Kaineder News

„Digitale Medien beeinträchtigen die Gehirnentwicklung und sie erzeugen Sucht.“ Diese in der langen Menschheitsgeschichte neuesten Medien nehmen dem Menschen „geistige Arbeit ab“. Genau das braucht das Gehirn, dass es sich weiterentwickelt. Arbeit. Manfred Spitzer ist kein Unbekannter, weil er in den Talkshows klar Stellung bezieht: Wir sind von der digitalen Demenz bedroht. Gerade die Entwicklung von Kindern ist durch diese „Geräte“ verlangsamt, kommt zum Stillstand. In den OÖN vom 3. Dezember 2016  ist es im Interview nachzulesen. Aus Spitzers Sicht sind Weihnachtsgeschenke, „die ganz ohne Strom auskommen“, genau die richtigen. Und: „Musik und Singen, Musizieren macht schlau.“ Und Spitzer verweist auf Süd-Korea: „Dort ist die beste digitale Infrastruktur und wir haben genau dort 31% Smartphone-Süchtige.“ Also: eins, zwei, süchtig, vier fünf, süchtig….

Mehr Social Media für Firmen?

„Ein Großteil kennt die neuen Möglichkeiten nicht oder unterschätzt sie maßlos“, weiss dafür ein Experte wie Dominik Fürtbauer ein paar Seiten weiter in derselben Zeitung unter Karriere und Bildung. Er beschreibt die „Techniken“, die heute angeblich Leute „ansprechen“ können. Mittlerweile weiß man heute, dass diese Social Media „Kontakte“ die Leute nicht mehr anrühren, sie nicht „überzeugen“ oder in irgend einer Form „tiefer an die Firma, die Organisation, die Partei, die Kirche“ binden. Ich bin nicht grundsätzlich gegen die digitale Welt, aber ich bin im Laufe der Jahre sehr skeptisch geworden, was diese Welt wirklich  (kommt von wirken, bewirken) kann und ob wir das alles wollen, was wir derzeit sehen, erleben, tun. Ich habe in meiner mehr als dreiwöchigen radikalen Offline-Zeit genossen. Tatsächliche Begegnungen, viel mehr Weniger, dafür mehr Wesentlich. Die Seele hat ruhig geatmet. Susanne Dickstein schreibt daneben ihren Kommentar zu „Klaviatur der Kanäle“. Ihre Überlegungen im Umgang mit Kunden mündet in der Erkenntnis, worauf es tatsächlich ankommt: „Den Bedarf des Kunden zu erkennen und mit Empathie und Hausverstand darauf einzugehen.“ Jawohl. Und genau das braucht haptische analoge Begegnungen mit Zeit und Hinwendung zum Menschen. Aber: Mafred Spitzer zeigt uns, was wir gerade mit Social Media verlernen? „Empathiefähigkeit“. Wir bewegen uns im Dilemma, im Teufelskreis. Daher immer wieder meine Erfahrung, meine Ansage: Distanz halten und Geräte weglegen, immer öfter tatsächlich vergessen. Das Leben ist zu wertvoll, um es in den Social Media Kanälen zu entsorgen.

 

1_img_2988Es ist noch sehr früh. Erster Adventsonntag. Mangels Bus aus dem Bergdorf bin ich mit dem Auto nach Ungenach zum Männertag der KMB unterwegs. Es fährt sich einfach, weil noch ganz wenige Leute unterwegs sind. In Vöcklabruck komme ich am Bahnhof vorbei und sehe das große Stahlgebilde, das ich schon öfters vom Bahnhof kommend „auf der anderen Seite“ ohne große Wahrnehmung gesehen habe. Heute taucht es rechts im Blickfeld auf, Bremse und Blinker sind sofort aktiviert. Die beiden ineinander liegenden Pfeile haben mich „angesprungen“. Wahrscheinlich auch gesteuert durch die Gedankengänge zum kommenden Vortrag bei den Männern in Ungenach. „Schwächelt das Christentum?  Steht das Ende der christlichen Kultur bevor?“ Auf Facebook haben Freunde schon Hilfreiches dazu gepostet und damit der Themenstellung die „bedrohliche Apokalyptik“ genommen. In dieser Stahlskulptur ist mir früh am Morgen die „Lösung“ entgegengekommen. Es ist wie beim Gehen. Das Leben und die Lösungen kommen dir entgegen. Ich habe Fotos gemacht, habe die Skulptur angeschaut, von allen Seiten. Und immer wieder ist in mir die Aussage aufgestiegen: „Radikale Veränderung aus dem Inneren“. Aus dem Innersten des Stahlstückes wird ein Pfeil herausgenommen und wieder eingesetzt, in die ganz andere Richtung weisend. Das spüre ich in dieser Gesellschaft immer wieder, dass aus dem Innersten, dem Kern ein großes Stück herausgenommen werden sollte und in die andere Richtung eingesetzt werden müsste, damit wir eine gute Zukunft für alle Menschen haben, nicht nur für wenige.

Christen müssen Atheisten sein

2_img_2990Inspiriert von dieser Skulptur bin ich im Vortrag ein paar Gedanken nachgegangen, die ich mit den etwa 50 Männern geteilt habe. Ich wollte „Basics für den Rucksack in Richtung Zukunft zusammenrichten“, damit  für jeden einzelnen und zusammen als Community ein gutes Gehen möglich ist. Vorausgeschickt habe ich einige „Betrachtungsweisen“: Ist das Christentum jetzt mehr Thermostat oder Thermometer? Dann: Die wirklich bestimmende und dominierende Religion heute ist die Geld-Religion, die den Mammon als allseits verehrten „Gott“ führt. Also: Es wird auch von uns Christen ein großes Stück „Atheismus“ verlangt gegenüber diesen Mammon-Religionen. Gemeinsam haben wir beobachtet, dass heute die Rituale zum Großteil von der Gesundheits-, Wellness- und Medienwelt kreiert und praktiziert werden. Individuelle Gesundheit wird als das höchste Gut gesehen und zum Beispiel weniger das gemeinsame Wohlergehen im Gemeinwesen. Und Christentum triftet da zumindest zeitweise ab in diese „Wellness-Schiene“. Dann schwächelt es.

Advent in diese Richtung

3_img_2995Dem Buch von Ilia Trojanov „Der überflüssige Mensch“ haben wir dann weiten Raum gegeben. Auch von Bischof Kräutler habe ich erzählt, dass in Brasilien in offiziellen Dokumenten des Staates die indigenen Völker im Tropenwald dem Tierreich zugeordnet werden. Nochmals, weil so unglaublich: dem Tierreich zugeordnet. Menschen werden nicht als Menschen gesehen, die Würde abgesprochen und als „überflüssig erklärt“. Wenn sich heute Caritas als Anwalt für diese Menschen sieht und agiert, wenn Papst Franziskus sich, sein Amt und die Kirche an diese Ränder führt, dann ist Christentum „stark“. Und so haben wir an diesem Vormittag unsere Gedanken, Erfahrungen und Einschätzungen unter uns Männern „geteilt“ mit dem Finale, „dass christlich inspiriertes Leben immer anschlussfähig ist, geradezu neugierig dem Fremden gegenüber und in dieser Synapsenfähigkeit prophetisch in der Gesellschaft, in jedem Gemeinwesen wirkt“. Gesellschaft braucht uns jesuanisch geprägte Christen. Warum? Mehr denn je braucht es Menschen, die das einfache, vom Wohlstands-Schrott befreite Leben als gutes Leben wagen. Wirklich tiefes gemeinschaftliches Leben hat uns die Geld-Religion „ausgetrieben“. Der Mensch wird gerade zum User und  Konsumenten degradiert und das braucht ein tiefes, hellwaches Bewusstsein dafür, dass wir Bürger, Menschen sind. Außerdem: Es braucht unseren Einsatz am Rand entlang und wieder einige Mutige, die den Weg zum Thermostat suchen und wieder hinaufdrehen, damit die soziale Kälte nicht weiter Platz greift.
Außerdem: Es ist erster Adventsonntag und es brennt die erste Kerze „in diese Richtung“.
Und: Danke den Männern von Ungenach für diesen inspirierenden Vormittag.
Eine besondere Freude war es, dass ich Pfarrer Josef Friedl daheim bei ihm begegnet bin. Wie geht es? „Den Umständen entsprechend. Bin zufrieden.“

 

900img_2675„Wo der gesellschaftliche Zusammenhalt gefährdet ist, muss das Empfinden von Gerechtigkeit gestärkt werden“, wird in roten und fetten Buchstaben im Publik Forum vom 21. Oktober 2016 aus dem Artikel „Was die Gesellschaft wirklich zusammenhält“ hervorgehoben. Eine andere Beobachtung habe ich gestern in Wien gemacht. Sowohl beim Burgtheater als auch bei uns vor dem Büro in der Freyung wurden Panzer und militärische Geräte in Stellung gebracht. Als Zivildiener der ersten Stunden rund um die Zivildienstkommission 1975 steigen da natürlich besondere Gefühle und Assoziationen hoch. Besorgte. Der Magnetismus von Panzer und Co. wird jedes Jahr rund um den Nationalfeiertag zelebriert und sichtbar gemacht. Aber was steckt dahinter?

Gerechtigkeitsempfinden fördern

Ich komme zum Interview ins Publik Forum zurück. Die Frage ist entscheidend für unsere „auseinander fallende Gesellschaft“, „die Vereinzelung der Interessen“, „die digital klammernde und zittrige Dauerkommunikation“ und den Hochgesang auf die „Individualität mit erweiterbarer Komfortzone“: Was hält die Gesellschaft wirklich zusammen? Der Philosoph Hans Joas relativiert die Ansicht, dass es die Werte sind, die zusammenhalten: „Es braucht viel mehr.“ Ganz klar benennt er drei Faktoren, die diesen Zusammenhalt in einer Gesellschaft positiv stärken oder in der Negativvariante gefährden. Was hält Gesellschaft wirklich zusammen? „Erstens: ein von allen erlebter wirtschaftlicher Erfolg.“ Und er erinnert an die Nachkriegszeit, wo für alle der Aufstieg und Aufschwung erlebbar war. Ohne den wirtschaftlichen Aufschwung wäre die  neue Demokratie vielleicht gar nicht entstanden. „Zweitens: Die Menschen müssen die Gesellschaft als gerecht erleben.“ Wo der Zusammenhalt gefährdet ist, muss alles getan werden, um das Gerechtigkeitsempfinden wieder herbeizuführen etwa durch Umverteilung oder Partizipationsmöglichkeiten. Jonas findet die Vermögensverteilung in Deutschland „skandalös“. Aus meiner Sicht wird Gerechtigkeit heute nicht nur durch die Ungleichheit gestört, sondern auch durch das Verhalten der Reichen, der „Oberen“, die glauben,  dass Gesetze für sie nicht gelten. Sie setzen sich über alles hinweg, was für alle gilt. Das ist das wirklich „Skandalöse“. Und Jonas weiter: „Drittens ein Beispiel, das keiner hören will, das aber empirisch zwingend ist: Militärische Erfolge eines Landes tragen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.“ Und jetzt bin ich wieder beim Burgtheater und in der Freyung in Wien bei den Panzern und Co. In den letzten Wochen und Monaten hat der neue Verteidigungsminister Doskozil eine „aufgeweckte Identität und Aufgabenstellung“ für das Bundesheer herausgestrichen. Irgendwie wird mir etwas bange in unserem Österreich, wenn auf diese Weise der Zusammenhalt über das Militär gestärkt werden soll. Dabei wäre bei „Zweitens: Gerechtigkeit“ ein so weites Feld.

unnamedMeine 24-tägige Offline-Zeit ist zu Ende. Das Smartphone lag abgeschaltet daheim zusammen mit dem Laptop. Das TV-Gerät im großzügigen Zimmer meines Kurhotels Bärenhof in Bad Gastein war der Bademantelhalter. Radio gab es keines. Wollte ich auch nicht. Über drei Wochen Null Internet. Ich habe es genossen. Es hat mich vertieft, wacher und wirklicher gemacht. Ich wurde reduziert in jeder Hinsicht. Und wesentlicher, ruhiger. „Ich würde das keine drei Tage aushalten. Schon nach einem Tag im Urlaub juckt es und ich muss nachschauen.“ So ein befreundeter Journalist am Telefon, nachdem ich die Rückrufe auf die Anrufe in Abwesenheit gestartet hatte. „Es war ein ganz großes Geschenk und genau zur richtigen Zeit“, meinte ich. Erzählt habe ich ihm, dass die SN und DIE ZEIT in der Druckausgabe meine einzigen „Medienpartner“ waren. Und natürlich einige Bücher und gezielte Zeitschriften, denen ich mich schon lange widmen wollte. In der dritten Woche hat DIE ZEIT in einer Beilage ganz groß über eine Doppelseite die Frage gestellt, meine Frage gefragt: „Wer bist du, wenn du mit dir allein bist?“. Und genau diese Frage hat ihre Antworten bekommen, weil ich meine „digitalen Kochlöffel“ alle konsequent 100%ig weggelegt habe. Ich durfte mir „unabgelenkt“ begegnen. Tag für Tag.

Was ist entstanden?

Im Rückblick und nicht erst jetzt merke ich, dass ich mit einer neuen Wahrnehmung da bin. Ich wusste immer, dass Digital emotional kalt ist. Das kann die Seele nicht wärmen. Sie macht sie hungriger. Die tiefe Achtsamkeit und Empathie geht verloren, ist auch mir zum Teil verloren gegangen. Und doch verfallen so viele Menschen unkritisch diesem „Zug der Zeit“ und hängen an ihren Geräten. „Aufmerksamkeitszertäubung“ nennen das gute Beobachter. Und ein Geschäftsführer hat zu meinem Offline-Dasein gemeint: „Recht hast du. Wir halten das alle miteinander ohnehin nicht mehr lange aus.“  Und bei mir selber habe ich gespürt, wie Langsamkeit in mein Leben eingekehrt ist. Das hat mir ermöglicht, viel tiefer hinzuhören in Gesprächen, auch auf die Stille. Ich spürte auf einmal keine Getriebenheit mehr, sondern konnte selbst die zeitweise Langeweile in meinem Zimmer genießen. Langeweile ist ja ein Fremdwort geworden, ein Unwort der „Bespassungsgesellschaft“. Gerade in diesen Zeiten haben meine Gedanken-Gänge unglaublich viel Freiraum vorgefunden und neue Facetten aufgemacht. Und beim Gehen in den Gasteiner Bergen nahmen die Augen die Natur, das wunderschöne Panorama auf, weil ich keine Kamera zücken konnte, die im Smartphone daheim integriert lag. Einfach da sein, schauen, wahrnehmen, hinhören auf die Stille der Natur, den Berggipfel jetzt genießen und nicht erst später am Foto. Ich bin da. Jetzt. Genau auf diesem Quadratmeter Erde, eingespannt und getragen zwischen Welt und Himmel.

Und wie weiter?

Mit großer Aufmerksamkeit habe ich den Beitrag von Richard David Precht in der ZEIT vom 22. September 2016 gelesen: „Unsere gereizten Seelen“. Precht schreibt dort, dass Europa keine User und Konsumenten braucht, sonder StaatsbürgerInnen. Gerade die digitale Welt deformiert uns Menschen dazu, „nur mehr über Geld nachzudenken, Preise zu vergleichen und auf Kosten anderer zu profitieren“. Nicht der zufriedene Mensch ist das Ziel, sondern der immer wieder neu unzufriedene. Ein kurzfristiger „Hyperkonsumismus“ wird in den Mittelpunkt des Seins gestellt auf Kosten langfristigen Denkens. Eine „zittrige Seele“, wie wir sie heute so oft vorfinden, findet keine Ruhe in sich selber, findet auch das Du nicht mehr. Die Seelen, so sie nicht ohnehin verschüttet sind, werden durch Werbung, digitale Medien und das ständige Mehr immer neu „gereizt“. Dieser ständige Reiz von außen macht sie selber wieder zittrig. Und genau diese kollektive Nervosität erleben wir unter dem Anschein von „digitalen Freundschaften und Followern“. Bisher hat meine Offline-Zeit noch niemand in Frage gestellt, sondern auf verschiedenen Ebenen haben mir Menschen dazu gratuliert, sind neugierig geworden. Was gibt es Schöneres, als auf das Wesentliche reduziert Beziehungen, Familie und Freundschaften img_2479analog zu leben. Auch wenn sich der Mainstream beschleunigt, so werde ich langsamer leben. Meine Arbeitskollegin hat mir auf mein erstes Email zurückgeschrieben: „WELCOME BACK! (in reality – ehm – virtuality)“. Das ist der Punkt. Reality nicht mit Virtuality verwechseln. Smartphone weglegen und einfach offline gehen. Einmal am Tag ins digitale Gasthaus „Facebook“ schauen. Whatsapp ausschließlich für Familie verwenden. Sonntag ausschließlich haptisch gestalten und das Festnetz wieder mehr betätigen. Außerdem: Die Abende gehören dem Gespräch und der tatsächlichen Begegnung – ohne „Geräte“. Außerdem sind alle meine handschriftlichen Briefe bisher als „Sensation, Seltenes“ empfunden. Und diese Rückmeldungen kamen auch handschriftlich. Als Karte oder Brief. Die digitale Welt hat viele Menschen „übernommen“, dabei sind diese Erfindungen nur Hilfsmittel. Deshalb raus aus dem Mittelpunkt damit. Das heißt: Sich nicht dauernd stören lassen und die digitalen Kochlöffel gezielt weglegen, hinausgehen aus der digitalen Küche und Mensch und Natur direkt begegnen.

 

_img_2415„Das schaffst du nie“, meinte im Spätsommer ein befreundeter Pressefotograf in Kärnten. Wir sind uns bei PfinXten begegnet. „Wetten: Eine Flasche Rioja“, schlug er vor. Ich habe eingeschlagen. Und ich werde es machen. Seit 1997 bin ich defacto online. Mein Arbeitskollege und Freund Stefan Greifeneder hat mir damals die „aufkeimende digitale Welt“ zugänglich gemacht. Die Aufgabe als diözesaner Internetverantwortlicher hat mich direkt hinein gestossen. Als „early adapter“ wurde ich manchmal bezeichnet. Die Neugierde auf Neues hat mich schon oft in „Gegenden“ gebracht, die für viele neu und unbekannt waren. Meine jetzige Neugierde gilt mir selber. Wer und was bin ich, wenn ich gänzlich offline bin? Was stellt sich innerhalb der drei Wochen in meinem Leben neu ein, wenn ein wichtiger Teil des Lebensvollzuges abgeschnitten ist. Ich bin selber neugierig gespannt und freudig gelassen. Ich weiß: Es wird mir gut tun.

Auszeit für haptische und analoge „Selbstbegegnung“

_img_2417Meine dreiwöchige Auszeit werde ich dazu nutzen, auf jegliche „algorithmus-basierte Kommunikation“ zu verzichten. Das bedeutet: kein Smartphone, kein Laptop, kein Email, kein Fernsehen, kein Fotoapparat. Nichts dergleichen. Selber zeichnen. Sich erzählen lassen. Nachfragen. Gespräche ohne „lauernde Geräte“. Diese Sehnsucht liegt schon länger in der Luft, in meiner Umgebung. Mein Freund und Follower auf Twitter Thomas schreibt gestern auf mein Posting dort auf Twitter: „Ich bin einer, der immer wieder knapp vorm Abwenden ist.“ Worauf hat er reagiert? Ich habe die Diskussion „zum Netz“ auf ServusTV nur kurz mitbekommen. Aus meiner Sicht kam dabei die zentrale Aussage von Sybille Hamann. Ich habe mein Smartphone (in diesem Fall als Second Screen) genommen und sie auf Twitter so zugänglich gemacht, geteilt: „Viele wenden sich ab. ist nicht das Volk.“  Es ging um Scheinwelten, um Hasspostings, um Lügen und Verunklimpfungen, „die sich rasend verbreiten“. Es ist die Schnelligkeit und es sind die Dummheiten, die uns zusetzen. Es ist das „angebunden sein“, weil wir festgelegt haben, dass die Reaktionszeit nur mehr Minuten dauern darf. Die Medienwelt hat das Nachdenken und Verweilen eliminiert. Emotionen werden aus dem Netz geholt, geschürt, aufgebauscht und wieder zurückgerülpst. Jahrelang ist für SocialMedia das „digitale Gasthaus“ mein Bild. Ich gestehe: Das Gasthaus hat sich ausgedehnt ins Arbeitszimmer und Wohnzimmer. Mein Esstisch kennt seit geraumer Zeit kein digitales Gerät mehr und die Nacht ist auf Flugmodus. Jetzt könnte ich länger ausholen. Braucht es aber nicht. Seit etwa zwei Jahren spüre ich in mir den Wunsch, ganz konsequent über drei Wochen „offline zu gehen“. Immer wieder kam in den letzten Tagen von Menschen ein erstaunter und genauso bewundernder Blick: „Was? Dann kann ich dir praktisch nur einen Brief schreiben?“ „Stimmt!“ „Klar: Und posten und bloggen geht dann auch nicht.“ „Stimmt.“ Die meisten: „Ich bin gespannt, was du erzählen wirst.“ „Ich auch.“ Und die Flasche Rioja steht in jedem Fall – nach dem Fest des hl. Franziskus im Oktober. Bis dorthin geht total offline.  Ich mit mir.

IMG_2399Die SN vom 5. September 2016 sind mir im Zug auf dem Weg nach Wien mit einer besonderen Schlagzeile ins Auge gestochen: „Einig beim Klima, aber ratlos beim Wachstum“. Es ist mittlerweile schon wieder fast ein Jahr her, dass wir als Klimapilger von Wien nach Salzburg Richtung Weltklimagipfel in Paris #COP21 unterwegs waren. Da war beim Klima bei weitem nicht alles klar. Es war unser Ansinnen, den Rucksack der Alternativen auf den etwa 400 km zu füllen und nach Paris zu bringen. Der Rucksack wurde mit unglaublich vielen und wertvollen Projekten gefüllt, die uns darin bestärkt haben, „dass die Welt zu retten ist, dass sie schon gerettet wird“. Und jetzt diese Schlagzeile. Die mächtigsten 20 der Welt sind sich einig, dass das Pariser Abkommen möglichst sofort in den Ländern wie USA oder China umgesetzt wird. Mögen sie sofort beginnen damit und sich an Schnelligkeit überbieten in der Rücknahme der fossilen Brennstoffe etwa. Es ist zu wünschen, dass die Politik die ihr vom Volk gegebene Macht ungebremst einsetzt und den Lobbyverbänden von Öl, Kohle, Atomenergie und anderen „Erd-Räubern“ massiv Einhalt gebietet, ja die Grundlage ihres rücksichtslosen Handelns entzieht. Nur Mut.

Wachstum um jeden Preis

IMG_2391Nachdenklich stimmt mich der zweite Teil der Headline. „Ratlos beim Wachstum.“ So wertvoll die Einsicht beim Klima ist, so unverständlich ist das schier unreflektierte Setzen auf Wachstum. Auch hier wünsche ich den Politikern und Wirtschaftstreibenden ein tieferes Nachdenken, weil Wachstum mittlerweile religiösen Charakter angenommen hat. Ich durfte für das Magazin von Anselm Grün einen Artikel schreiben. Es geht in dieser Ausgabe um die „Faszination Klöster“. Der tiefste Kern der Faszination ist aus meiner Sicht die Sehnsucht des Menschen nach einem „anderen Leben“. Der Beitrag trägt daher den Titel: Sich selber finden, anders leben. Ich erzähle dort von meiner #ganzOhr-Tour. Was sind die Kernfragen des Lebens? Wir fassen die Gelübde heute in diesen drei Worten: einfach. gemeinsam. wach! Ein waches gemeinsames Leben strebt nach Einfachheit. Daher sind aus meiner Sicht die heutigen Kernfragen nicht nach Mehr und Wachstum, sondern gehen in das genaue Gegenteil: Wie geht Reduktion? Wie geht langsamer? Was sind die wirklichen IMG_2392Ressourcen der Zukunft? Heute nachmittag wurde ich vom Österreichtourismus als Pilgerexperte gefragt und ich habe ein längeres Interview zum Pilgern gegeben. Es ging um meine Erfahrungen und was ich aus jedem Pilgern für mein Leben mitgenommen habe. Es sind genau diese Fragen: Wie geht weniger? wesentlicher? tiefer und weiter? die Hingabe an das, was und wer uns entgegenkommt? Die große Politik und Konzernchefs sollten diese Fragen nicht einfach abtun, wegwischen, lächerlich machen. Persönlich bin ich fest überzeugt, dass es nicht Wachstum, sondern ein gerechteres Verteilen braucht. Das schont die Welt und die Menschen. Fast möchte ich den Weltregierenden zurufen: Seid froh, dass ihr beim Wachstum ratlos seid. Sucht einen gerechteren Ausgleich aus dem Geiste der Gelübde heraus: Es geht einfacher, wenn wir gemeinsam wach, hellwach bleiben füreinander. Und genau das macht stark, nicht ratlos.

11IMG_0953Eigentlich wollte ich im Hochgebirge unterwegs sein. Es kommt dann doch manchmal anders als man sich das ausdenkt. Die Grunderfahrung des Weitgehens taucht auf: Das Leben kommt dir entgegen. Was tun nach der Unterbrechung? „Benediktweg“ klang schon oft an meinen Ohren. Drei Tage hatte ich Zeit. Es war so, als wollte sich der Benediktweg unter mein Fußsohlen schieben. Gut so. Aufbruch um sechs Uhr im Bergdorf mit Bus, umsteigen auf den Zug nach Spital am Pyhrn und ankommen um 8.20 Uhr. Dort beginnt der Weg, von dort weg ist er in der Karte eingezeichnet. Um neun Uhr starte ich von der ehemaligen Stiftskirche weg. Erst am Weg wird sich die erste grüne Markierung  mit dem rot-weißen Flächen zeigen. Das Wetter scheint gut. Und wird es auch.

Vogelgesang in Form von Wasserfällen

12IMG_0975Der erste Tag führt mich durch die Vogelgesang-Klamm hinauf Richtung Bosruckhütte und Rohrauerhaus zum Pyhrgasgatterl hinüber in die Steiermark. Meine tägliche Buttermilch nehme ich aber in der Ochsenwaldalm zu mir. Zwei Leute bewirtschaften die Alm mit den Tieren und sind gastfreundlich zu den BesucherInnen. „Na, heuer sind weniger unterwegs als sonst. Es ist halt mal ein Jahr so und mal so.“ Gelassene Worte eines Senners und einer Sennerin, denen ich doch mehr BesucherInnen wünschte. Aber es stimmt: Ich habe auch den Eindruck, dass wenig Bergwanderer unterwegs sind. Die heurigen Wettervorhersagen sind Wasser auf die „Bequemlichkeitsmühlen“. Dabei sind Bewegung und Natur die Chance, dem Leben auf die Spur zu kommen. Über das Pyhrgasgatterl bin ich schon mehrmals mit Schiern im Winter gegangen. Heute geht es hinunter über die Alm und hinaus im Tal nach Hall hinüber nach Admont. Dort peile ich das Stift an, ohne mich irgendwie angemeldet oder angekündigt zu haben. 13IMG_1002„Gibt es im Stift für Benediktpilger eine einfache Unterkunft?“, war meine Frage an der Pforte beim Museum. „Warten Sie, ich rufe P. Ulrich, den Gastpater.“ Er gibt mir ein Zimmer im Haus Karfarnaum, lädt mich ein zu den Gebets- und zu den  Mahlzeiten und lässt mir Freiraum. Ich erkunde das Stift, die wunderschönen Höfe, die Blumen, die Kirche und die Benedictus-Kapelle. Die Abendsonne verbringe ich am Teich mit Blick auf die Kirchtürme, die Bergkette und dem Treiben auf dem Wasser. „Stundenlang könnte ich da sitzen“, sagte ich mir ohne anzuhängen, „wenn ich es nur könnte“. Die Sonne im Gesicht, die Natur vor Augen und die sieben Stunden Gehen in den Füssen lassen mich einfach „ausatmen“. Das tiefe Danke macht sich breit.

Dem fließenden Wasser entgegen

16IMG_102115IMG_1042Am Weg zur Konventmesse um 7 Uhr regnet es noch. Der Himmel ist verhangen. Alles in satte Feuchtigkeit getaucht durch den nächtlichen Starkregen. Beim Frühstück ergeben sich intensive Gespräche mit Bekannten, die auch „zufällig da sind“. Der Regen hat aufgehört und ich vertraue darauf, dass ich heute trocken bleibe. Und so war es auch. Der Weg vom Stift hinaus Richtung Kaiserau hinauf geht zuerst auf der Straße und dann biege ich ein zum langen Aufstieg entlang des steil in Stufen herunterfließenden Lichtmessbaches. So gehe ich an die 600 Höhenmeter dem Wasser entgegen. Über längere Zeit habe ich beim Aufsteigen und Schwitzen das Gefühl, ich werde abgewaschen, vieles wird weggewaschen und vom hinunterfließenden Wasser mitgenommen. Befreiend. Oben angekommen geht es – wie das Leben mal so ist – auf der anderen Seite wieder hinunter nach Trieben, um von dort wieder aufzusteigen bis ganz hinten in das Triebental. In Trieben mache ich Mittagspause, Suppe und Buttermilch, besuche die Kirche und betrachte die Außenfassade des Rathauses. Bergbau und Magnesit haben diese Stadt geprägt. Der Triebenbach kommt mir beim Auftieg wieder entgegen, auf der anderen Seite des Baches die Straße nach Hohentauern.14IMG_1023 Sie ist heute durch Serpentinen entschärft. Wir haben in Jugendjahren das Fahrrad noch auf der steilen Straße hinaufgeschoben, um nach Venedig zu kommen. Erinnerungen werden wach. In der Beschreibung des Benediktweges wird geraten, die heutige Etappe im Gasthaus Braun zu beenden. Ich frage dort. „Leider, kein Zimmer frei. Soll ich sie zur „Bergerhube“ fahren?“. Fahren? Ich gehe. Pilgern mit den Füssen. So gehe ich – wegen des schönen Wetter trödle ich – ganz ans Ende des Triebentales die fünf Kilometer weiter und bleibe in der Bergerhube, einem Bauern- und Gasthaus. Noch weiter draußen ein Telefonat, weil ich vermutet habe: Dort ist Offline-Area. Kein Empfang. Nichts. Und wir kommen untereinander ins Gespräch. Erzählen, scherzen, tauschen uns aus. Und früher das Bett aufsuchen schadet auch nicht. Ich empfehle diese Etappe bis dorthin zu gehen. Es sind so etwa 7-8 Stunden Gehzeit. Das bringt für die morgige Etappe in die Abtei Seckau, die mit 35 km angegeben ist, einen direkten Startvorteil. Was du gestern kannst besorgen, brauchst du heute nicht zu gehen.

Feuchte Gegend

17IMG_1114Der dritte Tag soll lang werden – und doch wieder nicht. Nach dem Frühstück steige ich auf zum Kettentörl (1.865m). Zuerst auf einem Weg noch weiter zurück ins Tal, dann steil bergauf und weiter zum Törl. Nach 1 1/2 Stunden habe ich die etwas 700 Höhenmeter geschafft. Wunderschöner Ausblick. Zurück, woher ich komme, und voraus, wohin ich gehe. Ein leichter  warmer Morgenwind und gute Sicht lassen mich verweilen, laut jubeln und ruhig werden. Ich könnte die Welt umarmen und muss doch dabei an die denken, die diese Welt ausbeuten und zerquetschen, herausholen, was geht und den Menschen dabei als Ware, als Sklaven benutzen. Die Gedanken gehen in so einem Moment weit herum. Das befreit. Der Abstieg ist über weite Strecken nass. Es ist ein sumpfiges und feuchtes Gelände. Spätestens am Ingering-See (1.221m) ist mir klar, dass hier viel Wasser am Werk ist. Die Schuhe sind auch innen feucht geworden, wweil viele Schritte in den feuchten, nassen Moorboden gesetzt werden müssen. 18IMG_1153Aber es gibt Schlimmeres. Am Weg hinunter begegnen mir viele Schwammerlsucher. Am Gingering-See hat das Stift Heiligenkreuz, denen das Tal seit über 100 Jahren mit dem Schloss Wasserberg gehört, eine neu Klementi-Kapelle erreichtet. Ich sitze drinnen mit dem Blick auf den See. Ich merke gar nicht, dass es regnet. Zwei Ordensfrauen aus Bayern suchen Unterschlupf und sie meinen: „Der Regen dauert nicht lange.“  So war es auch. Ich genieße noch diese Perle in der Natur, den See und die Gegend. Dann stelle ich mich mental auf drei Stunden Forstweg ein, die mich aus dem Tal hinausführen nach Gaal und dann eine weitere Stunde hinüber nach Seckau. Schon fast am Ende des Tales angelangt, fängt es an zu regnen. Ich setze den Rucksack ab. Ein Auto kommt mir entgegen, dreht hinter mir um, bleibt neben mir stehen, Fenster herunter: „Wollen’s mitfahren?“ Ich: „Wohin fahren sie?“ „Nach Knittelfeld.“ „Zum Bahnhof?“ „Ja.“ Spontaner Entschluss. Mitfahren. Es ist nämlich nicht leicht, morgen mit Öffis von Seckau ins Bergdorf zu kommen. Heute ganz anders. Ich werde am Bahnhof abgeliefert. Der Zug hat Verspätung und nimmt mich deshalb noch mit. Der Anschlusszug nach Selztal wartet. Schienenersatz. Zug nach Linz und Bus ins Bergdorf. Es war eine Fügung, dass ich so in 3 1/2 Stunden von dort nach da gekommen bin. Am nächsten Tag hätte es über 5 Stunden gedauert. Die Abtei Seckau wird als Ausgangspunkt für das Weiterschnuppern Richtung Süden ins Stift St. Paul im Lavanttal und hinunter durch Slowenien dienen.

1000_kirche_IMG_0904Wenn ein Mensch überraschend stirbt, folgen daraus immer besondere Momente. In jeder Hinsicht. In den letzten Tagen durfte ich etwas näher am Abschiednehmen von Susanne Schießer, die bei allen die „Susi“ war, teilhaben. Mit der Familie gestalteten wir das „Nachtwachen“ am Vortag des Begräbnisses am 13. August 2016 in Kirchschlag. Susi war in jeder Hinsicht eine beeindruckende, schillernde, empathische und immer ermutigende Frau, Mutter, Oma und vor allem Hebamme. Sie war begnadet darin, dem Leben ins Leben zu helfen. Deshalb waren beim Begräbnis auch so viele verschiedene Menschen. Es war Vielfalt, lebendiges Leben, Behutsamkeit und Tiefe. Neues und Gewohntes.

Loslasssen können

1000_freidhof_grIMG_0914Florian hat beim Nachtwachen die Gitarre gespielt. Wir haben gesungen. Trauer und Fröhlichkeit lagen ganz nebeneinander. Susi hatte immer Humor. Gleichzeitig hat sie ganz tief in die Seelen hinein gesehen, gespürt und dort Hoffnung geschürt, ungewohntes Denken eingepflanzt, schräge Perspektiven eröffnet, Gewohntes relativiert, Scheitern zugelassen, Neues immer freudig begrüßt. Das war auch der Grund, warum sie mit großer Freude die Vernetzung via Facebook genutzt hat. Sie war mir auch darin eine anregende Freundin. Bei ihr war das Oben auf einmal unten und die, die sich ganz unten fühlten, hat sie aufgehoben, mental und wirklich aufgerichtet. Sie war für mich eine begnadete Frau, die eine Meisterin des Loslassens war. Florian hat den Text gelesen, der mich selber in dieser Situation tief erfasst hat:

„Es geht darum, loslassen zu können.
Geburt ist loslassen können.
Wachsen ist loslassen können.
Altwerden ist loslassen können.
Sterben ist loslassen können.
Leben ist loslassen können.
Lieben heißt loslassen können.“

1000_fliessen_IMG_0903Susi war nicht perfekt. Das wollte sie auch nie. Wer in Zeiten des Festhaltens, der Berechnungen lebt, hat es nie leicht. Susi wurde von ihren Hebammenkolleginnen als Querdenkerin geschildert. Man sah in der vollen Kirche, dass hier alle äußerlich und innerlich nickten. Auch in ihrem Lebenslauf kam heraus, dass nicht alles gelang. Aber sie hat es versucht, mit Energie und ihrer ganzen Existenz. Sie hat selbst ihr Leben „losgelassen“, damit andere zum Leben kommen. Berechnungen und Kalkül waren ihr komplett fremd. Da ich selber auch überzeugt bin, dass wir in gewisser Weise gefangen sind in der „Excel-Zelle“, hat sie auch das gemieden. Loslassen kann nicht festhalten. Loslassen kann nicht berechnen. Loslassen lässt sein. Wir haben das Mantra „Fließen fließen“ gesungen, gesummt, gehört. Liebe geht hinein ins Mehr.

Seifenblasen statt Böller

1000_friedhof_IMG_0910Als wir am Waldfriedhof angekommen sind, begleitet von der „Schwere“ der bei einem Begräbnis üblichen Musik, kramten viele in ihren Taschen. Die Familie hat eingeladen, Seifenblasen mitzunehmen. Der ebenfalls streng gebetete und schwere Ritus am Grab hat den hinuntergelassen Sarg begleitet. Doch. Die Menschen haben in diesem Moment die Seifenblasen abgeschickt in Richtung Himmel. Am und über dem Friedhof lag in diesem Moment auf einmal eine „Leichtigkeit“, direkt Fröhlichkeit. Die Gesichter – auch die der Töchter – richteten sich zum Himmel. Auferstehung ist doch aufstehen, hinaufsteigen, hinübergleiten, ankommen im „Mehr“. Ich erinnere mich in diesem Moment an die Böllerschüsse als Kind. Damals war es Angst einflößend. Und wenn die Rede war vom „Nächsten, der aus unseren Reihen heimgerufen wird“, dann spürte ich Beklemmung und am Boden festgenagelte Trauer. Bei diesem Begräbnis war das anders. Ganz anders. Nicht theoretisch, sondern  ganz praktisch. In diesem Moment. Da war ein Lächeln in den Gesichtern, Freude, Hoffnung und ein Stück Zuversicht, dass mit der Geburt (sprich in diesem Fall Tod) nicht alles aus ist, sondern sich das Leben in ganz neue Dimensionen ergießt, erfüllt, vollendet, neu beginnt. Die Seifenblasen haben uns das „gezeigt“. Seifenblasen werden nicht bei jedem Verstorbenen passen, aber ich sehe darin den Anfang eines neuen Rituals, um die Auferstehung spürbar zu machen. Danke Susi. Und: Maria Himmelfahrt ist irgendwie auch so gemeint: ganz aufgenommen.

 

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