Der Weltpilgertag und die inneren Wege

Mitten im Sommer wird der Weltpilgertag begangen. 25. Juli. Es gibt viele Gründe, die Füsse in Gang zu setzen auf einen der zahllosen Pilgerwege in und quer durch Europa. Lange und kurze. Tagelang und wochen- oder monatelang. Die Erfolgsgeschichte der Pilgerwege in Europa ist mit rein religiösen Motiven nicht zu erklären. Es kommt mir vor, dass sogar nur eine kleine Minderheit „aus Glaubensgründen“ unterwegs ist. Dieser Ausspruch ist legendär: „Du suchtst Gott und kommst bei dir an. Der andere sucht sich selbst und trifft Gott.“ Oder so ähnlich. In jedem Fall ist ein äußerer Weg, der vielleicht zuerst nur körperlich gesehen und in den ersten Tagen gespürt wird, mit einem inneren Weg verbunden. Die Frage ist nur: Wann treffen sich die beiden Wege und werden zum tiefen und weiten einen Pilgerweg. „Weitgehen ist heilsam“ erkläre ich in meinen Vorträgen. Mittlerweile kann ich das durch meine jahrelangen persönlichen Erfahrung „belegen“. Ähnliche Erfahrungen wurden mir immer wieder erzählen. Unser letztes Pilgern am „Weg des Friedens“ hat am Ende eine Teilnehmerin nach 150 km und annähernd 5.000 Höhenmetern sagen lassen: „Noch nie habe ich mich so erholt gefühlt.“
Das Gehen reinigt die inneren und äußeren Kraftflüsse in Körper, Geist und Seele.

Wir suchen eine Friedensnote

Der Alpe Adria Trail führt uns auf den Weg des Friedens – Pot Miru in Slowenien. Zu Fuss sind wir von Faak am See bis nach Cividale (150 km) unterwegs. 28 Frauen und Männer, die sich über Weltanschauen „gesammelt“ haben. Am vierten Tag erreichen wir Kobarid. Diese wunderbare Kleinstadt an der slowenisch-italienischen Grenze hat im vorigen Jahrhundert 10 x den Staat, die Staatszugehörigkeit gewechselt. Im ersten Weltkrieg war sie Hotspot der Auseinandersetzung an der 93 Kilometer langen Grenze, an der eine Million Menschen gestorben sind. Wir sind tief betroffen und gleichzeitig froh, dass diese tödliche Grenze heute als Mahnmal und Weg des Friedens ausgewiesen wird. Wir gehen pilgernd auf diesem Weg und wollen mithelfen, „die kriegerische Grenze in eine verbindende Brückengegend zu verwandeln“. Continue reading

Ein Geigenbauer und der Resonanzraum Gottes

Das Buch „Der Klang“ habe ich fast durch. Es ist dicht zu lesen und deshalb liegt es bei den Büchern, die Zeit brauchen. Den Namen Martin Schleske habe ich schon oft gehört. Geigenbauer mit besonderer Begabung und Professionalität ist die erste Assoziation. Physiker ist mir irgendwie entgangen bis zu dem Tag, wo ich ihn hier in Ottmaring bei Augsburg persönliche getroffen habe. Schriftsteller – eh klar, wenn es von ihm Bücher gibt. Treffender ist: Spiritueller Schriftsteller. Continue reading

Das letzte „wachgerüttelt“: Heimwärts zum Neuaufbruch

In diesen Tagen kommen die ON Ordensnachrichten zu den LeserInnen. Seit 2013, wo wir diese ON NEU geschaffen haben, schreibe  ich auf der Rückseite das „wachgerüttelt“.  Aus verschiedensten Perspektiven auf persönliche Art das Leben betrachten und dort und da einen Anstupser geben.  In diesem Fall ist es der Anstupser an mich, wach zu bleiben.

Müde heimwärts zum Neuaufbruch

„Natürlich bin ich auch etwas müde“, gestand ich dieser Tage einer neugierigen Fragerin, warum ich in Wien bei den Ordensgemeinschaften aufhöre. Sieben Jahre lang als „Vagabund an der Westbahnstrecke“ mit zwei Lebensmittelpunkten unterwegs zu sein verbraucht. Die entscheidende Frage, die jeden Menschen früher oder später ereilt, hat sich gestellt: Was ist wirklich, wirklich wichtig in deinem Leben? Die Beziehung zu meiner Frau Gerlinde, die in Oberösterreich mit viel Tatkraft und Geduld die Aufgaben erfüllt hat, die ganze Familie mit unseren Kindern und Schwiegerkindern, die drei Enkelkinder, die 96-jährige Schwiegermutter in Pflege und die Freunde, die immer mehr auf der Strecke blieben. Ich durfte wunderbare sieben Jahre in Wien verbringen, in der Ordenskirche unglaublich viel lernen und bekam von Beginn an viel Vertrauen und Gestaltungsraum im Sinne von „Freiraum für Gott und die Welt“ geschenkt. Meine Fähigkeiten und mein Können wurden gebraucht.  So etwas ist schön, Ansporn und nährend.
„Was nimmst du mit?“, fragte sie weiter. Unglaublich schöne, tiefe und coole Begegnungen, die Annäherungen an das Ordensleben in den Themen „viel. mehr. wesentlich. weniger.“, „gottverbunden – freigespielt“ oder umgekehrt, „5vor12.at“ mit den Themenflächen und das #EinfachGemeinsamWach. #wach möchte ich bleiben. Gerüttelt und geschüttelt soll ich werden, wenn ich müde und schläfrig werde. Das tiefe Hören, Hinhören, Zuhören, Aufhören ist heute das „Notwendendste“. Dafür möchte ich arbeiten. Deshalb nehme ich mir dieses „wachgerüttelt“ mit. Ich sage ein DANKE allen in der hoffnungsgetränkten und ungestümen Gewissheit: Gott geht unsere Wege mit.

Offen für Neues

Und damit keine Zweifel aufkommen. Das offizielle Ende ist der 31. Aug 2019. Und es geht nicht in Pension. In den nächsten Monaten möchte ich mich wieder ganz weit öffnen, „um mich von einer wunderbaren Aufgabe finden zu lassen und/oder meine Fähigkeiten als Selbständiger zur Verfügung stellen“.  Der Umbau meiner Website ist schon ein Anzeichen dafür, was meine Identität betrifft.  _AM GEHEN _ AM TUN _AM PUNKT.  Zuvor aber werde ich im September und Oktober das Bisherige „hinausgehen (lassen)“. „Weitgehen ist heilsam“ nennen sich meine Vorträge und das möchte ich mir am Benediktweg auf Etappen in Italien und in Österreich gönnen. Es ist die Zeit und die Geöffnetheit, Offenheit, der ich mich hingeben möchte. Vielen Menschen ist das nicht geheuer, weil ich noch nicht weiß, wie es weitergeht. Aber wie soll Neues an- oder einbrechen können, wenn wir schon wieder alles „verplant“ haben? Das Leben kommt uns entgehen. Mit der „weiten Offenheit“ kann das Neue für die nächsten sieben Jahre wieder gut Platz nehmen. Übrigens: Die Ordensgemeinschaften haben mich 2013 im März auf meinem 26-tägigen Weg ins Kloster Volkenroda in Thüringen gefunden. Und daraus wurden sieben gute Jahre.

Denkt nach

Irgendwie scheint eine ganz unbändige Hoffnung am Werk zu sein. Die Amazonien-Synode wirkt derzeit als Hoffnungsfokus. Ich bin überzeugt, dass dort die Zukunft geschrieben wird. Dort wurde auch die Theologie der Befreiung buchstabiert, die vom polnischen Papst Johannes Paul ausradiert wurde. Zumindest hat er die Dynamik genommen, indem er erzkonservative Bischöfe ernannt hat. Zurück zur Synode.  Die Salzburger Nachrichten geben dem heute eine ganze Seite. Verheiratete Männer und die Rolle der Frauen sollen in der Kirche neu kreiert werden. Von Weihe ist die Rede. Zulehner ist der Hoffnungstreiber. Aber der Papst hält, so liest man wieder in der Kathpress, am Zölibat fest. Und alle spüren, dass diese klerikal geordnete Männerkirche weltweit irgendwie am Ende ist. In Europa sehen wir das mit freiem Auge. Die Altäre werden durchwegs von alten Männern bedient. Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber auch in anderen Kontinenten ist es nicht besser. Auch das Ordensleben in der bisherigen Form findet nicht den Nachwuchs, gerade auch in Europa, den sie erhoffen. Die Ordenscharismen sind dabei, sich mit neuen Frauen und Männern zu verbünden. Ein Video zeigt hier den Weg.  Das freikirchliche Stadthallenereignis bringt es nochmals auf den Punkt, dass neue Dynamiken am Werk sind, die die römische Kirche – also unsere Bischöfe – nicht auf die Füsse bringen. Wohlgemerkt: Ich stehe den Halleluja-Shows kritisch gegenüber. Herausgehoben, um dann wieder im Alltagsdreck weiterrobben zu müssen. Fundamentalismen, die sich beispielsweise in Phobien gegen Homosexuelle auswachsen. Das sei nur ein kurz-er Seitenblick.

Worauf es ankommt

Die Kirche und der Papst „denkt nach“. Das finde ich gut und wichtig. Dieses Nachdenken ist seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil aber eine „permante Ausrede“, eine Hinhaltetaktik, die sich mit den Lebenshaltungen einer vernetzten und säkular geprägten Welt nicht mehr ausgeht. Jesus ist eine attraktive Person und Wirklichkeit, das Gefäß „Kirche“ ist die unpackbare Hürde für viele. Dieser Tage hat es wieder einmal eine 23-jährige Frau auf den Punkt gebracht: „Solange ich als Frau nicht selbstverständlich weihefähig für alle Ämter bn, ist das alles unglaubwürdig.“ Nachdenken hin, nachdenken her. Da gebe ich ihr recht. Heute haben wir in einem Gespräch jenen Punkt angesprochen, an dem die Hierarchie scheitert. Die Taufe ist das Sakrament schlechthin. Nicht die Weihe. Und die Ordnung und das Tun der Kirche muss so geordnet, gestaltet, geöffnet werden, dass die Taufe voll zum Leuchten kommt. Bei jedem und bei jeder einzelnen. Denn: Wir alle – Frauen und Männer  – sind PriesterInnen, ProphetInnen und KönigInnen. Das genügt doch, um Frauen und Männer mit den „heiligen Handlungen“ (Liturgie, Verkündigung, Caritas und Gemeinschaftsbildung) zu beauftragen. Da geht es nicht um Status oder gar Macht, wie eine kleine Gruppe von Priestern in OÖ meint. Es geht ganz einfach um den Dienst am Menschen um der Menschen willen. Das kann doch nicht so schwer sein, oder?

Lebenslauf Ferdinand Kaineder

Mag. Ferdinand KAINEDER

  • Geboren 1957 in Kirchschlag bei Linz als zweiter von vier Söhnen am Bauernhof des Landwirteehepaares (und Bürgermeisters) Josef und Rosa Kaineder.
  • Besuch der Volksschule Kirchschlag; ein Jahr Hauptschule bei den Florianer Sängerknaben; direkter Wechsel in zweite Klasse des Gymnasiums Kollegium Petrinum in Linz und nach 7 Jahren Matura im Juni 1975.
  • Studium der Theologie in Innsbruck (1. Abschnitt) und Linz; Sponsion zum Magister der Theologie im Dezember 1981 an der Privatuniversität Linz.
  • Besuch des 3-Monatskurses der Katholischen Sozialakademie vom 7. 1. bis 30. 3. 1978 in Wien: „Kurs für Sozialethik, Wirtschaft und Politik“.
  • Erziehertätigkeit neben dem Studium am Internat des Kollegium Petrinum von 1.9.1978 bis 30.8.1980 (Vollanstellung).
  • Verheiratet seit 1981 mit Gerlinde Höfer; 3 Kinder: Teresa 1982; Veronika 1984 und Mathias 1987.
  • Zivildienst bei der Heilsarmee Linz im B37 (Obdachlosenwohnheim für ca. 200 Personen) von 1.2.1982 bis 30.9.1982.
  • Von 1.10.1982 bis 30.9.1992 Pastoralassistent in der Dompfarre Linz; Hauptaufgaben waren der Aufbau der Jugendarbeit, Betreiben eines eigenen Ferienhauses für Kinder und Jugendliche, kontinuierliche wöchentliche Treffen mit Verantwortlichen und Multiplikatoren; gesamte Caritasarbeit der Pfarre (alte Menschen, Obdachlose, Finanzgebarung, Spendenmarketing, Besuchsdienst); kontinuierlich durch die Jahre Unterricht an verschiedenen Schulen (Hauptschule, Volksschule, HAK). Mehrere Jahre Unterrichtstätigkeit im Fach „Ethik“ an der Krankenpflegeschule der Barmherzigen Schwestern in Linz.
  • Ab 1.9.1989 Ausbildungsleiter für Theologiestudierende in der Diözese Linz; Schwerpunkt dieser Tätigkeit war die Begleitung und Ausbildung der etwa 350 Studierenden an allen Fakultäten in Österreichs während der Studienphase bis hin zur Eignungsabklärung für einen pastoralen bzw. schulischen Beruf. Als Ausbildungsleiter direkt dem Generalvikar zugeordnet.
  • 6 Jahre lang Vorsitzender der Österreichischen Konferenz der AusbildungsleiterInnen in den österreichischen Diözesen; 4 Jahre Vorsitzender der Berufsgemeinschaft der TheologInnen in der Diözese Linz. 1996/97 Mitarbeit im Rahmen der „Strategischen Planung der Diözese Linz“ in 4 Gruppen und Leiter einer Arbeitsgruppe; 1998 Mitglied der diözesanen Projektgruppe „Kommunikationskonzept der Diözese Linz“ und Leiter der Arbeitsgruppe „Interne Kommunikation“; seit 1982 im Bereich der Erwachsenenbildung tätig (Vorträge) und Begleitung von fast 200 Pfarrgemeinderatsklausuren; seit 1.9.1998 Internetbeauftragter der Diözese Linz („Diözese Linz Online“) und für die Webpräsenz der Diözese und die Vernetzung auf den verschiedenen Ebenen zuständig (www.dioezese-linz.at und IT-Koordination ).
  • 1999/2000 Ausbildung zum „ Team- und EinzelCoach für wirtschaftliche Führungskräfte “ am Coaching-Institut in Wien; Schwerpunkte im Bereich der Dynamisierung von MitarbeiterInnen in Arbeitsteams (Teamentwicklung) oder von Einzelpersonen durch ganzheitliche Methoden wie  die INPOWERLANCE-Methode; Ausbildung und Praxis in Struktur- und Kommunikationsentwicklungsfragen von Organisationen; Kontinuierliche Weiterentwicklung zum Kommunikationslotsen durch diverse Ausbildungen und praktische Projekte wie Gemeinwesenuntersuchungen und aktivierenden Befragungen.
  • Von 1. November 2000 bis 13 Juli 2009  Leiter des Kommunikationsbüros der Diözese Linz; Leitung und Koordination der Kommunikation, Medien- und Öffentlichkeitsarbeit in der Diözese Linz -intern und extern, strategische Themenplanung, Medienkontakte, Krisenlotse im Krisenfall, IT-Koordination; Planung und Abwicklungen von internen und externen Kommuikationsmaßnahmen; inhaltlich verantwortlich für MitarbeiterInnenzeitung „informiert“, die Webpräsenz der Diözese unter www.dioezese-linz.at, Entwicklung und Durchführung der Kommunikationskampagnen wie „Stell dir vor – Kirche!“, „aufdanken – Gott in der Zeit des Menschen“, „Ganz Ohr“ oder „glaubenswert“, Koordination der Pressearbeit und IT-Koordination der diözesanen Ämter und Einrichtungen, Pressesprecher der Diözese Linz.
  • Von 2002 bis 2012 ehrenamtlicher PGR-Obmann des Pfarrgemeinderates der St. Anna Pfarre in Kirchschlag und ehrenamtlich in der Seelsorge tätig. Bauherrenvertreter beim Neubau des St. Anna Pfarrzentrums in den Jahren 2007/2008.
  • 2009 Aus- und Weiterbildung zum PR-Berater im Bereich „Non-Profit PR“ bei Burcom (München, Augsburg)
  • Von 1. Feber 2010 bis 31. Dezember 2010 Leiter der Citypastoral und verantwortlich für die Koordination der Pfarren in der Region Linz.
  • Von 1. Jänner bis 31. Dezember 2011 Geschäftsführer der ACADEMIA SUPERIOR – Gesellschaft für Zukunftsforschung ( http://www.academia-superior.at ) in Linz. Der Think Tank macht es sich zur Aufgabe, aktuelle ökonomische, gesellschafts- und sozialpolitische Herausforderungenauf oberösterreichischer, nationaler und internationaler Ebene zu identifizieren und Handlungsanleitungen an die Politik zu formulieren.  „Surprise Factors“ ist das innere Arbeitsprinzip.
  • GEH_zeit, DENK_zeit, LESE_zeit, ERFAHRUNGS_zeit, ENTSCHEIDUNGS_zeit, LOSLASSEN_zeit, ORIENTIERUNGS_zeit: Die Zeit, die du dir nimmst, ist die Zeit, von der du etwas bekommst. Das GEHEN von der eigenen Haustüre  ins Kloster Volkenroda 750 km auf dem Goldsteig und der Via Porta fällt in diese Zeit.
  • Seit 15. Juni 2012 Leiter des MEDIENBÜROS DER ORDENSGEMEINSCHAFTEN ÖSTERREICH und Mediensprecher in Wien, Freyung 6/1/2/3. Mit dem Aufbau des Medienbüros ist die Erstellung und schrittweise Umsetzung des Kommunikationskonzeptes verbunden. Online first unter www.ordensgemeinschaften.at  bündelt alle Presse- und Kommunikationsaktivitäten auf einer Plattform. Die Entwicklung einer CI und CD Linie gehört genauso dazu wie die Umsetzung der neuen ON Ordensnachrichten analog als Magazin bis hin zur SUMMA als Jahresüberblick. Die Entwicklung und Realisierung des Videoprojektesviel mehr wesentlich weniger“ und das JAHR DER ORDEN 2015 gehören zu den wesentlichen Arbeits-Schwerpunkten. Als besonderen Abschluss dieses Schwerpunktjahres kam es zu einer persönlichen Begegnung mit Papst Franziskus in Rom.  Die Themenflächen sind mit www.5vor12.at im Web präsent. Als besonderen Schwerpunkt ist das laufende #wach-Jahr zu sehen, wo mit heutigen Begrifflichkeiten die Gelübde der Ordensleute zugänglich gemacht werden.
  • Als Medien-, Social Media- sowie Pilger- und Geh-Experte Österreich weit bei Vorträgen und Seminaren unterwegs.
  • Kooperationspartner und Reise-Coach zusammen mit Gerlinde Kaineder für das ökologisch-nachhaltige Reisebüro „Weltanschauen„.

Continue reading

Viel zu viel Zuviel

Wenn ich gehend unterwegs bin, dann fallen mir die absurdesten und gleichzeitig die wesentlichsten Dinge ein. Die Einschätzung liegt alleine bei mir. Was ist schon absurd? Und was ist wesentlich? Gut, beim Zweiten tue ich mir leichter. Seit Tagen begleitet mich diese Headline. Immer wieder rezitiere ich sie, lasse die Tonalitäten herumwandern, betone sie anders, mal schneller mal bedächtig und spüre: Der Wandel hat genau dieses „Viel zu viel Zuviel“ neben der Gewohnheit und Bequemlichkeit als den Hauptgegner.

Das Spiel im Wesentlichen

Als ich letzten Freitag in Wien bei den #FridaysForFuture mitgegangen bin, spürte ich eine Jugend, die Verantwortung einmahnt gegenüber der von uns Erwachsenen von ihnen geborgten Zukunft. Da muss etwas neu aufbrechen. Bei uns. 2011 habe ich das Buch von David Boshart „Age of less“ gelesen. Ein Wirtschafter spricht offen über das Weniger. Seit dem begleitet mich die Grundfrage: Wie geht Reduktion? Keine einfache Frage in einem „Spiel“, dass das „Immer-Mehr“ als Spielanleitung hat. Auch bei der Podiumsdiskussion „Wir sind Greta“ im Rahmen der Langen Nacht war es mir ein Anliegen, genau diese Frage in den Mittelpunkt zu rücken. Und wir waren uns einig, dass ein Weniger von allem eine bessere Lebensqualität bedeutet. Ein Weniger ist nicht wieder mehr, sondern besser. Nicht einfach zu vermitteln, weil man mit Askese oder gar Verzicht heute „keinen Meter reißt“, wie es ein Gesprächsteilnehmer nachher ausdrückte. Und doch: Es braucht das Mantra, das uns das „Viel zu viel Zuviel“ über den Kopf wächst und der Weltkugel die gesunde Zukunftsdrehung nimmt. Der Gedanke an das Wesentliche, das tägliche Tun am Wesentlichen entlang kann unsere Befreiung sein und werden.

 

Pilgern und Hoffnung für Menschen in Europa

Andreas Geiger vom kbw der Diözese St. Pölten hat mir für das Magazin „Antenne“ einige Fragen zum Weitgehen, Pilgern und die Hoffnung für die Menschen in Europa gestellt. Er hat mir sehr gut zugehört. Deshalb möchte ich das Gespräch hier zugänglich machen.

 

Andreas Geiger: In unserer Diözese werden die Angebote fürs Pilgern immer mehr und sie werden auch sehr gut angenommen, die Teilnehmerzahlen steigen – man hat den Eindruck: „Pilgern boomt“. Woran liegt das?

Kaineder Ferdinand: Pilgern trifft auf eine Ursehnsucht des Menschen. Aus meiner Erfahrung macht „weit gehen“ etwas mit dem Menschen und zwar auf drei Ebenen: Erstens körperlich – der Körper darf das tun, wozu er gemacht ist – er darf sich bewegen. Das zweite ist eine mentale Ebene – die Menschen spüren, dass wir einerseits sehr stabil leben, fast wie in einem Gefängnis gleichzeitig fast uferlos in den digitalen Räumen. Beim Gehen kommen einem dagegen richtig nährende Bilder entgegen, die einen herausholen aus dem, was sich verfestigt hat. Wir Menschen leben eher elliptisch – kreisen immer irgendwie um zwei Brennpunkte. In diesem Fall das Feste, fast Kristalline und auf der anderen Seite das Fluide. Auf ein Ziel hingehen bewirkt mentale Zufriedenheit und Gehen ist die Geschwindigkeit der Seele. Das alles bewirkt mentales Wohlbefinden. Die dritte Ebene, die eine Rolle spielt, ist die spirituelle Ebene. Das Pilgern, das Gehen öffnet den Menschen. Man steigt aus der Haltung des produktiven Tun und Machens aus und nimmt eine Haltung der Dankbarkeit für alles, das einem entgegenkommt, ein. Das ist ein zutiefst spiritueller Akt!

 

A: Bleiben wir gleich beim Spirituellen. Ist Pilgern eine Antwort auf das Bedürfnis nach Spiritualität, das durch traditionelle kirchliche Angebote oft nicht erfüllt werden kann?

K: Viele Menschen verbinden mit Kirche oft sehr negative Erfahrungen und Bilder. Sie verstehen sich oft auch als nicht religiöse Menschen. Hingegen klingt der Begriff „spirituell“ sehr viel mehr nach Freiheit und Offenheit. Hier liegt die Chance übers Pilgern mehr den Atem der Freiheit zu ermöglichen. Das gelingt nur, wenn sehr wenig „Programm“ gemacht wird, und dafür viel Raum zum „leer werden“ geboten wird.

 

A: Wodurch unterscheidet sich  Pilgern von Weitwandern, wo in erster Linie das Outdoorerlebnis ohne spirituellen Anspruch im Mittelpunkt steht?

K: Hier kommt es darauf an, wie man Spiritualität versteht. Das Anliegen des Papstes in „Laudato si“ ist kurz zusammen gefasst, dass wir von einem technokratischen zu einem sozial, ökologisch, spirituellen Menschenbild kommen. Das heißt, dass wir von einer viel größeren Dimension umgeben sind. Ich kenne „Hardcore-Wissenschafter“, die nach mehrwöchigem unterwegs sein, gesagt haben: Dieses technokratische Weltbild hat es mir am meisten zerbröselt. Und das ist die Voraussetzung, dass einem Gott wirklich begegnen kann. Das Fremde, das einem begegnet, ist der Nährboden für eine Gottesbeziehung.

 

A: Und da kommt es nur auf die Haltung an oder sollte ich da auch was dazu tun?

K: Das einfachste ist „nur gehen“ – ohne messen und ohne allzu viel planen. Ich verzichte nach Möglichkeit auf alle elektronischen Unterstützungshilfen. Das ist vor allem beim Alleine-Gehen möglich. Vieles kommt einem entgegen, wenn man geöffnet ist und wenn man sich bewegt – das gilt auch für Organisationen, die oft auf der Stelle treten.

 

A: Wo liegen die Unterschiede: Alleine oder mit anderen pilgern?

K: Ich kenne alle Varianten, allein, zu zweit oder in der Gruppe. Alleine ist sicher am anspruchvollsten. Ich bin voll auf mich zurück geworfen. „Wer bist du, wenn du mit dir alleine bist.“ So steht es auf einem Plakat, das in meinem Büro hängt. Zu zweit kommt es sehr auf das gegenseitig Abgleichen und Synchronisieren an. In der Gruppe ist mir wichtig, dass alle in ihrem Tempo unterwegs sind, dass uns aber ein unsichtbares Gummiband zusammenhält, dass zumeist ab dem dritten Tag richtig spürbar wird. Da öffnen sich die TeilnehmerInnen untereinander und wir sind in immer unterschiedlichen Kombinationen unterwegs.

 

A: Was ist förderlich beim Pilgern bzw. was sollte man vermeiden?

K: Wenig einpacken, sehr einfach und funktionell. Wenn ein technisches Gerät mit ist (z.B. Handy), dann nur als Sicherheit. Sonst ausschalten und wegpacken. Ganz wahrnehmen, was ist ohne Ablenkung. Nicht alles planen. Alles was Druck erzeugt vermeiden. Singen ist immer förderlich – entweder allein oder in der Gruppe. Sein Tempo gehen. Man braucht Ziele aber der Gedanke an Leistung ist schädlich. Wenn möglich: mindestens drei Wochen am Stück unterwegs sein. Ein Tag ist besser als nichts. Mehrere Tage braucht der Körper für die Umstellung, nach 10-14 Tagen beginnt sich auch mental etwas zu verändern.

 

A: Worauf sollte man achten, wenn man mit einer Gruppe als PilgerbegleiterIn unterwegs ist.

K: Dass man weiß, wo der Weg ist! (lacht) – ist mir erst letztes Mal mit einer Gruppe zweimal passiert, dass wir kurz den Weg verfehlt haben.

A: Das kann ein Bergführer auch – wo ist der Unterschied zwischen PilgerbegleiterIn und BergführerIn?

K: Kein wesentlicher. Als Begleiter sehe ich mich als „Hebamme“. Die größte Gefahr ist ein Zuviel – auch bei spirituellen Punkten. Das „Gummiband“ ist etwas Wesentliches. Gemeinsame Pausen und dazwischen gehen. Gemeinsam essen. Ich lese keine Texte mehr vor. Eventuell nehme ich einen Begriff für den Tag, den ich in den Raum stelle, mitgebe. Bewusstes innehalten ist etwas zutiefst Menschliches. Am Abend einen gemeinsamen Abschluss, wo je nach Situation ein Austausch Platz hat oder auch gemeinsames Singen. Schweigen. Hohe Qualität hat, wenn gemeinschaftliches Erleben spürbar wird und wenn TeilnehmerInnen eine tiefe Zufriedenheit spüren können.

 

A: Was waren nachhaltige Erlebnisse beim Pilgern

K: Man hat als Pilger offensichtlich eine Aura um sich, die auf andere wirkt. Ich war in Padua in der Messe. Schon während der Messe hat mich ein Mann immer wieder angesehen. Nach der Messe geht er auf mich zu und umarmt mich. Er erzählt mir, dass er seine Frau verloren hat und keinen Sinn für sein Leben findet. Ich hab ihm versprochen sein Anliegen mit nach Assisi zu nehmen.
2012 kam ich auf dem Weg nach Volkenroda dort ins evangelisch-ökumenische Kloster, das um 1989 halb verfallen war. Mein Ziel. Es war Ostermontag und es wurde gerade Gottesdienst gefeiert. Ich betrat die Kirche unter lautem Quietschen der Tür. Alle Blicke waren auf mich gerichtet – und dann begann Chor und Orchester mit wunderschöner Musik. Tränen über meine Wangen.

 

A: Was kann ich vom Pilgern ins Leben mitnehmen?

K: Ich habe mir vor allem die tiefe Haltung der Dankbarkeit und Gelassenheit mitgenommen. Die Aufmerksamkeit dafür, dass mir Lösungen oft entgegenkommen und ich nicht immer tun und machen muss. Und ganz wesentlich ist, das Ziel zu imaginieren – auch wenn es noch weit weg ist wie die 52 Tage nach Assisi. Und die Orientierungsfähigkeit – wieder nicht nur fürs Gehen, sondern das „Mapping“, das heißt die Dinge des Alltags in größeren Zusammenhängen sehen. Ich bin nicht nur der kleine Steineklopfer, sondern der Mitbauer an der Kathedrale.

 

A: Für unsere Jahrestagung haben wir als Thema geplant:  Hoffnungen für die Menschen in Europa  – hat Pilgern nur persönliche Relevanz oder liegt da auch eine Chance für die Gesellschaft drin?

K: Ich nehme wieder das Bild der Ellipse her: Gesellschaftlich liegt der Focus sehr auf den (eigenen) Wurzeln. Dabei wird der Anschluss an Anderes, das verbindende Denken, die Synapsen vernachlässigt. Durchs Pilgern wird die Anschlussfähigkeit gestärkt und man lernt den Reichtum des Fremden neu zu schätzen. Insofern sind diese Pilgerwege eine einzige Einladung für das „Aufeinander zugehen“. Und natürlich haben diese Wege auch einen christlichen Hintergrund. Und im Christentum ist immer im Fokus, dass es um das möglichst gute Leben für ALLE und nicht nur für einige wenige geht. Ich kenne niemand, der unterwegs war, der nicht von vielen positiven Erfahrungen berichten kann. Ich kenne aber viele, die Haus gebaut haben, am liebsten einen meterhohen Zaun um ihr Leben errichten wollen und erfüllt sind von Angst vor allem Fremden. Ich erlebe beim Gehen sehr oft eine enge Verbindung mit Menschen, die gar nicht körperlich anwesend sind. Ich schreibe dann oft am Ende eines Tages Briefe an Menschen, die mich im Geist an diesem Tag begleitet haben.