zwei Jahren die totale „Offline-Kur“, so habe ich diesmal die „Balance“ in den Mittelpunkt gestellt. Mein Ziel war, alle Lebensbereiche wieder genauer auszuloten, dem Körper und Geist, der Seele wieder Platz und Raum zu verschaffen. Als „Vagabund an der Westbahnstrecke“ bin ich viel unterwegs, sitze ich vorwiegend. Als Mensch im sechsten Lebensjahrzehnt hat sich am Rücken schon einiges angesammelt. Ihn wieder ein Stück zu befreien, von innen her in der Feinmuskulatur bewusst zu stärken und durch Bewegung in freier Natur aufzurichten, ist gelungen. Ich weiß: ein Privileg. Deshalb bin ich auch zutiefst dankbar für diese Möglichkeit. Prävention heißt das medizinische Schlagwort. Ich sage allein einfach: Es ist und es tut gut. Für Körper, Geist und Seele. Wichtig ist, die Verantwortung selber zu übernehmen. Alle unterstützen mich, aber ich bleibe verantwortlich, ich bin mit mir der Akteur. Es gibt allerdings hier einige, „die sich selbst einfach zum Service abgegeben haben“. Einer hat sogar wörtlich gemeint: Bin gespannt, ob denen meine Abnehmen gelingt.

Die feinen Übungen

Gerade die verschiedenen Gymnastik-Übungen habe ich geliebt. Diese feinen und unspektakulären Übungen, „die richtig reingehen“. Einen Spannungszustand eine Minute lang halten. Da dauert eine Minute wirklich lang. Nach drei Wochen sehe ich, wie viel Körpergefühl und körperliche Wachheit in mich eingezogen ist. Mir ist natürlich bekannt, dass wir Muskel haben, wo wir sie nie vermutet hätten. Die werden im Alltag sträflich vernachlässigt. Und es tut einfach gut, wieder den „ganzen Körper“ zu beleben. Die Übungen, das Wasser, der Strom, das Moor, der Schall und die „Knetungen“  sind eine Wohltat. Das stundenlange Gehen in den Wäldern und auf Bergkämmen lässt Körper, Geist und Seele zusammenschwingen. Der Alltag wird wieder ganz andere Rahmenbedingungen bringen. Und doch kenne ich jetzt „Erinnerungen“, was wie und wozu förderlich ist.

Im größeren Zusammenhang

Vermutet habe ich, dass mir die Fußball-WM näher kommt. War nicht der Fall. Befürchtet habe ich, dass mich die Politik beschäftigen wird. Ja, sie hat mich wirklich erreicht. Es liegen tiefschwarze Wolken über Österreich. Ich neige nicht zur Aufgeregtheit, aber diese Situation macht mir in Hinblick auf unsere Enkelkinder wirklich Sorgen, die ich auf Twitter auch geteilt habe und teile. Wir stehen in einer Zeit, wo wir uns später – in vielleicht 5, 10, 20 Jahren – die Frage gefallen lassen müssen: Habt ihr das nicht gesehen? Was habt ihr dagegen getan? Deshalb war es für mich als Orientierung nochmals ein besonderer Gewinn, dass ich Laudato si ganz inhaliert, aufgesogen, gegessen habe. Diese Jahrhundertenzyklika von Papst Franziskus und seinen ExpertInnen stellt alles nochmals in einen größeren Zusammenhang. Wenn ich den Film „Papst Franziskus“ dazu nehme, ist die Landkarte am Tisch und der Weg in die Zukunft klar eingezeichnet Richtung „weniger“, „tiefer“, „bewusster“ und „wesentlich“. Es braucht eine neue Wachheit, Einfachheit und Gemeinsamkeit. Es geht um die „tiefen feinen Dimensionen des Lebens, der Gesellschaft, des Leibes“. Die derzeitige Politik ist ein Bizeps-Politik mit polternden Bewegungen. Angst macht sich breit. Das Feine wird gestrichen. Und die tiefe Überzeugung, dass jeder, wirklich jeder Mensch die gleiche Würde hat,  wird heute de facto täglich durch ihr Tun in Frage gestellt. Als Christen wissen wir, dass gerade Im Fremden, im Hilfesuchenden, an den Rändern uns Gott entgegen kommt. Und dann stellt sich in der saturierten Gesellschaft der Leistungsträger die Frage: Will überhaupt jemand „Gott treffen“? Otmar Stütz hat um die Jahrtausendwende in der Diözese Linz einen ganz besonderen Begriff und die dazugehörige Haltung geprägt: „geöffnet“. Genau das wurde ich jetzt in diesen drei Wochen: geöffnet. Und so wie die Feinmuskulatur mit einer Spannung eine Minute lang gestärkt wird, so braucht auch das „geöffnet“ seine Haltephasen. Aber da ist eine Minute zu kurz. Und die Brachialpolitik ist da wirklich zer-störend.

Dieser Tage habe ich einem Arzt gelauscht, der über Risikofaktoren des Lebens wie Rauchen, Übergewicht oder hoher Blutdruck gesprochen hat. Er hat einige ganz markante Werte und Zahlen an die Wand geworfen. Er ließ aber keinen Zweifel daran, dass jeder Mensch einzigartig ist, kein „Normwesen“, ein Original. Er betonte es mehrmals. Dazu auch sein Ausspruch: „Der beste Arzt für sich selber sind sie selber. Sie spüren, sie merken, sie nehmen wahr. Und sie spüren auch intuitiv die Lösung, den Heilungsansatz.“ Und dann erklärte er kurz und bündig, wie es zu den Standards in der Medizin gekommen ist. „Die Standards sind in der Notfallmedizin bei Bewusstlosigkeit eingeführt worden. Wenn ein Mensch nicht mehr ansprechbar, nicht mehr kommunikationsfähig war, hat man auf die Standards wie Puls oder Blutdruck zurückgegriffen, um das Leben irgendwie einzuschätzen.“ Und er führte weiter aus, dass etwa 14 Billionen Zellen im Körper miteinander kommunizieren.  Dann erläuterte er, dass viel Wirklichkeit in den Zwischenräumen, also zwischen den Zellen passiert. „Stellen sie sich vor, sie sind die Zelle. Was alles noch zwischen ihnen hier im Raum ist, ist ja auch nicht nichts. Alles kommuniziert mit allem.“ Ich denke sofort an Papst Franziskus und an die Enzyklika Laudato si: „Alles ist mit allem verbunden.“ Und der Arzt betont nochmals: Standards sind gut bei Bewusstlosigkeit und wo keine Kommunikation stattfinden kann und sind ein Orientierung aus der Erfahrung heraus.

Es ist umgekehrt: Standards machen bewusstlos

Natürlich ist das ein „Bild“ für das Leben. Jesus hat vom Leib gesprochen, in dem alle Teile  zusammenwirken müssen, damit es dem Menschen gut geht. Das „Bild“ nahm er für das Reich Gottes. Vielfalt, Verschiedenheit, gute Kommunikation untereinander, Zusammengehörigkeit machen den Leib aus. Derzeit erleben wir allerdings den umgekehrten Weg. Mit Standards wird in allen Bereichen versucht, das Leben zu „gestalten“. In der Bildung denke ich an PISA und die Zentralmatura. Wenn Standards in der Medizin aus der Notfallmedizin bei Bewusstlosigkeit entstanden sind, dann schaffen Standards in der Bildung gerade Bewusstlosigkeit. Wenn Standards bei Versagen der Kommunikation in der Vielfalt der 14 Billionen Zellen mit ihren Zwischenräumen helfen, die Lebensfunktionen zu schützen, dann verhindern Standards in der Bildung gerade die Kommunikation in der Vielfalt des menschlichen Lebens. Standards haben bis zu einem gewissen Grad geholfen. Jetzt bekommen sie ein Eigenleben, setzen sich so wie der Mammon in der Wirtschaft in die Mitte allen Tuns. Zwei Männer reden neben mir von ihren Firmen und führen aus, dass die jungen Techniker „mit ihrem Laptop, den sie an die Maschine anstecken“, zwar die Abweichung vom Standard feststellen („Das Gerät hat nicht funktioniert.“), aber keine Idee haben, wie man das einfach repariert. Beide Männer waren frustriert von der „jungen ideenlosen Hilflosigkeit“. Mit Standards und den technischen Geräten wird die Kreativität und Eigeninitiative ausgetrieben. In Laudato si heißt es, daß wir vom technisch-technologischen Weltbild in das sozial-ökologisch-spirituelle Paradigma des Lebens wechseln sollen. Im ersten herrschen Standardisierung und im anderen Kommunikation in Vielfalt inklusive Zwischenräume. Hier entstehen die Kopien und dort kommunizieren Originale. Mehr denn je bin ich überzeugt: Vielfalt stärkt. Das stärkt ein hellwaches Bewusstsein.

Wir besuchen „Papst Franziskus“ im Kino. Ein Plakat vom Film sehen wir nicht. Wir sind gespannt, wie Wim Wenders „den Papst anlegt“. Schon nach ein paar Minuten ist uns klar, dass dieser Papst nicht „angelegt“ ist, sondern als Person in seinen theologischen und ganz praktischen Sichtweisen sein Amt füllt. Da kommen in keiner Minute irgendwelche hochgestochenen theologischen Konvolute daher, sondern immer in der Sprache der Menschen verständliche Anliegen. „Gut zuhören“ ist ihm ein besonderes Anliegen. Und „auf Augenhöhe“ mit den Menschen sein. Genau das schafft der Film.

Die Allerärmste ist die Welt

Ich werde hier den Film nicht nacherzählen. Geht nicht. Viele Stationen, die gezeigt werden, sind außerhalb Europas und immer am Rande. Dieser Papst ist dort daheim, wo andere Würdenträger nicht hingehen würden. So spüren wir im Film auch, dass er mit seiner Rede über die Krankheiten der Kurie in der Kurie selber argwöhnisch beobachtet wird und so selber im Innersten als „Randfigur“ gesehen wird. Berührend sein Aussagen, die er direkt in die Kamera und somit mit uns BesucherInnen teilt. Ich fühle mich direkt mitgenommen. Wenn er über Familie spricht, dann stellt er selber die für ihn zentrale Frage:  „Spielt ihr mit den Kindern?“. Und er faltet aus, dass wir Menschen Zeit brauchen, um nutzlose Zeit zu verbringen. „Wir leben am Gaspedal und das tut uns überhaupt nicht gut.“ Spielt, genießt die Welt, „die doch so schön ist“. Und dann die bohrend Frage: „Wer ist derzeit die aller Ärmste?“ – die Welt selber. Sie wird ausgebeutet, vergiftet und nur mehr für ökonomische Zwecke verbraucht. Hier zeigt der Film lange und einleuchtend sein „Vorbild“ nach Jesus: der hl. Franziskus. Es liegt an uns, diese Welt zu retten im Bewusstsein, dass wir im gemeinsamen Haus wohnen. Berührend auch die vielen Begegnungen. Tränen kommen mir, wie er mit Gefangenen spricht, Kranken die Hand auflegt, ihnen vorbehaltlos begegnet, ihnen Zuwendung, Liebe und Trost vermittelt. Er spricht das Sterben an, den persönlichen Tod. Und er lässt sich zu allen heißen Eisen fragen und gibt Antworten, die den Menschen aufrichten und nicht unter das Gesetz stellen. Der Film zeigt ihn als einen Mann des Wortes, der unmittelbaren Compassion und der eindeutigen Perspektive auf diese Welt: Es ist der vorbehaltlose Dienst an den Geringsten. Lächeln und Humor sind für ihn ganz wichtig. Ich kann nur ermutigen. Geht ins Kino.

 

Lesestoff gibt es genug. Zeit zum Lesen ist eher rar. Heute ist das Publik-Forum EXTRA mit dem Thema „Wandlungen“ dran. Schmetterlinge in Pink, ist ein Artikel, der aber nichts mit dem heutigen Rücktritt des sehr lebendigen und leidenschaftlichen Matthias Strolz zu tun hat. „Mittendrin im Wandel“ schildert die drei Ebenen, wie sich der Wandel ankündigt, sich den Weg sucht: die Ebene des Widerstandes (1), die Ebene der nüchternen Analyse der Fehlentwicklungen und der Alternativen (2) und die Ebene des Paradigmenwechsels von der „mechanischen Zahnrad-Welt“ zu einem organischen Ganzen  (3). Dabei denke ich an LaudatoSi, obwohl es nicht ausdrücklich da steht. Diese Ebene ist die kraftvollste, weil sie überraschende Wendungen bringen kann wie den Atomausstieg Deutschlands entlang von überraschenden Einsichten. Grundparadigma ist die Transformation von der Raupe zum Schmetterling mit den „Imago-Zellen“. Spannend. Das passiert nicht geplant, sondern überall zugleich, auch wenn wir sie nicht sehen können, die Inseln der „Zukunftsmodelle“. Das Neue kann nicht mehr gefressen werden, sondern schließt sich eben zum neuen „Programm“ (Schmetterling) zusammen. Und mir fällt der Film „Zeit für Utopien“ ein, der gerade in den guten Kinos läuft. Das Neue ist unter uns, auch wenn es zugeschüttet und nicht „erzählt“ werde will und darf.

Und was tun Social Media da?

In einem Gespräch mit der Medienethikerin Johanna Haberer stellt sich sehr bald heraus: Die neuen Medien bringen keine Reflexion, sondern Reflexe hervor. Wir sind durchschaut. Und ob wir wieder zurück zur Natur sollen? „Ja, und weg von diesem Kommunikations-Hopping.“ Ich denke: Unsere und meine Offline-Zeiten sind am Pfad in die Zukunft angesiedelt. Abschalten. Virtuelle und reale Welt kennen keinen Unterschied mehr. Mithilfe der „kleinen Geräte“ verbinden sich die Welten, „aber die Leiblichkeit und die Sinnlichkeit leiden darunter“. Die früher unmöglich geglaubte Bilokation ist heute Alltag: Sie sitzen beim Essen und schnabulieren die sinnentleertesten Videos oder WhatsApp-Unterhaltungen. Ich esse ohne Handy und deshalb kann ich das oft sehen. „Die Frage nach den Folgen stellen wir uns nicht. Es gibt diese unschlagbare Evidenz des Nutzens, der diese Technologie gibt. Hildegard von Bingen wusste allerdings schon: Die Engel fliegen in Spiralen, der Teufel immer geradeaus. Der schnelle Weg des Pragmatismus führt eben nicht immer zum Himmel.“ Diese Dinger sind „teuflisch“, weil so geradeaus in den alltäglichen Nutzen.  Augustinus hat die Ursünden beschrieben, darunter die allerschlimmste, die „acedia“, die Gleichgültigkeit, die Faulheit, die Bequemlichkeit, die „Wurschtigkeit“.

Der aufgeklärte Mensch ist in Gefahr

Deshalb sagt Haberer: „Der digitale Wandel bedroht den aufgeklärten Menschen.“ Er hat ihn noch nicht gefressen, aber er bedroht ihn. Es ist etwas zu tun gegen diese „Vernutzung des Menschen“, die in der Aufklärung abgestellt wurde. Alles ist verrechnet, das System weiß mehr über mich als ich selber und es gibt nichts Intransparenteres als die gesammelten Information dieser Netzwerke. Alles liegt offen und doch sind die Zusammenhänge, die Algorithmen absolut verborgen. Was sollten wir lernen? Einen alltagstauglichen Umgang mit dieser Technologie, die auf unsere Liebe, auf unsere Freunde, auf das ganze Leben abzielt, auf unseren Geist. „Wir müssen lernen, wegzulassen.“ Das heißt gerade auch für Kinder, eine Lebensnavigation mit diesen Technologien zu lernen, ohne größeren Schaden zu nehmen. Und wenn Schaden entsteht, heißt es ihn ungeschminkt benennen. Aus meiner Sicht: Bei sogenannten Laptop-Klassen kann man den Schaden schon ausmachen. Aber es gibt schon Protest: Die Datenschutzverordnung ist die richtige Richtung, Facebook wird verlassen oder bewusster genutzt, Offline-Region und -Zeiten entstehen, die Natur wird wieder entdeckt und die Acedia wird als die Verführerin erkannt, gesehen, gemieden. Die Bequemlichkeit führt zwar gerade aus. Aber: Die Engel ziehen Spiralen und nur der Teufel fliegt geradeaus. Wer Ohren hat, der höre. Und wer Hände hat, der lege immer öfter weg.

Zwölf Frauen und Männer brechen auf. Elf mit dem Zug von Linz. Eine wartet in Spital am Pyhrn, wo wir um 10.30 Uhr am Bahnhof angekommen starten. Keine große Vorstellungsrunde, obwohl wir einander nicht kennen, sondern nur der Hinweis, dass wir mit einem „mentalen Gummiband“ im Gehen verbunden bleiben, also nicht auseinanderfallen. Niemand hat ein Handy oder Smartphone dabei. Das war ausgemacht. Nur zwei kleine alte Fotoapparate werden äußerst sparsam eingesetzt. Ich selber habe davon gar nichts dabei. Magdalena Holztrattner und ich haben diese Idee ausgeschrieben.  Von Innsbruck bis Wien haben sie die Leute angemeldet. Das Bedürfnis nach Offline ist groß. Auch bei mir. Es liegt in der Luft, dass wir nur dann Balance finden, wenn wir uns konsequente Distanz verschaffen (können). Zumindest zeitweise. Vier Tage in unserem Fall. Das ist unser Experiment. Vorweg: Es ist mehr als gelungen.

Der Benediktweg als Basis

Die Route ist schnell geschildert: Von Spital der Aufstieg bis zum Pyhrgas-Gatterl. Dort erwartet uns auf 1.300 m Schnee. Davon wird es am dritten Tag noch mehr geben. Es geht hinunter Richtung Hall. Wir halten oben noch inne: Atmen ist heute unser Grundimpuls. Atmen und schauen, ganz da sein im Hier und Jetzt. Das Wetter ist wunderschön. Beim Abstieg helfen wir einander durch den Schnee. Wir kommen ins Gespräch, in die Gespräche. Im Tal hinaus bis in das Stift Admont, wo wir um 17 Uhr eintreffen, schwingen wir zusammen. Erzählen, einfach zuhören, schweigen, gehen, Rucksack tragen. P. Ulrich vom Stift empfängt uns, führt uns zum Abendessen und gibt uns im „ZeitRaum der Stille“ die Zimmer. Wir gehen noch zum Teich und genau in diesem Moment geht die Sonne unter. Ein unglaubliches Panorama prägt sich ein, in den Kopf und das Herz, weil wir keine Fotos machen. Ausklang im nahen Gasthaus und wir spüren, dass wir schon zusammengehören. Die Abschlussrunde zeigt schon: Offline gehen geht und tut gut. Müde geht es zum Schlaf. Der erste Tag am Benediktweg liegt hinter uns. Er ist unsere „Wegbasis“ bis zum Ziel in der Abtei Seckau.

Auf und ab und ganz zurück

Das gute Frühstück erwartet uns um 7 Uhr. Wir starten mit unserem Einstieg in den Tagesweg in der Stiftskirche mit dem Gedanken „Mehr und Weniger“. Basis dafür sind die Quellen der Kraft, die ich für jede und jeden mitgenommen habe. Als Background für das, wohin wir uns öffnen, wenn wir nicht in den Online-Verstrickungen gefangen sind. Richtung Kaiserau gehen wir dem Bach entlang, der sich über hunderte Stufen ergießt. Wir haben Schweigen vereinbart. Das tut richtig gut. Atmen, schauen, staunen, bewegen, spüren, was es mehr und was es weniger braucht in meinem Leben. Rolf hat Augenprobleme. Er geht zum Arzt und wir sollen ruhig weitergehen. Das „Gummiband“ ist heute besonders gefordert. Es gibt keine Kommunikation außer „zusammenspüren“. In Trieben finden wir uns wieder. Es geht: Wir sind verbunden auch ohne diese technische Hilfestellung. Vielleicht geht uns dieses Vertrauen verloren, dass wir uns nicht verlieren, obwohl wir nicht digital kommunizieren (können). Im Tal geht es ganz nach hinten bis zur Bergerhube, einem Gasthaus und Landwirtschaft, wo wir um 18 Uhr ankommen. Da ist die Welt zu Ende. Ab hier geht nur mehr bergwärts. Das ist morgen. Die Wirtsleute machen uns ein tolles Abendessen, wir haben eine Menge Spaß, singen miteinander und spüren sehr früh: Das Gehen macht müde. Ab ins Bett. Ohne vorher diese vermeintliche Welt digital gecheckt zu haben.

Die spanneste Etappe

Aufwachen. Sonnenschein. Wettermäßig sind wir Glückskinder. Eine kleine Spannung liegt in der Luft. Wie viel Schnee wird am Kettentörl (1.864m) sein und werden wir es schaffen? Magdalena stellt „Vertrauen und Glauben“ als Impuls in die Mitte. Wie passend. Dann gehen wir. Steil bergauf. Etwa 300 Höhenmeter unter dem Törl dann geschlossene Schneedecke. Es geht. Schritt für Schritt. Manchmal breche ich ein. Es wir immer steiler. Die Schritte langsamer. Der Schnee trägt. Nur manchmal ein Einbruch. Überglücklich sind wir alle da und blicken auf der anderen Seite in das weite Tal hinunter auf den Ingering-See, den wir über Schneefelder, auf einem Lawinenausläufer nach zwei Stunden erreichen. Dann eine späte Mittagsrast in der Sonne, neben der Kapelle in der Wiese liegend. Wir genießen. Einzelne gehen ins Wasser. „Sehr erfrischend.“ Dann der weite Weg hinaus nach Gaal über neun Kilometer am Forstweg und Güterweg. Der Asphalt zehrt an den Kräften. Ein Gasthaus baut uns wieder auf. Nochmals eineinhalb Stunden bis zur Abtei. Nach neun Gehstunden kommen wir um 19 Uhr dort an. Zwei von uns haben entschieden, die letzte Strecke mitzufahren und erwarten uns mit den Zimmerschlüsseln. Frater Benedikt und Pater Johannes, der Prior, erwarten uns in der sie auszeichnenden benediktinischen Gastfreundschaft. Alles ist sauber, hat Geschichte. Das erzählen die Stufen. Ein schöner Ort, wie eine Teilnehmerin meinte. Das Abendessen schmeckt uns. Drei Tage gehen. Über 60 km, über 3.000 Höhenmeter.  Die Abschluss

runde machen wir im Gasthaus neben der Abtei. Wir spüren: Alle genießen es, bei jeder und jedem hat „sich was getan“, berührt von der Ge[h]meinschaft, offline tut gut, so wunderbare Gespräche. Wir übernachten, bekommen noch ein schönes Frühstück, eine kurze Führung durch die Abtei, machen eine Abschlussrunde in der neu renovierten Kirche und werden zum Zug nach Knittelfeld gebracht. Der Heimweg beginnt. Noch schöne Gespräche im Zug und nach und nach „verlieren“ wir uns an den Bahnhöfen mit der Erkenntnis: Offline gehen geht! Persönlich bin ich überzeugt, dass gerade diese zeitweise „brutale Distanzierung zur Onlinewelt“ (Originalton) uns helfen kann, die Wahrnehmung und Prioritäten nicht zu verlieren, der Seele und den Beziehungen wieder Raum zu geben, das Spüren, Riechen, Schmecken und lieben nicht zu verlernen. Und das Singen.

Schriftliches Feedback via online von einzelnen TeilnehmerInnen

Reinhard K.:

„Manchmal springt einem ein Wort, ein Begriff beim Lesen von Emails ins Auge und für Sekunden bleibt MANN hängen – so war es auch bei der Ausschreibung zum „Offline-Pilgern“.

Drei wesentliche Gründe ließen mich nicht zweifeln, dass ich da dabei sein will: erstens die Leitung durch Ferdinand Kaineder als erprobter und langjähriger Pilger und Magdalena Holztrattner, zweitens die Landschaft und drittens der Benedikt-Weg mit den Stationen Stift Admont, Bergerhube und Abtei Seckau. Terminlich passte es auch gut in meine Planungen.

Die Erkenntnisse, nach 3 Tagen „Abstinenz“ von der elektronischen Verbundenheit mit der „ganzen Welt“ sind:

  • Ich habe Zeit zum Schauen.
  • Ich werde bei Gesprächen nicht abgelenkt.
  • Ich brauche keine schnellen Antworten und Entscheidungen treffen.
  • Ich bin einfach mehr bei mir.
  • Ich habe Zeit, um Informationstafeln zu lesen und kann die Landschaft intensiver erkunden.
  • Ich werde von der Gruppe bei „Durststrecken „ mitgetragen.
  • Ich nutze die Strecke, um mit vielen (vorher unbekannten Menschen) ins Gespräch zu kommen.

Am Ende der Pilgerreise gibt es nicht nur gute Bekanntschaften, sondern auch die Gewissheit, körperliche Herausforderungen bewältigt und das Ziel erreicht zu haben.“

Karin W.:

„Es geht, wenn man geht, auch OFFLINE. Gewohnheiten unterbrechen, I oder Smartphone´s zu Hause, keine Nachrichten, kein Blick ob wieder eine Botschaft, ein Anruf eingegangen sind, es gilt für alle in unserer 4tägigen Weg-Gemeinschaft. Wieder zurück mit einem Rucksack voller Erinnerungen mit all den besonderen Momenten der Wegerfahrungen. Kein Handyweckruf dafür Liedrufe und Gesänge von Magdalena, die uns in den Wach- und Aufstehmodus begleiten.

4Tage offline und die Idee es öfter zu wagen aus den Gewohnheiten auszusteigen, die geschenkte Zeit nützen um z.B. wieder einmal einen Brief von Hand geschrieben zu verschicken. Deine Idee vom Offline gehen war gut Ferdinand, offline, aber online in den Begegnungen, den gemeinsamen wunderschönen, manchmal auch mit Mühen verbundenen Tage des Gehens in einer besonderen Landschaft, einem Himmel so blau und die Sonne unsere Wegbegleiterin von früh bis spät.  Das Kettentörl schaffen mit viel Schnee, mühsame Schritte von dir,  um den Weg für alle anderen zu bereiten und immer der Ohrwurm in mir: Geh mit uns, unseren Weg…. Danke fürs offline gehen und fürs online sein mit unseren WeggefährtInnen! OFFLINE gehen, geht!“

Klaus K.:

„Raus aus dem Alltag – rein ins nichts – und doch immer genug.
3 Tage reduziert auf das eigentliche: Das Sein.
Was ist das – das Sein?
Ein Augenblick.
Ein Moment.
Ein Schritt.
Ein Weg.
Mein Körper?
Mein Geist?
Den Körper spüren.
Sich selber durch den Körper spüren.
Alles ist so einzigartig und einmalig.
Respektiere deine Grenzen – stand da auf einmal mitten im Wald…. Ja versuche ich.
Es gelingt nicht immer – aber immer öfter so, dass ich es mir recht machen will, und sonst keinem anderen.
In Dankbarkeit, Geduld und Zufriedenheit bin ich im Jetzt.
Ich bin wieder näher bei mir.
Das möchte ich mir von dieser wunderbaren Reise mitnehmen.
Rein in den Alltag.“

Anna W:

„Offllinegehen ist
– kommunizieren, Gedanken austauschen, Geschichten erzählen und hören, gemeinsame Bilder wahrnehmen und Landschaft im Voll-Frühling genießen – mit den Menschen die DA sind, neben mir und mit mir unterwegs

– selber DA sein wo und wie ich jetzt bin, hören und spüren was gerade in mir ist

– darauf vertrauen, dass ich verbunden bin mit den Lieben daheim und mit der Welt , auch wenn ich keine News, SMS, Whatsapp-Nachrichten oder Telefonate erhalte und führe/sende“

Theresia S:

„Gedanken zum #OfflineGehen: Staunend, schauend, höhrend und fühlend – mit ganzem Herzen im hier und jetzt sein, die wunderschönen Momente einfach in mir aufnehmen, anstatt mit der Digitalkamera Fotos zu machen. Das war eine wertvolle Erfahrung, wenn`s mir, besonders am Beginn, auch schwer gefallen ist. Gemeinsam unterwegs sein, mit lieben Menschen plaudernd, schweigend, lachend, … ohne Ablenkung durch SMS oder WhatsApp- Nachrichten, ohne „muss schnell noch meinen versäumten Anruf beantworten“; das war für mich sehr entspannend. Ich möchte in Zukunft gerne mal einige Tage „offline“ sein und auch andere dazu ermutigen.“

Manuela T.:

„ONLINE sein ist nicht schwer  – zwischendurch mal OFFLINE sein … bereichert aber sehr!
Das ist meine persönliche Erfahrung nach 3 Tagen OFFLINE – Gehen auf mir unbekannten Etappen des Benediktweges in Gemeinschaft einer mir bis dahin unbekannten Gruppe mit 11 weiteren interessierten Frauen und Männern. Ohne Handy und Fotoapparat im Rucksack verspürte ich sehr bald eine Gelassenheit und innere Ruhe, um mich zu orientieren und die vielen Eindrücke mit meinen Sinnen intensiv aufzunehmen, festzuhalten und zu teilen – ohne Ablenkung durch die im Alltag zweifellos nützlichen, aber oft schon unentbehrlich scheinenden Geräte. Eine Motivation für mich, auch in diesem Bereich immer wieder mal inne zu halten und bewusst einfach zu leben. OFFLINE sein ist auch nicht schwer!“

Ich selber sage nur: Danke für die Ohren, die Schritte, die Stimmen, das Singen, das Lachen, das Schweigen, das Mitfühlen und Mitleiden, das Strahlen, die Rücksichten, das gegenseitige Stärken, das Vertrauen, das Mehr und Weniger, das gemeinsame Atmen. Wir waren bei den Quellen der Kraft. Wunderbar, was Offline alles freilegt.

[Danke für die Fotos an Rudi und Reinhard]

Ich muss gestehen, dass mir das Interview mit Bischof Mandfred Scheuer in den OÖNachrichten noch immer „nachgeht“. Verstärkt hat das die Schlagzeile der Kathpress, die in die Headline die bischöfliche Garantie dazugepackt hat, dass es in der Diözese Linz keine Sonderwege geben wird. Dabei war die Rede von verheirateten Priestern. Dass die Frauen unter dieser Vorgehensweise keine Rolle spielen, hat das Interview auch gezeigt. Wenn ich in diesen Tagen dann die Pressemeldungen aus den verschiedenen Diözesen zu den „Chrisam-Messen“ lese, finde ich das angesichts der Wichtigkeit und der Bedeutung des Geschehens fast „lächerlich männlich“. Beispiel: „Bischof feiert mit 200 Priestern und Diakone.“ Die Frauen leisten einstweilen Küchen- und Pflegedienste. Ich weiß, das klingt jetzt zynisch. Aber die Situation ist 2018 gegenüber den Frauen zynisch. Sie kommen in dieser klerikalen Denkwelt nicht vor. Das wird auch so empfunden, erlebt. Nicht nur bei den Jüngeren. Die Zeit dieses männlichen Klerikalismus muss im katholischen Bereich beendet werden. Und genau das braucht „Sonderwege“. Papst Franziskus selber will sich ja von diesen Fesseln der Vorgänger befreien. Und er geht „innovative Sonderwege“. Sicher: Bei der Diakoninenweihe lässt er das x-te Mal forschen und reden. Aber er kennt die pastorale Not Südamerikas und weiß von Frauen und Männern, die taufen, der Ehe assistieren oder Kranken des sakramentalen Beistand leisten. Da ist er zum Beispiel mit Bischof Erwin Kräutler im Gespräch.

Ohne Sonderwege keine Befreiung

Dass die Diözese Linz seit mehr als 25 Jahren mit dem „Spin Sonderwege“ kämpft, kann ich nur zu klar bestätigen. Wien und Rom haben bis heute Interesse, die Diözese Linz und den Bischof „klein und in der Spur“ zu halten. Aber was sind Sonderwege? „Wer nicht vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke.“ Schon oft zitiert und mit persönlicher Erfahrung angereichert. Wer den Weg nicht verlässt, der ausgeschildert ist, der „vorgeschrieben“ wird, wird keine neuen Welten sehen, erleben, spüren, ermöglichen. Und derzeit bleibt vieles auf der Strecke. Wir sind mitten in der Karwoche. Wäre da nicht einer einen Sonderweg gegangen, wären wir um eine Befreiung und Erlösung ärmer. Jesus ist diesen Sonderweg gegen Gewalt, Heuchelei und Macht von dieser Welt konsequent gegangen. Franz Jägerstätter, der vom Linzer Bischof groß verehrt, ist ebenfalls nicht im Mainstream unterwegs gewesen. Bis heute verehren wir Menschen als Heilige (Frauen und Männer), die nicht brav die Autobahn befahren haben. Sie sind abgebogen, haben Maßnahmen gesetzt abseits der „kirchlichen Hauptstraßen“. Ich finde es schade, dass der Linzer Bischof nach so viel Erfahrung am „Linzer Weg“ nicht sagt: Freundinnen und Freunde, wir werden diesen Linzer Weg, auf dem wir schon Jahrzehnte unterwegs sind, in Richtung mehr Partizipation durch beauftragte Getaufte, Laien intensiver weitergehen, damit Kirche den Dienst des Tröstens, des Helfens, des Feierns, des Gemeinschaft bilden und Gott loben weiter wachsen kann. Klerus und Laien werden noch intensiver als bisher wie die Brennpunkte einer Ellipse zusammenarbeiten. Auf Augenhöhe. Und wir werden nicht fragen, was ist nach dem Kirchenrecht verboten, sondern was ist innerhalb der breiten Auslegung des Kirchenrechtes möglich. Als Bischof werde ich dabei meinen Fokus auf den Dienst der Einheit  lenken. Das wird nicht einfach, aber die lebendige Zukunft der Kirche verlangt das von mir. Und Gott will, dass unsere Diözese eine kraftvolle Zukunft hat – um der Menschen willen.

In diesen Tagen feiern wir als Christinnen und Christen wieder eines der größten Geheimnisse unseres Glaubens. Die Auferstehung. Die Auferweckung. Das Aufstehen gegen den Tod und alle Verzweiflung. Das Licht nach aller Dunkelheit und Einsamkeit. Das Sterben lässt uns nicht in der dunklen Grube liegen, sondern kennt eine andere Welt ähnlich wie bei der Geburt. Jesus hat gelebt, wurde ermordet und hat diesem Desaster mit Gottes Hilfe getrotzt. Er ist auferstanden und ist mit uns Menschen unterwegs.

Mein Vorschlag für die 15. Station am Kreuzweg

Wenn ich diese Zeilen schreibe, komme ich gerade aus Graz. Ich durfte das VinziDorf-Hospiz besuchen. Obdachlosen wird dort in ihrer letzten Lebensphase ein Stück Heimat und persönliche Begleitung gegeben. Sr. Bonaventura von den Elisabethinen sagt im Gespräch, „dass das ihre Herzenssache ist“. Eine Frau und ein Mann sind gerade da. Das Haus hell und ganz normal. Wir sitzen und werden bewirtet, aufgenommen. Meine Gedanken gehen von den beiden hier Betreuten nach Emmaus. Immer wieder. Es ist für mich die eigentliche Ostergeschichte, Auferstehungsbotschaft. Verzweifelte, Mutlose, Enttäuschte gehen gemeinsam nach Emmaus und da kommt einer dazu. Er erklärt ihnen die Ereignisse, das Desaster von Jerusalem, den Tod Jesu. Und es ist – wie wir wissen – Jesus selber. Deshalb ist für mich die 15. Station nach der Grablegung die Station „Auferstehung Richtung Emmaus“. Die Botschaft von der Auferstehung Jesu, die die Frauen zuerst sehen und begreifen, manifestiert sich im gemeinsamen Gespräch, Suchen, Einkehren, Essen und – Erkennen. Jesus lebt, er geht mit uns. Die drei Menschen nach Emmaus müssten aus meiner Sicht bei jedem Kreuzweg die 15. Station sein. Oder gibt es das schon?

 

„Information-Diskussion“, die Zeitung der Kath. ArbeitnehmerInnen Bewegung Oberösterreich, hat mir sieben Fragen gestellt.

Unsere Zeit ist geprägt von Vielfalt, Beliebigkeit, vielfältigen Arbeits- und Lebensentwürfen, Informationsflut und Kurzlebigkeit. Ist heute „Meinungsbildung“ herausfordernder als im Vergleich zu vor 20 Jahren und warum?

„Meinungsbildung“ hat sich grundsätzlich verändert. Waren früher hierarchische Meinungsbildungsprozesse prägend, sind es jetzt Netzwerke. Der Mensch wird heute zwar als Subjekt bezeichnet, dient aber auf dem „Markt aller Möglichkeiten“ als Objekt für die verschiedenen „Händler“: Der Mensch wird aufgesplittert in Konsument, Wahlstimme, Vereinsmitglied, Gewerkschaftsmitglied, Kirchenbeitragszahler, Familienvater/-mutter, Sportler, Gläubiger usw. Es ist heute praktisch unmöglich geworden, „den ganzen Menschen anzusprechen“. Außerdem: Es sind nicht Botschaften, die Menschen prägen, sondern Personen. Und wenn es Botschaften sind, dann mit hohem finanziellen Aufwand. Man denke konkret an die tägliche Werbeflut der Konzerne.

 

Wie schwierig ist es derzeit für Medienmenschen, objektiv zu berichten und auch über Sachverhalte, Zusammenhänge, Hintergründe zu informieren?

Ich behaupte: Es gibt nur mehr ganz wenige Journalisten, die kritisch und unabhängig von den PR-Abteilungen agieren. Der Falter des Florian Klenk ist ein Beispiel. Fakt ist, dass die PR-Abteilungen in den letzten Jahren 4x so groß geworden sind und die journalistischen Redaktionen sich um 1/3 verkleinert haben. Fakt ist, dass PR-Texte oft 1:1 abgeschrieben werden, weil es keine Zeit mehr gibt, selber zu recherchieren. Fakt ist auch, dass immer öfter Redaktionen auf geschickt gemachte „Fake News“ hereinfallen. Fakt ist auch, dass die Kronenzeitung, Heute und Österreich ihre eigene Wahrheit zusammenstellen. Sie ist derzeit „Kurz“ und „Strache“, basiert auf Ausgrenzungsgelüsten und trägt ein „heimatverbundenes konservatives klerikales Kirchenbild“ vor sich her. Mein Zugang: Immer probieren, „ungeschminkt hinschauen und sich selber ein Bild machen“.

 

Interessiert fundierte Information das Gros der Menschen überhaupt noch oder wollen sie unterhalten werden?

Die große Breite wird unterhalten, ob sie nun will oder nicht. Viele Menschen können Information und Unterhaltung nicht mehr unterscheiden. Das Leben wird zum Spaß hin entwickelt. Mir hat das Buch „Die Austreibung des Anderen“ sehr geholfen, unsere grundsätzlich schiefe Ebene hin zur „individualisierten Welt“ aufzuzeigen: Scheinbar Individuum und dabei das immer Gleiche. Das Fremde, das Andere wird ausgeblendet. McDonalds schmeckt auf der ganzen Welt gleich. Das erleben viele Menschen als
Gewinn, als „Erleichterung“. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite gibt es einen tiefen Hunger nach Gemeinsamkeit, nach Zusammenhalt und „Hintergrund“. Nach Ausbrechen aus der Masse und dem Leben wieder einen unverwechselbaren Geschmack geben. Die Abos von „Die Zeit“ steigen. Ein neues Reisen nimmt Gestalt an und will direkt zu den Menschen, „die ganz anders leben (müssen)“.

 

Haben Qualitäts-Medien noch den Anspruch, meinungsbildend zu sein?

Ja, unbedingt. Und sie sind es auch. Langfristig. Die jeweilige Zielgruppe ist vielleicht klein, aber wichtig.

 

Wie gehen Medienmenschen damit um, dass PolitikerInnen, FirmensprecherInnen usw. rhetorisch meist gut geschult sind und Fragen nicht mehr beantworten, sondern ihr „Programm“ abspulen?

Als ich bei den Ordensgemeinschaften vor fast sechs Jahren in Wien begonnen habe, hat mir eine befreundete ORF-Mitarbeiterin geraten: „Bitte, coache deine Leute nicht auf!“ Das hat mich bestärkt in dem, was ich gewusst habe: Führe die Verantwortlichen in ihre eigene Stärke und Kommunikationsart. Dass wir authentisch sind und „rüberkommen“. Und unsere Präsidentin, unser Vorsitzender sind die, die sie sind. Auch in den Medien. Langfristig trägt das. Hier sind auch Social Media ein Gewinn, weil wir auch dort unsere Anliegen und Personen in das Kommunikationsgeschehen einbringen können.
Das Regierungsprogramm wurde zB von P. Franz Helm im Sinne von „Christlich geht anders“ kritisch beleuchtet. Das kam nicht groß in den Massenmedien und doch ruft uns eine Mutter aus dem Waldviertel an und bedankt sich dafür.
Die Leute spüren sehr gut, ob etwas aufgesetzt oder authentisch ist. Daran glaube ich nach wie vor.

 

Sind Medien noch „die 4. Macht im Staat“? Und stimmt der Eindruck, dass kritische Berichterstattung gerne als „links, weltfremd, Gutmenschentum“ diffamiert wird?

Medien sind eine bedeutende Macht. Sie müssen sich entscheiden: Gehören sie zu den Herrschenden und Konzernen, oder zu den Menschen. Ich weiß schon, dass das übertrieben klingt. Aber heute sind Medien Unternehmen wie alle anderen, auf Gewinn ausgerichtet. Inserate machen die Basis aus. Außerdem ist seit geraumer Zeit das „Framing“ (Anm.: bewusst einen bestimmten Deutungsrahmen herstellen) eine besondere Spezialität. Alles, was den Erfolg einer neoliberalen Wirtschaft stört, wird in den Rahmen „links, weltfremd, Träumer, Gutmenschentum“ hineingestellt. Die letzte Wahl hat gezeigt: Zwei Drittel der Menschen wählten „rechts“ und das ist „neoliberale, kapitalistische Systemkonformität“. Alles andere wird es in den nächsten Jahren schwer haben, überhaupt medial entsprechend vorzukommen.

 

Neben öffentlich-professionellen Medien gewinnen zunehmend „private“ wie Facebook und Co. an Bedeutung. Durch die sozialen Netzwerke verselbstständigt sich „Meinungsbildung“, auch mit den bekannten negativen Folgen von Fake News, Bots etc.  Wie beurteilst du diese Entwicklung?

Der Mensch braucht drei Dinge fundamental: 1.) Werte, die ihm Wichtiges und Unwichtiges unterscheiden helfen. 2.) Rituale, um den Alltag sinnvoll bewältigen zu können und die Arbeit als sinnvoll zu erleben. 3.) Zugehörigkeit und Zusammenhalt in Zeiten der tiefgehenden Vereinzelung, die oft zur Einsamkeit führt.  Social Media enthalten die Möglichkeit, Menschen in diesem Sinne „zusammenzuführen“. Negativ kann sich eine abgeschottete „Blase“ entwickeln. Positiv können hier „ausstrahlende und attraktive Communities“ gebildet werden. Die analoge haptische Community ist immer die „Absprungbasis“ hinein in die mediale Vernetzung. Auch die KAB sehe ich hier: Es geht darum, aus einer anschlussfähigen Identität heraus ein klares Profil zu entwickeln, das medial und über Social Media einladend verbreitet wird. Meine Lieblingsfrage ist: Wie geht „raus“? Aber da sind wir bei Jesus. Und er war nicht nur Sohn Gottes, sondern auch ein Kommunikationsprofi.

Der direkte Link zum Beitrag auf Seite 6/7.

Archive