Ein Dossier zur Ganzheitlichen Ökologie

_999IMG_5620Der Weltklimagipfel #COP21 geht noch bis 11. Dezember 2015. Die Verhandlungen dürften zäh verlaufen. Die Fakten wie in China oder in den USA sollten eigentlich Tempo machen, Klarheit schaffen. Massivste Geld-Interessen sind mit dem derzeitigen Wirtschaftssystem verknüpft. Change wird der Weltkugel angelastet. Die „Megamaschine“ ist kaum zu bändigen, geschweige den vom Irrweg abzubringen. Persönlich bin ich überzeugt, dass wir nicht aufhören dürfen, unseren Alltag Schritt für Schritt in die richtige Richtung zu lenken, zu gehen, einander zu bestärken und Erfahrungen zu tauschen. Selber bin ich dabei, meine Erfahrungen am Klimapilgerweg durch Österreich in einen Vortrag mit Bildern zu packen, nicht moralisierend oder apokalyptisch, sondern praktisch ermutigend und erzählend. Eben: Erfahrungen eines Klimapilgers.

Ein Dossier mit Anregungen
_999IMG_5615Dieser Tage durfte ich das Dossier der KSÖGanzheitliche Ökologie“ mitpräsentieren. Schon alleine hier habe ich gemerkt, dass ich viele Erlebnisse und Sichtweisen beitragen konnte. Ergangenes, Erlebtes ist „mächtig“. Als ein Feedback habe ich gehört, „dass der Weg viel Energie gehabt haben muss“. Ja, das hat er. Es freut mich, dass meine Fotos vom Weg das Dossier „auflockern“. Ausdeuten. In Bewegung bringen. „Laudato si‘ aus muslimischer Perspektive“ ist eine Überschrift. Unter „Transformation unserer Welt“ werden die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung aufgelistet. Der Rucksack voller Alternativen ist schon eingeflossen. „Wo Solidarität und Ökologie zusammenfinden“ finden wir Beispiele Solidarischen Wirtschaftens.
Mit diesen Zeilen möchte ich Gusto machen, dieses Dossier in der KSÖ zu bestellen.

Es drängt und alle gehen einkaufen

9_IMG_5570Der #ClimateMarch gestern in Linz war mir ein besonderes Anliegen. Eigentlich sollte ich in diesen Tagen wie geplant in Paris sein und dort im Vorfeld des Weltklimagipfels #COP21 den „Rucksack der Alternativen“ zusammen mit Klimapilger-Kollegin Anja und -Kollegen Rembert übergeben. Alle öffentlichen Veranstaltungen in Paris wurden aus Sicherheitsgründen abgesagt. Den Rucksack hat Rembert nach Paris gebracht und er wurde gestern im kleinen Kreis „indoor“ übergeben. Am kommenden Dienstag darf ich bei der Präsentation des KSÖ-Dossiers in Wien mit dabei sein.

Klimawandel bringt Völkerwanderung

9_IMG_5587Gestern bin ich mit den etwa 300-400 Weltklima-Bewegten vom Volksgarten durch die Landstraße zum Hauptplatz mitgegangen, habe Gespräche gesucht und an Passanten die 12 Punkte Forderung verteilt. In anderen Erdteilen sind es Zig-Tausende, die die Weltverantwortlichen aufrütteln wollen. In den Gesprächen am Rande des Gehens wurden mir wieder einmal bewusst, wie klar den Leuten die Situation ist und wie passiv sie dabei bleiben, der größten Sünde verfallen: „Was kann ich da schon machen?“ Ein Mitgeher hinter dem Transparent „Der Klimawandel führt zwangsläufig zur nächsten Völkerwanderung“ meinte recht schlüssig: „Es drängt und alle gehen einkaufen“. Die Ablenkung gelingt. Eine Frau mit Einkaufskorb und dickem Pelzmantel: „Tut’s endlich was und blockiert’s hier nicht die Straße.“ „Was kann ich schon machen?“, meinte eine Frau mit dem Enkelkind in der Hand. „Ich fahre fast ausschließlich mit Öffis. Jeder auch noch so kleine Schritt zählt“, ist meine Ermutigung an sie. Hinter uns geht das Transparent „Verkehrswende jetzt“ vorbei. Politiker rollen Straßen aus und mehr Autos stehen weiter im Stau. Mit jeder neuen Straße mehr Autos. Wo bleiben die wirklichen Investitionen in den Öffi-Verkehr? Die Auto-Lobby fährt mit den Politikern und den Medien nur so spazieren, auf Kosten der Umwelt, der Mitwelt und der Zukunftswelt.

Positive Beispiele

9_IMG_5556Wir haben auf unserem Klimapilgerweg 21 Tage lang wirklich Tag für Tag so wunderbare Beispiele gesehen, wie eine andere Welt, ein anderer Alltag, eine andere Werte-Hierarchie möglich ist. Ich habe sie täglich beschrieben und in den Rucksack gepackt. Mein Resümee war und ist sehr positiv. Schon an unserem kleinen 400 km langen „Faden“ (Weg) entlang so viele ermutigende Beispiele. Dazu: Das Gehen bringt andere Wahrnehmung und andere Perspektiven zum Leben, zum Alltag, unterscheidet neu zwischen wesentlich und unwichtig. Am Ende der Kundgebung gestern in Linz ergibt sich eine Gespräch mit dem IG-Milch Vorsitzenden Ewald Grünzweil, dem ich von meinen Erfahrungen am Klimapilgerweg und den zwei Grundfragen erzähle: „Wie geht Reduktion? Wie kommt mehr Liebe in die Welt?“ Zuerst schaut er mich hellwach an. Dann baut er sofort die Brücke zur Situation der Milchwirtschaft und erklärt mir, dass eben bei der Milch 2 Milliarden Liter in Österreich genug sind. Nur die „Großen“ lassen sich die 3. Milliarde Liter von den ersten beiden Milliarden mitzahlen. Das geht auf Kosten der Kleinen. „Wir im Dorf waren früher 16 Milchbauern, heute sind wir 6“. Die EU hat meiner Ansicht mehrere Denkfehler. Einer kommt aus dem neoliberalen Grundstrom und kann, will groß und klein nicht unterscheiden. Sie wollen groß um jeden Preis. Bei „Klein“ ist zu wenig „drinnen“. Die Weltkugel erwärmt sich. Die SN haben gestern am Titelblatt eine treffende Karrikatur gezeigt. Punktgenau. „Raus aus dem Öl.“ Und aus der Atomenergie.

 

 

Die Pyramide im Wasser

Es war Balsam auf meine Seele, was der frühere Abt Martin Werlen vom Kloster Einsiedeln am Ordenstag in das Plenum gesagt, gezeigt und gestellt hat. Es ging um Traditionen, um Lebendigkeit und um den ungeschminkten Blick auf das Heute. Er redete den mehr als 500 Ordensleuten und leitenden verantwortlichen Frauen und Männern bei und im Umfeld der Gemeinschaften „ins Gewissen“, dass nicht die starre Tradition, sondern die vom Herzen kommende Lebendigkeit zukunftsfähig ist. Er sieht in Jesus diese Quelle der Lebendigkeit, die Aufforderung, für das Heute und den Zeitgeist anschlussfähig zu sein. Angesprochen hat er uns mit „Liebe Getaufte“. Das tut gut. Gerade die Fremden bringen einen tiefen Blick auf unsere Quelle, die uns verbindet. Es ist das Wasser der Liebe Gottes, auf das wir alle in der Unterschiedlichkeit der Relgionen, Testimonien oder kulturellen Unterschiede stoßen. Wirklich schöne und ermutigende Bilder und Sichtweisen. Das Buch ist empfehlenswert. Dahinter steht ein sehr liebenswürdiger Mensch, Christ und Mönch. In dieser Reihenfolge. Darauf würde er bestehen.

Und wie wirkt die Kirche ?


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Seinen Blick hat Werlen auch auf die „Kirche“ gerichtet. Sie ist hierarchieverliebt. Oft auf900_IMG_5490 Äußerlichkeiten fokussiert. Die konstantinische Wende hat ihr zu viel weltliche Macht gebracht. Das hat herrschaftliche Ausprägungen entwickelt. „Kirchenfürsten“ erinnern noch heute. Die Pyramide wurde die Körpergestalt. Oben Papst, Bischöfe, die „Geistlichen“ und unten „das Volk“. Werlen stellt eine Holzpyramide auf den Altar. Die Spitze oben, die Leute unten. So wurde es auch in den letzten Pontifikaten ausgefaltet. Das war nicht jesuansich, im Sinne Jesu, der genau diese Pyramide zu seiner Zeit auf den Kopf gestellt hat. Werlen nimmt eine Glasschüssel und gibt die Pyramide hinein. Jetzt schwimmt sie im fluiden Element Wasser. Und: Die Spitze unten, die breite Fläche, die Leute, die Kleinen oben auf. Deshalb hat die Bischofskirche Angst vor dem Fließenden. Genau im fluiden Element wird die jesuanische Vision der Seligpreisungen, des Magnifikat Realität: Das Unten ist oben. Der Erste sei der Diener aller. Papst Franziskus ist selbst das fluide Element in dieser starren Hierarchie. Er geht, verändert die Perspektive, sieht Dinge mit den Augen von unten und er macht den Mund auf. In der Pause habe ich zu einer Schwester, die mir ihr Leid geklagt hat,  gemeint: Werfen sie ihre Pyramide ins Wasser und vieles wird sich neu ausrichten. So wie es Jesus gemeint hat, gemacht, vorgelebt hat. Ist die Holzpyramide im Wasser, kann sich die Spitze nicht oben halten. Übrigens: Auch eine gute Übung für Konzerne und weltliche Hierarchie-Systeme.

Der Bischof als Avantgardist

Manfred Scheuer 3.vr

Manfred Scheuer 3.vr

Manfred Scheuer kommt zurück. Oberösterreich kennt damit den neuen Diözesanbischof. Die Medien und viele Menschen empfangen ihn mit einer positiven Erwartung. Aus meiner Sicht hat ihn heute Dietmar Neuwirth in der Presse wirklich gut „eingeschätzt“: Neuer Linzer Bischof. Avantgarist des Franziskus-Stils. Gestern habe gleich in aller Frühe in der OÖ Krone eine andere Stimme gelesen: Er ist vielleicht zu intellektuell. Im Zug nach Wien denke ich mir: Gerade jetzt braucht Oberösterreich eine Stimme, eine Person, die das allgemeine populistische Absacken durch die Politik auffangen kann. Wir haben eine international belächelte Männerregierung. Im politischen Feld wird es durch diese unsägliche Koalition weiter abwärts gehen, auch wenn die Formeln und Floskeln anderes verbreiten wollen. Da wird es gut tun, wenn einer einen klaren Gedanken fassen kann, der aus einem weiten Intellekt kommt und gepaart ist mit einer tiefen inneren Demut zum Ganzen, zum Gemeinwesen. Ich denke an die Ansprachen, an die Predigten, an die Gespräche und Interviews, die wir uns anhören mussten. Das wird sicher anders werden. Außerdem: Wer Manfred Scheuer kennt, wird wissen, dass er ein ausgezeichneter Zuhörer ist. Und das ist heute vielleicht das größte Geschenk des Intellekts: Ganz Ohr sein können.

Der Avantgardist braucht nicht bremsen

scheuer_quer„Wir sind Avantgarde und gehen auch ungewohnte Wege. Unsere Lebensform nach den Gelübden ist außergewöhnlich. Aktuelle gesellschaftliche und kirchliche Entwicklungen lassen uns „ganz Neues“ ausprobieren. Nicht Perfektion treibt uns, sondern Gottes Zusage, die uns auch oft aus der Reihe tanzen lässt.“ Dieser Satz steht als eine „Kernaussage“ beim Ordensleben. Manfred Scheuer ist kein Ordensmann, hat aber als „Spiritual und Professor“ das Zeug zum Avantgardisten in Oberösterreich. Da ist unter seinem Vor-Vorgänger Neues, Ungewohntes gewachsen, das sicherlich manchmal auch aus der Reihe getanzt hat. Ich bin selber ja nicht mehr so „drinnen“ in der Diözese Linz. Meine Wahrnehmung ist: Seit Franziskus Papst ist, ist es in der Diözese still geworden. Die Ultra-Konservativen haben ganz oben ihren Halt verloren. Dort in Rom ist – wie Neuwirth richtig sieht – auch ein Avantgardist eingezogen, der Neues , Umgewohntes transparent und mit seiner ganzen Person vorantreibt. Manfred Scheuer lebt aus diesem Geist. Oberösterreich hat zehn Jahre mit der auch vom Kardinal mitgesteuerten angezogenen Handbremse und dem Rückwärtsgang gelebt. Das hat bis in die Pfarren hinein gewirkt, sehr oft entmutigend. Seit 2013 ist die Handbremse gelöst, die Vorwärtsgänge sind möglich. Und doch: Alles wartet. Auf den neuen Bischof. Hier ist er nun. Ich denke, er braucht in der Diözese  die verschiedenen Kräfte nicht „zusammenbremsen“. Er darf ruhig aufs Gas steigen. Das Volk Gottes darf sich wieder erheben und gehen.

 

Nuzzi und die harte Nuss

serv_beatrixDer Vatikan-Journalist Gianluigi Nuzzi beschreibt in seinem Buch „Alles muss ans Licht“ das Zusammentreffen der Verantwortlichen der Finanz- und Vermögensverwaltung des Vatikan am 3. Juli 2013, an dem Franziskus „reinen Wein einschenkte“.  Aus meiner Sicht arbeitet dieser Papst Franziskus nicht einzelne Punkte ab, sondern installiert dem Vatikan ein völlig neues Betriebssystem. Also: Nicht Schlechtes weniger schlecht, sondern von Beginn an gut machen. Wie bei einem Computer ist bisher das Betriebssystem Intransparenz, Vetternwirtschaft, auch der noblen Verschwendung mit der Förderung von Untertänigkeit, Zentralismus und devotem Gehorsam gelaufen. Also: Keine neuen Anwenderprogramme, sondern Open Source im Vatikan. Wie oft wurden ehrliche und zusammen mit dem Volk Gottes engagierte Bischöfe „zitiert“, weil sie neue Wege versucht haben. Nicht lange war zB Bischof Bezak in der Slowakei im Amt, weil er Transparenz in die zum Teil kriminellen Machenschaften seines Vorgängers bringen wollte.  Es ist kein Geheimnis, dass Bischöfe mit Geld in den Vatikan gefahren sind, um „Unterschriften“ zu bekommen. Es gab keine „Abrechnung“. Geld ist einfach geflossen und an diesen Flüssen und Bächen haben sich Menschen ihre gut bewässerten Plätze eingerichtet. Eine Leitfigur dieses Betriebssystems ist Tarcisio Bertone. „Das Problem des Mangels an Transparenz ist aufrecht. Es gibt Ausgaben, die aus einer Unklarheit unserer Verfahren resultieren. Wenn etwas ohne Kostenvoranschlag, ohne Autorisierung gemacht wurde, zahlt man nicht.“ Papst Franziskus zu den Kardinälen. Gestern hat Nuzzi in der Sendung „Talk am Hangar 7“ diese Liste der Kardinäle am Ende der Sendung in die Fernsehkamera gehalten mit dem sehnlichsten Wunsch: Schaut da genau hin. Das ist die harte Nuss, die Franziskus dabei ist zu knacken.

Es geht nicht um die Kirche

An der Diskussion im Hangar 7 hat unsere Präsidentin Sr. Beatrix Mayrhofer als „Oberste Ordensfrau Österreichs“ teilgenommen. Ich habe ein wenig „mitgetwittert“, was sie so eingebracht hat. Selbst der Autor Nuzzi hält eingangs fest, dass es um die Machenschaften in der Kurie geht und nicht um den Glauben oder gar um die vielen engagierten Christinnen und Christen. Das ist auch die Stoßrichtung von Sr. Mayrhofer: Was kann Mozart dafür, dass die Musiker seine Musik so schlecht spielen. Sie kommt direkt von den Flüchtlingen am Salzburger Bahnhof und sieht dort die eigentlichen Aufgaben der Kirche. „Es geht nämlich nicht um die Kirche, sondern um die Welt, die Menschen.“ Sie hofft aber, „dass es keine Aufdeckerjournalisten brauchen soll, weil Verantwortung übernommen wird und Transparenz herrscht“.  Bei mir bleiben drei Begriffe aus der Runde hängen, die Franziskus als „Heilmittel“, als neues Betriebssystem installieren will: „Transparenz und Wahrhaftigkeit“. Das wird noch einige „Würdenträger des alten Betriebssystems“ (es sind immer Männer) wegspülen. Soweit mir zugänglich, hat sich auch Kardinal Schönborn vom neuen Betriebssystem überzeugen lassen. Wenn das alte Betriebssystem deinstalliert ist, gäbe es keinen Grund, warum in Österreich die Programme nicht „glaubwürdig“ laufen sollten. Auf zu neuen und wesentlichen Taten. Die Nuss im Vatikan möge zerspringen.

Kannst du überhaupt noch sitzen? Ein Resümee

23_Itzling_IMG_5309Gute Frage. Es fällt schwer. Nach drei Wochen gehen ist es nicht einfach, wieder Platz zu nehmen. Der Schreibtisch war geduldig und hat gewartet. Mit viel analoger Post und Dingen, die mich am Weg nicht erreichen konnten. Natürlich ist es gut, beim Gehen nach einer Stunde anzuhalten, zu trinken, einander anzuschauen und zu fragen: Geht es? Sind alle da? Tut etwas weh? Noch schöner erlebe ich das Hinsetzen um die Mittagszeit, eine Kleinigkeit essen und trinken. Dieses Sitzen ist aber ein anderes Sitzen als das vor dem Bildschirm und am Schreibtisch. Darum haben mich seit vorgestern einige gefragt: Wie machst du das, wenn du wieder sitzen musst? Ich weiß es noch nicht. Es wird gehen. Und nach einem Tag sehe ich auch, dass es geht. Es sind ja noch so viele Gedanken der Bewegung im Kopf, die mich bewegen, obwohl ich sitze, im Zug, im Büro, bei der Besprechung, beim Essen, beim Telefonieren. Ich gestehe, dass ich öfter aufstehe und herumgehe. Es ist wieder ein Prozess, diese tägliche kontinuierliche Bewegung vom #Klimapilgern über fast 400 km von Wien nach Salzburg umzuwandeln in den „Bleibe-Modus“. Auch diesmal spüre ich, dass es nicht einfach wird. Jetzt sitze ich, um ein kleines Zwischen-Resümee anzudeuten. Es geht ja Ende November nach Paris. #COP21.

Es war ein besonderes Weitgehen

23_vier_IMG_5293Fehlen wird mir nach dem guten gemeinsamen Frühstück und dem Einpacken der Kreis am Morgen. Immer um 9 Uhr haben wir uns zusammen mit den immer neu dazugekommenen TagespilgerInnen im Kreis aufgestellt. Wer ist da? Was hat mich hergeführt? „Ich bin Silvia aus Mühlbach am Hochkönig. Ich bin dort Pfarrgemeinderat und ich gehe heim.“ So kurz. „Ich bin Rembert – nochmals: Rembert – aus der Steiermark und wohne in Wien. Ich arbeite für das Netzwerk Pilgrim. Also Klima-Pilgrim.“ Dazwischen immer wieder Frauen und Männer, die dazugekommen sind. „Ich bin Anja aus Wien und Generalsekretärin der kfb in Österreich und gehe bis Salzburg.“ Ob es nun Bischof Andrej, die kfb-Frauenvorsitzenden von St. Pölten, Linz oder Salzburg waren, die Direktorin der KSÖ, ein Generalsekretär der KA St. Pölten oder zwei Flüchtlingskinder waren, immer war eine tiefe Motivation zu spüren. „Ich bin Ferdinand aus Kirchschlag und Wien und arbeite für die Ordensgemeinschaften Österreich im Medienbüro.“ So habe ich mich selber oft gehört. Sie werden mir fehlen, die „Kern-Pilger-KollegInnen“. Darüber hinaus die vielen insgesamt auch annähernd 350 Personen, die mit uns am Weg waren. Ich bin schon drei Mal alleine weit gegangen (durch Österreich 2004, nach Assisi 2009 und nach Thüringen 2012). Diesmal war es in der dauernd wechselnden Gruppe eine neue Erfahrung für mich. Die Übernachtungen waren vorbereitet, nicht aber der Weg. Den mussten wir gemeinsam suchen und finden. Öfters mussten wir feststellen: Es geht uns wie der Weltpolitik. Wer weiß den Weg? Wer geht voran? Wer schaut, dass alle mitkommen? Wie geht das mit den Schnellen und Langsameren? Es waren spannende Tage durch Österreich. Als ich heute früh mit dem Zug nach Wien gefahren bin, haben Orte wie Melk, Maria Taferl oder St. Pölten einen besonderen Klang gehabt. Alles gegangen.

Was nehmen wir mit?

11_alternative_IMG_4336In jedem Fall wurde der „Rucksack der Alternativen“ toll angefüllt. Digital wird das noch nachgeholt. Wir Vier haben uns am letzten Tag hingesetzt und die Projekte, Haltungen oder Personen favorisiert. Wenn die ZIB1 gefragt hätte, dann hätten wir diese drei Projekte vorgebracht:

Cradle to Cradle von Gugler
Traditionell Europäische Medizin der Marienschwestern
Streuobstschokolade aus der Community Ottensheim für Vielfalt und Zusammenhalt.

„Aus ist aus“: saisonal und regional kochen/essen (SPITZWIRTin, Alkoven)
Ausbildung der Jugend: Umwelt und Wirtschaft verknüpfen (HLUW Yspertal)
Ökologische Bauweise bzw. Rückgriff auf lokale Energieversorgung (MIVA, Michelbeuren, Pfarre Sindelburg, EZA und Pfarre Mauthausen)
Negativ“projekt“: Zersiedelung und Versiegelung als österreichweiter schlechte Trend

Kirchenasyl in St. Georgen a.d. Gusen
Flüchtlingsbetreuungsprojekte (St. Georgen, Ottensheim)
„Gehen belebt“ – Bewegung
„Natur als Lebensmeisterin
#LaudatoSi als Basisverständnis im Wandel vom technokratischen Paradigma hin zum Menschenbild der ökologische Spiritualität

Diese 12 Projekte nehmen wir aus unserem Rucksack heraus, ohne die vielen anderen, die noch drinnen sind, zu vergessen. Es sind die Begegnungen mit den Schulen oder unsere Unterkünfte in den Ordenshäusern, beim Privatpersonen oder einfachen Herbergen. Dafür danken wir herzlich.

Mein persönliches Resümee

23_rk_IMG_5201Auf ein Blatt habe ich geschrieben: „Von den 21 Tagen gehen nehme ich eine große Weite mit. Ich bin „für und mit allen Menschen“ gegangen, die unter den Schieflagen unserer Gesellschaft und den ausbeuterischen Systemen unseres Wirtschaften leiden oder gar zu Tode kommen. In besonderer Weise sind es heute die Flüchtlinge und indigenen Völker, denen Technokraten und Geld-Ökonomen die Lebensgrundlage entziehen. Die Natur strahlt so viel Frieden aus und der Mensch führt Krieg gegen sie. Das Gehen hat mich versöhnter gemacht und gleichzeitig radikaler gegenüber unseren gesellschaftlichen Eliten.“ Dort steht auf die Frage, was mir ans Herz gewachsen ist: „Das Schlechte nicht weniger schlecht machen, sondern es muss von Beginn an gut sein.“ Leben wir so, dass wir das Ende unserer Lebensprozesse (Einkauf, Arbeit, Mobilität, Produktion,…) in die Wiege der nächsten Generation legen können? Meine zwei Grundfragen zum Leben sind noch weiter gewachsen in ihrer Bedeutung: Wie geht Reduktion? Wie kommt mehr Liebe in die Welt? Viele Projekte, die wir gesehen haben, Menschen, denen wir begegnet sind, Landschaften, die wir bewundert haben, haben dann eine „Schönheit“ entfaltet, wenn sie aus der tiefen Quelle der Spiritualität gespeist waren. Es waren immer Menschen, die nicht zufrieden waren im Gefängnis der jetzigen Plausibilitäten und oft Unerhörtes gewagt haben. Alleine auf der schmalen Spur dieser fast 400 km durch Österreich haben wir das Aufkeimen einer neuen Welt, die Transformationen hin zu einer neuen Wirtschaft erlebt. Die Medien sind zum Großteil Gefangene des laufenden Systems und entwickeln 23_über_IMG_4738keine Kritik mehr. Auch die redaktionellen Wahrnehmungen sind eingeschränkt auf „Gängiges“ oder Skuriles. Das Welt- und Menschenbild in der Enzyklika #LaudatoSi von Papst Franziskus kann das neue Fundament einer neuen Welt werden. Das Gehen und Pilgern hat mich darin bestärkt, das technisierte Menschenbild sehr kritisch zu sehen und durch das spirituelle und ökölogische Menschenbild noch konsequenter zu ersetzen. Wer geht, wird fast automatisch dorthin geöffnet. Vom Weltklimagipfel #COP21 erwarte ich mir einen radikalen Bruch mit dem gängigen Wachstumsparadigma. Solidarische Ökonomie soll das neue Paradigma werden.“ Und abschließend: „Eine besondere Erfahrung war, dass wir so wunderbar zusammen gesungen haben, obwohl wir uns untereinander vorher nicht gekannt haben. Der gemeinsame Weg hat in vielen Gesprächen, im Schweigen, im Hinhören Ideen und eine Pilgergemeinschaft „entfaltet“.  Eine tiefe Dankbarkeit hat mich von Tag zu Tag mehr erfüllt. Die Natur ist die beste Lehrmeisterin des Lebens.“ Jetzt geht es Ende November nach Paris zum #COP21. Zuvor aber werde ich mit dem Ordenstag mit P. Martin Werlen „Jetzt im Blick“ noch einen besonderen Höhepunkt erleben.

Tag22: Der Umweg bis an die Grenze

22_regen_IMG_5209#Klimapilgern kommt an. Nachdem wir auf dem Biohof Girlinggut gut gefrühstückt haben, machen wir uns auf den Weg zur Pfarrkirche Elixhausen. Dort starten wir mit einem Impuls. Das Wort, das uns Anja als Tagesverantwortliche für den letzten Tag mitgibt, ist: Perspektive. Gehen verändert Perspektiven, unsere Welt braucht Perspektive und für unsere Kinder und Enkelkinder wünschen wir uns eine Perspektive. Wir alle sind in diesem Augenblick nahe an den Tränen, weil uns der Gedanke an die Zukunft dieser Welt wirklich nahe geht, weil wir ihm tagelang nahe gegangen sind. Wir spüren, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir aus dem Wasserhahn trinken, in Sicherheit leben, eine „Perspektive haben“. Wir singen, denn das lässt uns zusammenfühlen und „zusammenstimmen“. Es hat leicht zu regnen begonnen. Fast haben wir es vergessen, weil wir in diesen 22 Tagen nur ein Mal für zwei Stunden „gewaschen“ wurden. Und das war am dritten Tag in Herzogenburg. Weit zurück. Sonst immer trocken und oft die Sonne. Wir nehmen es als kleinen Wink, die Dankbarkeit nicht zu vergessen.

Das war einmal die Bundesstraße

22_bundesstrasse_IMG_5213Unser Ziel ist heute ein zweifaches. Wir gehen hinunter nach Bergheim. „Das war die alte Bundesstraße von Salzburg nach Mattsee bis 1962.“ Ein Oldtimer-Fan erzählt mir von früher. Neben dem Bach schlängelt sich eine Straße, die so breit ist wie ein Radweg. Weiter oben hören wir die Bundesstraße. Ein Auto um das andere. Viele sehen darin eine besondere Entwicklung. Wachstum. Wohlstand. Freiheit. Mir kommt darob kein Jubel über die Lippen. Durch Auseinanderfallen von Wohnen, Arbeiten und Freizeit inklusive Einkaufen braucht es Mobilität. Das Auto hat sich bei vielen als Status-Symbol etabliert. Wer heute mit dem Bus fährt, hat entweder den „Schein“ abgeben müssen, ist ein Schüler oder Pensionist. Ein fast leerer Postbus fährt an uns vorbei. Und Autos hinterher. Ich weiß: Nicht alle können auf das Auto verzichten, aber viele bräuchten nur im Kopf einen Schalter umlegen. Öffi vor Auto. Nicht zuerst an das Auto denken, sondern das Mobilitätserfordernis klären. Da wäre viel drinnen.

An die Grenze gehen

22_grenze_IMG_5269Wir erreichen die Salzach. Der Regen hat längst aufgehört. Unser Ziel ist die Brücke bei Freilassing an der Salach. Hinter dem Messegelände schlängeln wir uns durch den Wald. Fast wie die Flüchtlinge vertrauen wir darauf, richtig anzukommen. Es ist uns gelungen. Wir wollen bayrische Erde in unser Glasrohr dazugeben. Ukraine, Rumänien, Ungarn, Wien, NÖ, OÖ, Salzburg und Bayern. Das sind jene Länder, wo dieses Glasrohr, das wir als Zeichen der inneren Verbundenheit nach Paris mitnehmen, überall war. Dann wissen wir, dass hier viele Flüchtlinge auf den Grenzübertritt warten. Noch einmal nehmen wir den etwa 8 km „Umweg“ unter die Füsse, um unsere tiefe Solidarität zum Ausdruck zu bringen. Wir gehen, sind in Bewegung und hier sehen, erleben wir wieder, wie Menschen zum Warten gezwungen sind. Ich bin unruhig. Genügt es, immer wieder zu spenden und für und mit diesen Menschen den Pilgerweg der Gerechtigkeit zu gehen? Wir stehen 22_flüchlinge_IMG_5287an der Grenze. Machen Fotos. Tiefe Dankbarkeit für den Weg und ein fast radikaler Auftrag, hier nicht stehen zu bleiben. Wir gehen zurück in die Stadt. Es zieht uns in die kleine Kirche der Universitätsklinik. Ich lege unser Transparent über den Altar. Wir sagen einander und Gott ein Danke und singen den Sonnengesang. Umarmungen.

Sehnsucht nach daheim

In einem SMS an ein paar Menschen schreibe ich: „Nach fast 400 km zu Fuss pilgernd von Wien nach Salzburg sind wir „angekommen“. Klimagerechtigkeit ist unsere Intention und soziale Gerechtigkeit ist die Zwillingsschwester dazu. Mögen die Entscheider begreifen, das die Welt sich selbst (oder Gott) gehört und die KonsumentInnen wach und kritisch werden gegenüber allem „Wertlosen“. Es genügt nicht, Schlechtes besser zu machen.  Von Beginn an muss es gut sein. Danke für das Mitpilgern. So und so.“ 22_altar_IMG_5296Ingrid, Hannah, Jakob, Karin und wir Vier sitzen noch um einen Tisch im Gasthaus. Ankommen und Aufbruch liegen ganz nahe beieinander. Anjas Familie ist da und sie verlassen uns. Anja hat mit ihrem Impuls in den Morgenstunden eine wunderbare „Zusammenfassung“ geschrieben. Rembert, Silvia und ich bleiben noch in Salzburg, um morgen um 15.30 Uhr in Itzling an der ökumenischen Sendungsfeier „Richtung Paris“ teilzunehmen. Ich gestehe: Die Sehnsucht nach „daheim“ ist wirklich groß. Ich sehe das Warten hier als Chance, zur Ruhe zu kommen, Resümee zu ziehen, nach den vielen Gesprächen am Weg zu schweigen, durchzuatmen, das Danke groß aufsteigen zu lassen.

 

Tag21: Nach der Mittagssuppe mit flottem Schritt

21_quer_IMG_514021_querfeldein_IMG_5127#Klimapilgern landet heute nach einer Direttissima durch Wiesen und Wald in der Familienpolitik. Der Bürgermeister höchstpersönlich ist uns bis zur Ortstafel entgegengegangen. Wir sind aber aus dem Wald über die Wiesen kommend direkter in den Ort gekommen. Per Telefon haben wir sofort zusammengefunden. Josef Guggenberger führt uns auf den Platz vor den beiden Kirchen und dem Jungscharhaus. Flüchtlinge bieten uns sofort Tee an. Zuerst wollen wir etwas über die Gemeinde erfahren. 1.650 EinwohnerInnen. Das Leben – so der Bürgermeister – wird nach den Regeln des Marktes ausgerichtet. Es hat nur mehr die Wirtschaft etwas zu sagen. Alles wir monetarisiert. Mit unserem Klimapilgern fühlt er sich zutiefst verbunden. Die 1.000 km VIA NOVA, wo er im Vorstand ist, ist er auch schon selber gegangen.
Der Mann hat eine sympatische Einschätzung und Analyse des Ortes und der Gesellschaft geliefert. Zu hoher Ressourcenverbrauch bei uns entzieht den Menschen „dort“ ihre Grundlage. Jetzt kommen sie und holen sich, was wir ihnen genommen haben. Dass wir hier helfen müssen, ist selbstverständlich. Ein kleines schwarzes Mädchen macht die ersten Fahrradfahrversuche neben uns. Die Mutter sitz21_guggenb_IMG_5156t am Bankerl. Dann kommt das „Berndorfer Modell“ zur Sprache. Kurz: Eltern, die ihre Kinder daheim bis zum 3. Lebensjahr betreuen, bekommen eine Unterstützung von der Gemeinde. Die Gemeinde hat aber auch eine Krabbelstube. Es besteht Wahlfreiheit. Die Diskussion ist eröffnet und geht beim Tee im Flüchtlingshaus intensiv weiter. Er will, dass auch Private von dem Steuergeld bekommen, das sonst nur in die Betreuungsplätze der öffentlichen Hand fließen. Die familiären Strukturen festigen. Ich denke und bringe ein, dass es ein starkes und intensives Comm21_guggenbe_IMG_5162unity-Leben braucht, damit Mütter oder Väter nicht in der Einzelfamilie verkommen. Der ganze Ort ist gefragt, sich vor Ort neu zu vernetzen. Spannend. Die Diskussion zieht sich hin über die nächsten Stunden beim Gehen. Ich nehme auch mit, mit welcher Selbtverständlichkeit hier Flüchtlinge aufgenommen werden.

Seeblicke, Autolärm und querfeldein

21_salzburgerInnen_IMG_5173Die Sonne war heute wieder unsere Begleiterin. Die Tagespilgerinnen, darunter das kfb-Team der Erzdiözese mit der Vorsitzenden Roswitha Hörl-Gaßner, Jakob von der Dreikönigsaktion oder Ingrid aus Bad Goisern, sind flotten Fusses unterwegs mit uns. Weil die Natur, der Blick auf die Seen so schön war, haben wir fast etwas gedrödelt. Nach der Mittagssuppe ging es dafür flotten Schrittes am Fußweg neben den Autos von Seeham nach Obertrum. Dort weiter über Güterwege und querfeldein nach Elixhausen. Es war fast finster, als wir die Haustür zu unserer Herberge um 17.20 Uhr durchschreiten. Davor machen wir den Ankommenskreis, sagen einander, wie wir den Tag erlebt haben und schließen mit einem Lied ab. Obwohl wir müde sind, geht es noch nach Seekirchen zur Veranstaltung von „Klimabündnis“. Nach der Veranstaltung sitzen wir bei Prof. Günter Virt im „Stift“. Das Thema wäre aber jetzt zu ausladend, wenn ich das „Stift in Seekirchen“ genauer erklären müsste. In jedem Fall – so Viert – waren „die Seekirchner immer sehr Rom treu und haben getan, was sie wollten. Auch Stifte gestiftet ohne römische Erlaubnis.“ Aber jetzt zurück zum Morgen.

1985 die erste Hackschnitzelanlage im Bundesland Salzburg

21_morgen_IMG_510821_michlb_IMG_5086Abt Johannes hat sich Zeit zum Frühstück mit uns genommen. Dort hat er erzählt, was mein Kollege Robert in eine Presseaussendung verpackt hat. Die Abtei war ein Pionier in der Abkehr von fossilem Brennstoff. Biogas wird in der eigenen Landwirtschaft aus Abfällen erzeugt. Photovoltaik gehört auch dazu. „Wir sind eine energie-autonome Abtei. Nicht autark, weil wir einspeisend und manchmal abnehmend am Netz hängen. Wir liefern aber mehr hinaus.“ Diese Abtei packen wir in den Rucksack der Alternativen. Wir machen ein Foto mit den morgendlich Angereisten und wir sind wieder 12. Der Abt zeigt uns noch „den Einstieg“ in die Direttissima durch das Tal und den kommenden Wald nach Berndorf. Unseren spirituellen Start machen wir mit einer Männergruppe rund um Andreas Pumberger von den Kreuzschwestern, die einen Tag gemeinsam unterwegs sein werden. Schön, wenn sich Wege treffen. Das war der schöne anschlußfähige Tagesbeginn.