Tag4: Die gestürzte und zerbrochene Vase beim Bischof

4_Bischof_IMG_3527#Klimapilgern will nichts zerstören. Und doch ist es passiert. Bei Bischof Klaus Küng in St. Pölten. Aber zuerst der Reihe nach. Die warme und trockene Pilgerherberge im Stift Herzogenburg war gut für die durchnässten und etwas müden PilgerInnen. In der Nacht hat es geschüttet. Nicht gerade ermutigend. Der Wecker läutet immer gegen 6.45 Uhr. Es regnet. Gemeinsam besuchen wir die Messe in der Stiftskirche und gehen mit Propst Maximilian zum Frühstück. Es regnet leicht. Teresa von Radio Arabella ist da. Sie hat den Schirm dabei. Wir starten und sie berichtet sozusagen live von unserem Weg. Es regnet nur mehr ganz leicht. Der Radweg der Traisen entlang ist unsere Annäherung an die Landeshauptstadt von NÖ. Der Betriebsseelsorger Sepp Gruber hat sich zu uns gesellt. Er ist ein Kenner der Arbeiter-Szene in St. Pölten. Meine Pilger-Kollegin Anja beschreibt dieses Gehen am Fluss entlang im Blogbeitrag vom heutigen Tag mit „viel erfahren. Je näher wir in die Stadt kommen, umso mehr Geschichten weiß Sepp über diese Ränder der Stadt, über Türken und Tunesier, aufgelassene Fabriken und Aleviten als Unternehmer. Wir sind beim Bischofshof angekommen. Um 12.30 Uhr ist ein kurzer Besuch eingeplant.

Die Vase und der Rucksack

4_Vase_IMG_3530Freundlich wurden wir in das Empfangszimmer geführt. Wir stehen „in voller Montur“ da und warten kurz. Bischof Klaus Küng kommt durch die Tür und begrüßt alle persönlich. Er hat nicht viel Zeit und meint von seinem Vater: „Wenn nicht viel Zeit war, so hat er doch immer den Rock ausgezogen.“ Wir legen die Rucksäcke ab, ziehen die Jacken aus, nehmen Platz um den Tisch. Jede und jeder stellt sich und seine Motivation zum Klimapilgern vor. Was geben sie uns mit in den Rucksack der Alternativen, Herr Bischof? „1. Jeder einzelne trägt Verantwortung.  2. Orientierung an einem einfachen Leben. 3. In der Raumplanung weniger Bodenversiegelung.“ Dann kam noch der Hausverstand zur Sprache. Wolfgang Zarl IMG_3529von der Pressestelle ist inzwischen gekommen. Er bittet uns zum Foto hinter das Transparent. Da passiert es. Wir legen wieder alle die Jacken an und nehmen die Rucksäcke auf. Da macht es einen Knall und Scherben breiten sich aus, Blumen und Dekorsteine liegen am Boden. Es ist passiert. Der Rucksack eines Pilgerkollegen hat gegen die Vase beim Bischof durch ein klares KO gewonnen. Die Klimapilger werden als jene in Erinnerung bleiben, die die Vase gekillt haben. So schnell geht es, dass etwas bricht. Wie in der Welt. Wie mit der Welt. Aber hier: Volles Verständnis, keine finsteren Mienen, „kann passieren“ aus dem Mund des Bischofs. Tut uns leid und Danke für die Zeit.

Wieder die Raumordnung und der Bodenverbrauch

4_PD_IMG_3560Unser nächster Besuch in dieser Stadt ist bei Pastorale Dienste der Diözese, wo wir von DiözesanvertreterInnen und von den Verantwortlichen für Energie und Klima des Landes NÖ begrüßt wurden. Der Raum war voller Plakate, Zeitungsausschnitte und Hinweise auf die „Klima Pilger“. Unser Rucksack der Alternativen füllt sich immer mehr. Es wurde uns die „Ökofaire Klostergasse“ (St. PöltnerInnen wissen, was gemeint ist) hineingelegt. Von den VertreterInnen des Landes gab es eine Tasche mit den Aktivitäten von www.wir-leben-nachhaltig.at . Franz Angerer
als Leiter für „Energie und Klima“ hat von sich aus die mangelnde Raumordnung und den immensen Bodenverbrauch angesprochen. Zu viel Binnensicht in den Gemeinden ist nicht gut für die räumliche Entwicklung des Landes. 4_dd_IMG_3552Wir KlimapilgerInnen hören das nicht zum ersten Mal. Unser Resumee: Der Bodenverbrauch ist bei uns ein immenses Problem. Und: Die Politik traut sich aufgrund der Wahlen und Klientelpolitik nicht die nötigen Schritte zu gehen. Wer wird hier die große Stopp-Taste drücken. Wir Pilger nehmen dieses Anliegen mit.

Das Gehen im Wind und zwei Sessel

4_Seesel_IMG_3571Wir wurden wunderbar bewirtet. Die Gespräche waren bereichernd. Es ist wieder Zeit zum Aufbruch – nach Gerersdorf. „Immer der Bahn entlang“, haben wir als Tipp für die fast 2 Stunden Gehen dem Westwind entgegen bekommen. Wir suchen hinaus aus der Stadt. Wir atmen wieder durch auf den Feldwegen der Westbahntrasse entlang. Die Sonne zeigt sich kurz und hinten wird gejubelt. Dann und wann ein Zug. Gespräche am Weg. Und gehen. Der vierte Tag zeigt: Es geht schon fast von selbst. Wir bleiben stehen, weil uns zwei Sessel ansprechen. Wer hat sie hierher gestellt mit dem Blick über die Bahntrasse nach Norden? Wir wissen es nicht. Platz nehmen? Der Wind ist zu kalt, der Weg in die Unterkunft zieht uns weiter. Ein gelbes Rapsfeld bringt eine neue Farbe in diesen Herbst. Der Kirchturm taucht auf, ein Marterl spielt sich in der Perspektive. Wir sind schon vier Tage unterwegs. Unglaublich viel haben wir schon erlebt. Und bei der letzten Begegnung hat Anja einfach #LaudatoSi 43 und 44 aufgeschlagen und vorgelesen:
4_gerersdorf_IMG_3577„Wenn wir berücksichtigen, dass der Mensch auch ein Geschöpf dieser Welt ist, das ein Recht auf Leben und Glück hat und das außerdem eine ganz besondere Würde besitzt, können wir es nicht unterlassen, die Auswirkungen der Umweltzerstörung, des aktuellen Entwicklungsmodells und der Wegwerfkultur auf das menschliche Leben zu betrachten. Heute beobachten wir zum Beispiel das maßlose und ungeordnete Wachsen vieler Städte, die für das Leben ungesund geworden sind, nicht nur aufgrund der Verschmutzung durch toxische Emissionen, sondern auch aufgrund des städtischen Chaos, der Verkehrsprobleme und der visuellen und akustischen Belästigung. Viele Städte sind große unwirtschaftliche Gefüge, die übermäßig viel Energie und Wasser verbrauchen. Es gibt Stadtviertel, die, obwohl sie erst vor Kurzem erbaut wurden, verstopft und ungeordnet sind, ohne ausreichende Grünflächen. Es entspricht nicht dem Wesen der Bewohner dieses Planeten.“
Das ist uns heute zugefallen. Es gibt keinen Zufall.

Tag3: Rübenerntemonster trifft auf Klimapilger im Regen

3_Regen_IMG_3426#Klimapilgern war dem Rübenerntemaschinenfahrer vollkommen fremd. Ob er sich jemals ein Bild machen kann von dem, was wir hier tun? Das ist die Frage unserer Gruppe, die wir heute von Asperhofen hinüber in das Stift Herzogenburg unterwegs sind. Sechs Stunden und 24 km. Davon gehen wir drei Stunden im Regen. Tendenz immer heftiger, bis wir gut durchnässt in der Pilgerherberge des Stiftes die Dusche genossen haben. Ob das alles wieder trocken wird bis morgen? Oder ist es ohnehin egal, weil es morgen wieder naß wird? Es sind Fragen, die ihre Antworten finden werden. Spätestens morgen früh. Heute gilt es, in den feuchten Rückspiegel zu schauen.

Tonnenschwere Erntemaschine gibt auf

3_Rübenernte_IMG_3443Nach dem wunderbaren Frühstück gehen wir zur Kirche Asperhofen. Dort warten Maria, Johann, Inge und Veronika auf uns. Wir bekommen den Pilgersegen und Rembert trägt als Impuls ein Gedicht vor. Regen, Sonne, Welt und Feuer sind darin angesprochen. Dass uns heute der Regen trifft, hätten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedacht. Am Mittelpunkt von NÖ in Kapelln hat es schon ordentlich geregnet. Ein riesiges Ungetüm kommt auf uns zu. Es ist eine Rübenerntemaschine. Sie hält am Feldweg neben uns an. Der Fahrer bedauert uns, dass wir im Regen gehen müssen. Ich erkläre ihm, der etwa  so hoch über uns schwebt, wie wenn er auf einem alten Predigtstuhl stünde, was wir als Klimapilger tun. Er ist erstaunt und kann damit nicht wirklich viel anfangen. Vielleicht ist es auch das Regenwetter, das ihn zur Untätigkeit treibt. Er ist mit seiner Maschine nicht mehr arbeitsfähig, weil für diesen Boden einfach zu schwer. Er hat es probiert und die fast einen Meter breiten Spuren haben in das feuchte Feld gesucht und sich immer mehr vertieft. Es geht nicht mehr. Ich gehe weiter und denke bei mir, was diese tonnenschwere Agrartechnologie eigentlich mit dem Boden macht. Das kann kein Wurm überstehen. Zerquetscht. Bodenverdichtung auf einem aktiven Feld.

Das hält die Welt nicht aus

3_Anna_IMG_3445Bodenverdichtung hat auch Propst Maximilian Fürnsinn bei der Umweltinitiativen-Veranstaltung im Stift angesprochen: „Die Versiegelung des Bodens kann nicht so weitergehen. Es wird sich aber nichts ändern, solange Hallen und Großmärkte einfach so gebaut werden können ohne die Verpflichtung zum Rückbau nach Beendigung der Geschäfte.“  In verschiedenen Kurzreferaten wurden Themen angesprochen, die für uns KlimapilgerInnen zentral sind: Luxuskonsum und Überlebenskonsum sollte gut unterschieden werden. Graue Energie wird von uns still und heimlich importiert, ohne CO²-Abrechnung. Mit einem internationalen Blick auf Amazonien fragt eine Kayopafrau: Woher nehmt ihr das Recht uns zu bestehlen? Landraub und Ressourcenraub fusst bei sechs von zehn internationalen Großkonzernen auf fossilen Brennstoffen. „Das Vorbild Industriestaaten wie USA und Europa muss fallen. Das hält die Welt nicht aus.“

Das lebensfressende Monster
3_klimagruppe_IMG_3476In den Rucksack der Alternativen, den wir kurz vor der Pause vorstellen dürfen, packen wir viele regionale Projekte. Es hat schon eine Kraft, wenn in den Klima- und Energiemodell-Regionen mehr als 1.000 Klimagemeinden die Unabhängigkeit von fossiler Energie anstreben, vorbereiten, angehen. Von unserer Gruppe sitzt dann Anja Appel am Podium und erzählt von jenen Frauen in der Welt, die mit Überlebenstätigkeiten ihre Tage gefüllt bekommen. „Regionale Strukturen sind aus meiner Sicht viel zu langsam und fast immer systemimmanent. Das System selber ist aber das überdimensionierte lebensfressende Monster.“ Das stellt Anja in den Raum. Und dann sehe ich wieder das Rübenerntemonster vor mir auftauchen, am Feldweg, tief eingefurcht, im Regen. Gut, dass es in der Pilgerherberge warm, trocken und hinter mir so gesprächig zugeht. Erich und Kurt sind zu uns gestoßen. Überall hängt die noch feuchte Pilgerkleidung.  Schon heute hat mich Radio Arabella interviewt. Morgen geht eine Redakteurin ein Stück mit. Ich rate ihr: Regenkleidung auch für das Mikrofon.

Tag2: Verrückte Schilder am Weg

2_Frühs_IMG_3293#Klimapilger hat der 3-jährige Noah noch nie gesehen. Er war neugierig. „Kommt ihr eh zum Frühstück?“, frage der über die Oma. Ja, wir bekommen heute ein wunderbares Frühstück bei den Binders. Und Noah hat uns gemustert. Ein gemeinsames Foto war ihm dann sogar recht.  Wir brechen auf in die Sonntagsmesse in Purkersdor. Es wurden besondere Geburtstag gefeiert, die Ehejubilare und wir Klimapilger haben den Segen bekommen. Bürgermeister Schlögel saß in der Bank hinter uns und beim Segen für die besonderen Geburtstagskinder war er vor uns. Hans Hisch von den Pilgrim-Schulen hat uns wieder ein besonderes Projekt des Purkersdorfer Gymnasiums in den Rucksack der Alternativen mitgegeben. Und er ist wie Pia und die Tochter von Rembert ein Stück des Waldweges mitgegangen. 11 Uhr war Abgang und das war, wie wir am Abend gesehen haben, für die fast 26 km „etwas spät“.

Schilder verdreht

2_Weg_IMG_3327Über lange und weite Forstwege ginge es Richtung Westen. Asperhofen ist unser Ziel. Eine Wandergruppe aus Krems hat sich ein Stück Weges angeschlossen. Wir finden ein wunderbares Gespräch im Dahingehen. Eine ältere Frau meint, „dass es anderen etwas komisch vorkommt, weil sie immer mit dem Fahrrad unterwegs ist“. Wir ermutigen sie. Die Idee und unser Gehen für Klimagerechtigkeit wird sehr offen aufgenommen. Wir fühlen uns bestätigt und sie auch, weil sie sowohl die Anreise als auch die Abreise mit der Bahn machen. „Es dauert halt ein bischen länger, dafür fahren wir gemeinsam.“ Schön, wenn immer mehr Menschen mit Chauffeur fahren. Nach etwa 2 ½ Stunden kommen wir zu einer Weggabelung. Der Jakobsweg, dem wir hier folgen, wird scharf nach links angezeigt. Wir gehen die Forststraße nach oben. Es kommt ein komisches Gefühl  bei mir auch, weil meine Orientierung mir sagt: Wir gehören viel mehr nach rechts. Dannn stoppen wir. Roland schaut vorne. Nein. Wir drehen um, weil auch eine Frau mit Hund meint, dass es zur „Franiskaner-Ruine“  in die andere Richtung geht. Wir kommen wieder zur Beschilderung. Wir schauen und merken: Irgendjemand hat die Schilder verdreht. Wir richten sie ein und sehen vor uns einen Mann seine Karte studieren. Er geht voran und hält wiederan und schaut. Dann merkt auch er, dass er den verrückten Schildern am Wege aufgesessen ist.

Und die verrückten Schilder der Welt?

2_Tisch_IMG_3383Ich denke mir beim Weitergehen: Wer hat der Welt, der Gesellschaft die Schilder verdreht? Wo sind die Menschen, die uns auch ohne Beschilderung helfen können? Klimapilgern geht diesem Anliegen nach: Verrückte Werte wie Geld-Ökonomie oder verrückte Beschilderung wie Konsum- und Billig-Werbung aufzuspüren und sich davon zu befreien, loszugehen.  Wir finden die Ruinen des Franziskaner-Klosters, das im 17. Jht zerstört wurde. Wir finden Ried und das Gasthaus Schmidl, das wir erwartet haben. Es ist genau 15 Uhr. Und was steht draußen auf der Tafel?  Ab 15 Uhr geschlossen. Ich suche hinten durch den Hof den Hintereingang und sie nehmen uns auf für Suppe und zum Trinken. Danke euch. Es war gut, den vor uns liegen weitere  geschätzte 3 Stunden. Kurz gesagt: In 2 ¾  Stunden  sind wir bei der „Jakobshütte“ angelangt. Es wurde finster. Nein, es ist finster und wir sind froh, da zu sein. Franz und Gabi haben uns köstlich versorgt. Der Umwelt-Gemeinderat Josef Fritz von Asperhofen kommt überraschend bei der Tür herein und will uns begrüßen.  Er hat von uns gehört. Wir freuen uns über diese Wahrnehmung und er bleibt lange bei uns sitzen. Das Gehen geht uns allen etwas nahe. Aber es geht wirklich sehr gut. Pia verlässt uns, weil sie morgen arbeiten muss. Ebenso Ingrid. Fünf KlimapilgerInnen legen ihr Haupt in das Lager der Jakobshütte, wo auch schon die Jerusalempilger gelegen sind. Es war ein guter und langer Sonntag.

Tag1: Hinaus aus der Stadt

1_Stephansplatz_IMG_3203#Klimapilgern steht in den nächsten 22 Tagen in meinem Kalender. Zu Fuß werden wir die etwa 370 km von Wien über Ottensheim nach Salzburg zurücklegen. Am Transparent steht „Ökumenischer Pilgerweg für Klimagerechtigkeit“. Der Bus bringt mich von der Haustüre in Kirchschlag zum Zug nach Linz und der zur U3 nach Wien, damit ich um 9.45 Uhr beim Stephansplatz „auftauche“. Der Rucksack ist gut gefüllt. Diesmal ist auch der Laptop mit, um das Thema Pilgen für das Klima an #LaudatoSi entlang zu dokumentieren, für möglichst viele zugänglich zu machen.

Die Welt ist in Geißelhaft des Mammon

1_Schuhe_IMG_3267Am Stephansplatz ist die Bühne aufgebaut. Die MusikerInnen haben schon Platz genommen. Evangelischer Superintendent, orthodoxer Erzdiakon und Bischof Schwarz von Linz stehen für ihre Statements bereit. Der Wind weht ziemlich kühl um den Stephansdom. Am Schluß betreten wir Pilger mit Rucksack die Bühne. Warum gehen wir den weiten Weg? Ich meine: „1. Weil ich tief drinnen spüre, dass sich die Welt und Gesellschaft in Geißelhaft des Mammon, der Geldökonomie befindet. Pilgern befreit davon. 2. #LaudatoSi ist mir ganz wichtig geworden. Der Papst will die Welt auf ihre ökologische und spirituelle Dimension führen. 3. Ich möchte selber mich einüben in eine größere mitwelt-sensiblere Haltung. Die Natur wird uns hier viel lehren und lernen in unserer Pilgergemeinschaft.“ Wir schweigen kurz und hören hin auf den Herzschlag von uns selber und den der Welt. Das gilt es zu versöhnen. Nach 1 ½ Stunden ist diese Startveranstaltung zu Ende und wir gehen los, „damit etwas weitergeht“, wie es mein Mitpilger Rembert vor allen gemeint hat.

Der Rucksack der Alternativen füllt sich

1_Herberge_IMG_3279Wir gehen etwa zwei Stunden in der Stadt Richtung Westen. Dann tauchen die Bäume auf, der Wienerwald. Über den lehmig-nassen Wanderweg geht es in Höhrweite zur Höhenstraße hinüber nach Hadersdorf. Dort der Bahn und der Wien entlang hinauf nach Purkersdorf. Waren wir am Anfang an die 25 PilgerInnen, sind wir am Tagesziel 12. Ingrid, Silvia, Rembert und ich finden bei Familie Binder Unterkunft. Nach dem Abstecher zur Veranstaltung der Klimabündnisgemeinde im Bildungszentrum, wo wir uns und unser Anliegen kurz vorgestellt haben, sind wir von unseren „Herbergseltern“ noch gut bekocht worden. Der Rucksack der Alternativen hat schon Erde aus der Ukraine, aus Ungarn aufgenommen. Die Pilgrim-Schulen haben ihre Ideen schon hineingelegt. Die Gemeinde Purkersdorf hat die zweiseitige Liste ihrer Maßnahmen mitgegeben. Schon am ersten Tag so viele Dinge, die den Herzschlag der Welt andeuten. Alles ist „gut gegangen“. Der Schlaf wird dann kommen, wenn wir in der Horizontale sind. Die Kathpress hat schon berichtet und ebenso ist eine Bericht auf der Ordensseite. Mein Kollege Robert konnte diese 20 km heute deswegen nicht mitgehen.

#ganzOhr bei P. Martin Werlen in der Schweiz

P. Martins Baum

P. Martins Baum

Wo begegnet dir Mitte? Wo Rand? Wo liegen deine Inspirationsquellen? In einem Satz euer Ordensauftrag? Wo siehst du eure Gemeinschaft in 25 Jahren? – sind die Fragen, die ich ausspreche, wenn ich #ganzOhr bin bei Begegnungen mit Ordensfrauen und Ordensmännern. Heuer im Sommer bin ich P. Martin Werlen vom Kloster Einsiedeln in der Schweiz begegnet. Auch ihm durfte ich die Fragen stellen. im Gäste-Garten des Klosters hat er sie beantwortet. P. Martin war 12 Jahre lang Abt des Klosters. Er will, dass er wieder „P. Martin“ ist. Für Abt em. scheint er mir auch noch etwas zu jung. Wir lachen. Er hat mit seiner Schrift über Glut und Asche vor 3 Jahren Aufsehen erregt. Er gehört in der „medialen Schweiz“ zu den Hauptansprechpartnern, wenn es um Kirche und Spiritualität geht. Auf Twitter war er @abtmartin und hat die #Bahngleichnisse geschrieben. Heute ist er  @moenchmartin  mit über 2.000 Followern. Immer wieder postet er dort Aussprüche, Erkenntnisse, Sichtweisen. Diese Unterschiedlichkeiten verdeutlicht er immer wieder mit einem Foto von seinem Klausurzimmer aus auf einen Baum. Diesen Baum habe ich, als wir ihn besucht haben, sofort erkannt.

P. Martin wird am DI 24. November zum Ordenstag nach Wien kommen. Mit zwei Impulsen wird er mehr als 400 Ordensleute, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Werken der Orden inspirieren. Hier sagt er kurz, „was wir in Wien beim Ordenstag gemeinsam entdecken werden„.

Kloster Einsiedeln

 

Zuvielisation wird dir gefallen

Dieser Tage hat ein Freund zu mir gemeint, nachdem wir über die verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungen „dahingescherzt, gemurmelt, -gesucht und -philosophiert“ haben: „Dieser Begriff wird dir gefallen: Zuvielisation“. Er spielte da natürlich auf die Videos „viel mehr wesentlich weniger“ und so manche Diskussion in diese Richtung, die wir immer wieder einmal führen. Stimmt. Ein sehr treffender Begriff. Mir selber sind später weitere Begebenheiten „zugefallen“. Beim Theodosius-Symposium hat ein Referent über Werte und Wert gesprochen. Wir sollten in Gedanken in den Garten hinausgehen und vom Baum einen Apfel essen. Dann machte er uns aufmerksam: Das ist schädlich für das Wachstum der Wirtschaft. Wir sollten lieber ins Geschäft gehen und dort einen Apfel kaufen. Dann wächst die Wirtschaft, weil wir – sagen wir – einen Euro dafür bezahlen. Der Apfel aus dem Garten steigert das BIP in keinster Weise. Er lässt uns weiter denken und rechnen: Nehmen sie einen Vater, der 2.500 EUR verdient und dazu auch eine Mutter mit 2.500 EUR. Sie haben zwei Kinder und bezahlen für die Kinderbetreuung 2.000 EUR. Alle drei Positionen ergeben für das BIP 7.000 EUR. Die Wirtschaft floriert. Sehr schön. Jetzt nehmen wir an, das Paar entscheidet sich, dass ein Partner bei den Kindern bleibt. 2.500 und Ende. Das BIP rasselt herunter auf 2.500. Die „Wirtschaft“ ist reduziert. Aber was ist der Wert. Was ist wert-voller? Es geht mir nicht darum, Vater oder Mutter an den Herd zurückzudrängen, sondern nur um die ausschließlich monetäre Bewertung der Werte in unserer „Zuvielisation“. „Wir brauchen Wachstum“, rufen allseits die Politiker. Und was meinen sie damit wirklich? Neue Berechnungsmodelle? Dass sich immer mehr Bereiche ins monetäre Schema pressen lassen? Ich denke zurück an eine Zeit, wo im Bergdorf auf Anraten des Landes OÖ die Vereine fast begonnen hätten, sich gegenseitig die „Leistungen“ monetär zu berechnen. Wir haben die Notbremse gezogen. Das Gemeinwesen und der Zusammenhalt darf nicht monetär getragen, bewertet, abgerechnet sein.

Weniger Wohlstand ist kein Verzicht

UnbenanntEin anderer Aspekt dieser Zuvielisation begegnet mir heute in einem Interview im Relevant 3/2015 mit Niko Paech, de ich hier in Wien vor 2 Jahren persönlich kennen lernen durfte. Hier sagt er: „Wir leben in Europa brutal über unsere Verhältnisse. Ein großer Prozentsatz der angeblich arbeitenden Bevölkerung bringt keine physische Produktivität mehr hervor, sondern verarbeitet Informationen und erbringt sogenannte wissensintensive Dienstleistungen, bewegt sich dabei selber aber in immer höherem materiellen Wohlstand. Die Drecksarbeit wird an ökologisch ruinöse Produktions- und Mobilitätssysteme oder asiatische Länder delegiert. Diese ‚Bequemokratie‘ bricht schon jetzt an den südlichen Rändern Europas zusammen.“ Er stellt weiter in den Raum, was wir ohnehin alle spüren. Weniger ist mehr und Wesentliches braucht nicht viel, schon gar nicht zu viel. Paech: „Weniger materieller Wohlstand ist kein Verzicht, sondern bedeutet, die Gesellschaft von der Wohlstandsverstopfung zu befreien. Das bedingt eine Steigerung der Resilienz (Widerstandskraft) und Krisenrobustheit. Weniger kommerzielle Arbeitszeit, mehr Handwerk, mehr Selbstversorgung sind einige Elemente einer notwendigen Postwachstumsökonomie.“ Wir werden beim Klimapilgern auch bedenken, dass der ökologische Pro-Kopf-Verbrauch sich für 7 Milliarden Menschen ausgehen muss. Im „Rucksack der Alternativen“ sammeln wir Beispiele für subsistente, nachhaltige und gerechte Lebensweisen, die ein neues Glücksverständnis als Basis haben und sicher mehr psychische Gesundheit grundlegen. In jedem Fall bestätige ich meinem Freund auf diese Weise: Der Begriff gefällt mir. Die Tatsache weniger.

 

Um der Versöhnung willen gehe ich klimapilgern

1000IMG_2887Klimapilgern nennt sich unser Unterfangen, das uns zu Fuß in nicht einmal 21 Tagen von Wien aus über Linz nach Salzburg führen wird. Diese geschenkte Zeit möchte ich „In die Versöhnung gehen“ nennen.  Das ist die Überschrift, die dieses Gehen bei mir drinnen trägt. Das klingt recht klein und auch individualistisch. Ist es aber nicht. Versöhnung ist die tiefe Form des Friedens und der Gerechtigikeit. Versöhnung braucht Achtsamkeit und macht dankbar. Wir denken an ein versöhntes Herz, eine versöhnte Beziehung. Das ist alles gemeint. Ich denke und gehe aber auch für ein versöhntes Verhältnis zur Natur, zur Mitwelt, zur Umwelt und das weltweit. Das eigentliche Ziel ist Paris, wo Ende November der Weltklimagipfel stattfindet. Dort werden hoffentlich Entscheidungen fallen, die Mensch und Natur wieder versöhnen.

Gehen versöhnt

1000IMG_2891Schon oft habe ich bei Vorträgen und auch hier meine tiefe Überzeugung geäußert. Gehe und lass dich an der Naturbegegnung versöhnen. Das Pilgern habe ich gerade jetzt wieder in und rund um das Kloster Waldsassen entlang der Via Porta erleben dürfen. Die Natur spiegelt uns eine derartige Vielfalt in die Seele, in das Herz, in den Kopf, dass einem nicht schwindelig wird, sondern die verschiedensten Aspekte des Lebens einen Versöhnungskurs steuern. Ich habe mittlerweile schon mehrmals #LaudatoSi von Papst Franziskus gelesen, studiert und wieder durchgeblättert. Immer wieder bleibt hängen: „Alles ist in Beziehung miteinander.“ Das ist auch der Grund, warum Versöhnung in allen Beziehungen so wichtig ist. Das Klima trifft also nicht nur den Menschen in seinem Verhältnis zur Natur, sondern auch in seinem Verhältnis zum Mitmenschen, zum Fremden, zum fernen Mitbruder und die ferne Mitschwester. Wir hängen zusammen, wir fühlen zusammen, wir gehören zusammen. Das braucht eine tiefe Ordnung, das verlangt klare Regeln und ein gutes empathisches Gespür. Im Grunde ist die Kernfrage für jeden Menschen: Wie kann ich dienen? Wo und wem kann ich mich mit meinen Fähigkeiten öffnen? Wer braucht gerade mich? Wie erlebe ich mich als Teil eines Ganzen? Die derzeit öffentlich omnipräsente Fragestellung ist nämlich eine ganz andere: Wie kann ich (mehr) verdienen? Was rechnet sich? Was bleibt mir? Da steckt viel Unversöhntes drinnen. Deshalb gehen wir als Klimapilger. Um der Versöhnung willen.

Mehr als 857.000 Flüchtlinge durch einen kleinen Bahnhof

1IMG_2904Damit kein Missverständnis entsteht: Hier möchte ich nicht die Geschichte der Vertreibung der Sudentendeutschen neu beleuchten oder gar neu erklären. Es war nur so, dass ich gestern von einem Mitpilger am Nachmittag von Waldsassen nach Wiesau in der Oberpfalz zum Bahnhof gebracht wurde. Der Zug hatte Verspätung. Es bleibt Zeit, als Local Detective den Augen und Ohren Raum zu geben. Ich gehe um das Bahnhofsgebäude und stoße dabei auf eine Stele mit Metalltafeln, die an die Zeit von 1946-1952 an diesem Bahnhof erinnert.

Sie haben es geschafft

IMG_2902Auf den Tafeln wird erinnert, dass durch diesen Bahnhof von 1946-1952 857.000 Flüchtlinge „geschleust“ wurden. Ich stehe davor, betroffen. Dann rechne ich. Wenn das sechs Jahre sind, dann sind das im Schnitt etwa 140.000 jedes Jahr gewesen. Wie groß damals Wiesau war, weiß ich nicht. Heute sind es etwa 4.000 EinwohnerInnen. Die im Nachbarland ausgewiesenen Mitbürger wurden in Viehwagons transportiert, in Baracken untergebracht und dann weitergeleitet. Ich habe eine Vorstellung dazu, weil meine Schwiegermutter auch dazu gehörte. Was mich in der Nachmittagssonne so nachdenklich stimmte? Damals war die Zeit nach dem Krieg eine viel schwierigere, die Menschen hatten selber kaum das Lebensnotwendigste und dann nehmen sie alleine über diesen Bahnhof kommend fast 860.000 neue MitbewohnerInnen in Deutschland auf. Insgesamt waren es über 3 Millionen. Sie haben es damals geschafft.

Die Fahrkarte nach Hamburg

1IMG_2900Heute stehen auch drei Asylwerber beim Fahrkartenautomaten in Wiesau. Ich gehe auf sie zu und frage sie, ob ich helfen kann. Sie wollen nach Hamburg und brauchen eine Fahrkarte. Ich helfe auch ihnen die Fahrkarte nach Regensburg auszudrucken. Die drei jungen Männer stecken ihr Geld in den Schlitz. Sie fahren mit gültigen Fahrkarten. Es kommt mir eine Frau in Linz in den Sinn, die vor ein paar Tagen gemeint hat: „Ja, jetzt füllen sie alle Züge mit den Flüchtlingen an und wir, die wir Fahrkarten haben, bekommen keinen Platz.“ Schon am Dienstag Abend bei der Herfahrt von Linz nach Regensburg hat mir die Schaffnerin im ICE wertschätzend erklärt: „Die haben alle Fahrkarten, viele auch 1. Klasse.“ Es ist ein Vorurteil, dass die Flüchtlinge keine Fahrkarten haben. Mit denen ich in den letzten Wochen zusammen gereist bin, hatten alle gültige Fahrkarten. Meine drei Sitznachbarn aus dem Irak wollten nach Hamburg und weiter nach Schweden. Möge es ihnen gelingen. Und uns, dass wir uns öffnen und innere und äußere Mauern abreißen, damit Begegnung möglich wird. Heute ist das große Konzert am Heldenplatz für #refugeeswelcome von der Volkshilfe initiiert. Zehntausende sind am Platz. Hoffentlich bleibt das bei der Wien-Wahl keine Minderheit. In Wiesau leuchtet ein AI-Plakat auf unseren Bahnsteig herüber? „Jeder Mensch hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu erhalten.“ Gut, dass immer mehr Medien die Blicke weiten und konkrete Menschen, die auf der Flucht sind, zu Wort kommen lassen. Auch die ZEIT in ihrer letzten Printausgabe.